Braunschweig. Timo Keller über das Familienleben im Klimawandel. In der Folge von „Familienklima“ geht es um den ÖPNV in Deutschland und seine Haken.

Für kleinere Kinder nimmt es sich wie ein großes Abenteuer aus: das Fahren mit Bus und Bahn. Eine Reise, gemeinsam mit unbekannten Menschen, in die große, ebenfalls weitgehend unbekannte Welt. Eine Faszination, die mit dem Alter und der häufigen Benutzung natürlich abnimmt. Für Erwachsene ist der ÖPNV oft nur Mittel zum Zweck – um zur Arbeit zu kommen, um Freunde zu besuchen, um zum Urlaubsort zu kommen. Schade, dass der Zauber verfliegt.

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Unsere fünfjährige Tochter wird sich noch lange an ihre erste Fahrt mit dem Bus aus unserem Dorf nach Braunschweig erinnern – auch deshalb, weil diese Anekdote meist für Belustigung sorgt. Sie hatte die großen Busse zuvor immer nur auf der Hauptstraße durch den Ort vorbeifahren sehen und wollte unbedingt selbst mal einsteigen. Also stellten wir uns eines Tages an der Bushaltestelle an.

Wenn der ÖPNV in Deutschland doch nur einfacher zu nutzen wäre

Der Bus hielt an, die Türen öffneten sich, ich ging vor, löste das Ticket beim Fahrer, ging durch die Schranke, die danach recht schwungvoll zurückschwenkte – und reagierte nicht schnell genug. Für kleinere Kinder ist die Schranke leider auf Kopfhöhe, in diesem Fall genauer: auf Nasenhöhe. Daher begann die erste Busfahrt für meine Tochter mit Geschrei und Tränen. Das hätte besser laufen können.

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Trotz dieser Erfahrung fährt sie gerne mit Bus und Bahn. Ich unterstelle mal wagemutig, dass das für viele Menschen gilt – wenn alles irgendwie einfacher von der Hand ginge. Wenn es mehr Verbindungen gäbe, vor allem im ländlichen Raum; wenn der Tarifdschungel gelichtet und die Ticketbuchung so einfach wie eine Pizzabestellung wäre; und wenn die Fahrten auch preislich unschlagbar wären. Weil es aber (noch) anders ist, wundert es doch nicht, wenn das eigene Auto in Deutschland immer noch Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist.

In Estland ist der ÖPNV gratis für alle – ein Vorbild für Deutschland?

Immerhin, das Deutschlandticket ist ein Anfang. Für 49 Euro im Monat den Nahverkehr nutzen – da ist das Auto im Unterhalt (Sprit, Versicherung, Steuern, Reparaturen) deutlich teurer. Jetzt noch aus dem Stunden-Takt auf den Dörfern einen Halbstunden-Takt machen, und der ÖPNV hätte mit Sicherheit viele neue Fans. Oder wir machen es gleich wie in Estland: Dort ist der Nahverkehr seit 2018 nahezu überall gratis. Für alle. Ein schöner Beitrag für den Klimaschutz und gegen verstopfte Straßen in den Städten. Das fänden nicht nur Kinder zauberhaft und faszinierend.

Haben Sie Ideen, Anregungen oder Kritik? Schreiben Sie mir: timo.keller@funkemedien.de.

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