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Braunschweiger Läden: Harzer Wurst füllt eine Nische

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Jörg Schreiber betreibt das „Harzer Wurstlädchen“ an der Berliner Straße in Braunschweig.

Jörg Schreiber betreibt das „Harzer Wurstlädchen“ an der Berliner Straße in Braunschweig.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

Braunschweig.  Seit mehr als zehn Jahren gibt es das „Harzer Wurstlädchen“ an der Berliner Straße. Auf 28 Quadratmetern hat Jörg Schreiber eine Marke aufgebaut.

Achtmal Mett, fünf Mal Bregenwurst und vier Mal Leberwurst.“ Hans-Peter Schnell kauft ein. „Für meine Jungs in der Autowerkstatt“, sagt er, „die lieben diese Wurst.“ Dafür kommt der Mann aus Sickte extra nach Braunschweig. Ins „Harzer Wurstlädchen“ an der Berliner Straße.

Hier liegen hinter dem Tresen Schwartenwurst und Sülze, Pfeffersäckchen und Fleischsalat, von der Decke hängen Stracke, Knüppel und Feldkieker. Dahinter steht Jörg Schreiber. Und strahlt. „Läuft gut“, sagt er. „Guck doch mal raus, hier fahren an die 10.000 Autos am Tag vorbei.“ Und viele halten bei ihm an.

Die meisten Kunden im Harzer Wurstlädchen sind Stammkunden

Seit 2009 betreibt Schreiber den kleinen Spezialitätenladen. 28 Quadratmeter. Eine Nische, in der er sich einen Namen gemacht hat. „Die meisten Kunden hier sind Stammkunden“, sagt er. Und wer noch nicht zur Stammkundschaft gehört, fühlt sich so. Schreiber duzt eh jeden. „Na Mädchen, willste nicht noch ne Stracke mitnehmen?“, fragt er eine ältere Dame. Sie will.

Jörg Schreiber kann auf Menschen zugehen, hat ein gewinnendes Lächeln. Das setzt er ein. In langen Jahren hat er den Verkauf gelernt. Angefangen bei einem Herrenausstatter in seiner Geburtsstadt Stendal. 1999, nach der Ausbildung, ging der 1978 geborene Mann nach Westen. „Damals gingen alle jungen Leute weg“, erinnert er sich gut, „wir wollten alle ans Geld.“

Mit einem Verkaufswagen vor dem Praktiker-Baumarkt fing der Wurstverkauf an

Der „goldene Westen“ war dann auch nicht nur goldig, aber Jörg Schreiber hat sich durchgebissen. Irgendwann hat ihm ein Bekannter die Harzer Wurstwaren empfohlen. Schreiber übernahm einen Verkaufswagen und ging an den Start. Mit Erfolg. Zuletzt stand er vor dem Praktiker an der Berliner Straße.

„Menschen, die in den Baumarkt kommen, haben häufig Zeit und oft auch Geld“, erinnert er sich vor allem an viele Rentner, die sehr gern nach dem Einkauf von Werkzeug oder Blumenerde an seinem Stand noch Wurst kauften. Und gern auch länger blieben, Jörg Schreiber hat immer Zeit für einen Schnack.

Kurz nachdem Praktiker aufgegeben hatte, sah Jörg Schreiber den leerstehenden Laden gegenüber. Eine frühere Trinkhalle, ein bisschen runtergekommen. „Aber ideal für mich“, war Schreiber klar. Die richtige Größe und die richtige Lage. 2009 ist er eingezogen. Fast in direkter Nachbarschaft zu einem klassischen Fleischerfachgeschäft. „Wir nehmen uns nichts weg“, sagt Schreiber, „Vielfalt ist gut fürs Geschäft. Außerdem ist Braunschweig groß. Früher gab es mehr als 100 Fleischerfachgeschäfte in der Stadt.“

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Aus einer alten Trinkhalle wurde ein Laden mit dem Charme „der guten, alten Zeit“

Er hat alles renoviert, draußen ein Graffiti sprayen lassen, mit Motiven von alten Bildern, dann konnte es losgehen. Seine Stammkundschaft kam mit. Und neue hinzu. Gerade kommt ein Kunde aus Dibbesdorf in den kleinen Laden: „Acht Dosen bunte Mischung“, sagt er und hält seine Tasche auf. „Ich komme alle paar Wochen mit dem Fahrrad hierher und kaufe hier ein“, sagt der Mann, „der Geschmack ist einmalig.“

Das Geheimnis: „Klassische Handarbeit“, sagt Schreiber, „die Schweine im Harz werden regional gehalten, es wird über Buchenholz geräuchert, die Zwiebeln sind frisch und der Knoblauch auch“, nennt er einige Besonderheiten seiner Waren. Seit 2015 hat er auch einen Onlineversand. „Noch nicht besonders groß, aber es wird mehr.“

Schreiber wohnt mit seiner Frau Marie, einer Sozialpädagogin, und Töchterchen Emma in Wendhausen. Zu ihm gehört auch noch Lisa, die siebzehnjährige Tochter aus einer früheren Beziehung. „Meine Große besucht ein Sportinternat in Berlin“, sagt der Papa stolz. Schreiber kommt jeden Tag mit dem Rad. Und bringt sein Wasser mit, das er extra filtert und in speziellen Karaffen aufbewahrt. „Die Form der Karaffe beeinflusst die Struktur des Wassers“, sagt er. Und lächelt. „Ich weiß, viele halten das für Humbug, ich schwöre darauf.“

Viel Arbeit: Eine 50-Stunden-Woche ist normal – „Urlaub machen die anderen“

Der Harzer Wurstladen ist täglich geöffnet. „50 Stunden die Woche stehe ich hinter dem Tresen“, sagt Schreiber, „und da ist das Auspacken, Einpacken und Verschicken noch nicht mit drin.“ Aber er macht seinen Job gern. Urlaub allerdings ist nicht drin. „Urlaub machen die anderen“, sagt er lachend.

Das Thema Tierwohl ist Jörg Schreiber wichtig. „Gute Haltung und vernünftige Schlachtung sind Voraussetzung für gute Ware“, sagt er, „dann habe ich auch kein Problem mit dem Fleischverzehr.“ Zumal er aus seiner Kindheit gute Erinnerungen hat. „Ich hatte eine coole Oma, die hatte Marxismus und Leninismus studiert“, erzählt er, „die hat mir imponiert.“ Die Oma hatte auch eigene Schweine und zum Winter kam der Schlachter zur Hausschlachtung. „Das war jedes Mal ein Fest“, weiß Schreiber noch gut.

Jetzt ist die Wurst sein tägliches Brot. Und das ist für ihn ok. Und für seine Kunden erst recht. Hans-Peter Schnell aus Sickte jedenfalls kommt regelmäßig. Nicht nur für die Jungs in der Autowerkstatt seines Bruders, sondern auch für „seine“ Soldaten. Schnell war 33 Jahre bei der Panzerdivision Hannover („für einen Eintrachtfan die Höchststrafe“). Ein pensionierter Soldat. Nach wie vor begeistert im Einsatz. Jetzt im Kreisverbindungskommando Wolfenbüttel. „Wir unterstützen den Katastrophenschutz“, erklärt er, „wir arbeiten dabei eng mit der Landrätin zusammen.“ Und mit Jörg Schreiber, denn die Wurst für die Soldaten wird immer aus dem „Harzer Wurstlädchen“ geholt.

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