Braunschweigs Kleine Läden

Braunschweigs Ringgebiet lockt Neu-Unternehmerin

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Kathrin Gericke in ihrem Reich: Der Akzente-Eckladen an der Heinrichstraße.

Kathrin Gericke in ihrem Reich: Der Akzente-Eckladen an der Heinrichstraße.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

Braunschweig.  Kathrin Gericke hat zwischen zwei Lockdowns eine Neueröffnung gewagt. Ihr Rezept: „Du musst gern arbeiten und brauchst finanzielle Reserven...“

Am 16. Oktober 2020 hat Kathrin Gericke ihren Eckladen an der Heinrichstraße 25 eröffnet. Und am 16. Dezember wieder zugeschlossen. Lockdown. „Ich hatte das einkalkuliert“, sagt die studierte Betriebswirtin, „jeder ahnte damals, dass ein zweiter Lockdown kommen würde, ich hatte für finanzielle Reserven gesorgt.“ Heute, im zweiten Jahr, läuft es gut. „Und nächstes Jahr wird es perfekt, dann kenne ich meine Kundschaft noch besser und kann mein Angebot noch genauer auf ihre Wünsche ausrichten“, freut sie sich auf die Zukunft.

Sie kam gut durch den Lockdown. „Ich hatte sofort einen Kundenstamm, wir haben einen Draußenverkauf und Terminshopping gestartet, zum Teil haben sich meinen Kundinnen hier auf der Terrasse umgezogen“, erzählt sie lachend.

Eine alte Liebe zur Werkstatt

„Eine Mischung aus modernem Landhaus- und Industrialstyle“, beschreibt die Inhaberin ihr Angebot. Es gibt Mode, Möbel und Accessoires. Sie mag es eher klassisch und schnörkellos. „Pieces im Undone-Look für ein lockeres, unangepasstes Loftflair“, beschreibt sie ihr Angebot. Holz mit Patina ist zu sehen, dunkel lackiertes Metall. Ein Hauch vom Charme alter Werkstätten. Mitten im Östlichen.

Die Liebe zur Werkstatt ist ihr in die Wiege gelegt. Der Vater ist Alfred Gericke Karosserie- und Fahrzeugbau am Madamenweg. „Er hat in den 70ern das rollende Woltersfass erfunden und gebaut“, erzählt Kathrin Gericke, „ältere Braunschweiger werden sich bestimmt erinnern.“

Sie erlebt eine behütete Kindheit, Schule und Abi am HvF. „Dann wollte ich studieren“, blickt sie zurück. Eigentlich Kunst, aber das traute sie sich dem Handwerks-Vater eher nicht zu sagen. Also, lieber BWL. „Kannst du machen“, sagt der Vater, „aber vorweg eine Lehre.“

Lehre vor dem Studium

So kommt Kathrin Gericke ins Mövenpick Hotel zur Ausbildung. „Die hatten in dem Jahr mehr als 1000 Bewerbungen“, weiß sie noch genau, „das Mövenpick war damals unglaublich angesagt.“ Sie ging davon aus, dass sie mit ihrem guten Abi die Lehrzeit von drei auf zwei Jahre verkürzen kann. „Nein“, sagte der Hotelchef direkt, „hier lernen alle gleich lang. Außer du schaffst praktisch und theoretisch eine glatte Eins.“

Das ist Ansporn genug für die junge Abiturientin. Nach zwei Jahren legt sie ihren Einser-Abschluss hin und kann das BWL-Studium in Aachen beginnen.

Auch das in Rekordzeit. „Ich war schon immer sehr ehrgeizig und zielorientiert“, beschreibt sie sich, „meine Eltern haben das erwartet.“ Außerdem studiert parallel die ältere Schwester. „Ich wollte meinen Eltern so wenig wie möglich auf der Tasche liegen“, erklärt sie ihr Vollgas.

Start in einem Möbelhaus

Ein großes Möbelhaus kann die Absolventin mit einem Stellenangebot überzeugen: „Assistentin der Geschäftsführung“. Sie wählt als Aufgabengebiet den Verkauf. Doch schon nach wenigen Wochen wird ihr der Einkauf anvertraut. Mit rasantem Erfolg. „Ich konnte dort meine Kreativität, meine künstlerischen Talente voll ausleben“, erzählt sie. Gepaart mit dem Zahlen-Blick einer Betriebswirtschaftlerin. Die perfekte Kombination.

Als „rechte Hand“ vom Unternehmer genießt sie ihre Position. Aber es waren auch elf anstrengende Jahre, die Zeit war gekommen, zu wechseln. Ein neuer Job in Celle. Mitglied der Geschäftsleitung. Und sie gibt wieder Gas. Sechs Jahre auf der Überholspur. „Ich wollte etwas erreichen“, sagt sie. Und es macht ihr Spaß. Sie kann Entscheidungen treffen, Flächen gestalten. „Ich war für den kompletten Produktzyklus vom Einkauf über die Präsentation bis zum Abverkauf verantwortlich“, erzählt sie.

Als Vertretung im Handelsverband der Möbelhäuser verhandelt sie über Preise und Margen.

Und verliert sich zunehmend aus dem Blick. Europaweit besucht sie Messen und Ausstellungen. Ihre Position bedeutet auch, an wichtigen Tagen im Möbelhaus präsent zu sein. „Und fast alle Tage waren wichtig“, weiß sie noch genau. „Ich war zum Beispiel zu einer Sitzung in Amsterdam, bin nachts noch zurückgefahren, im Büro vorbei und dann morgens früh wieder im Dienst“, beschreibt sie ein Hamsterrad, das auch von ihr selbst angetrieben wurde.

Bei einem Kite-Unfall auf Sylt wird sie wach. „Ich hatte Glück bei dem Sturz, aber mir wurde klar, dass ich nur noch müde war. Ich wusste: Du musst da weg.“

Vollbremsung nach Kite-Unfall

Sie wechselt noch mal in ein anderes Möbelhaus. Diesmal Hannover. Aber die Müdigkeit bleibt. Irgendwann sagt sie zu Hause bei ihren Eltern: „Ich kündige.“ Die Antwort ihrer Schwester: „Auf jeden Fall, guck dich doch mal an.“

Inzwischen hat sie Kai getroffen. Oder besser: wiedergetroffen. Online. Über ein Business-Netzwerk. „Ich habe so rumgescrollt und gedacht: „Ach, guck mal, ein ehemaliger Klassenkamerad“, erzählt sie lachend.

Der von der HvF ist heute ihr Mann. „Er bot mir an, zu sich nach Lehndorf zu ziehen, um Ruhe zu finden, um abzuschalten.“ Sie braucht lange, um sich zu erholen. „Ich war leer. Ich war in einer Reha auf Usedom, danach habe ich drei Jahre lang fast gar nichts gemacht“, sagt sie, „ich habe gemalt, ging spazieren, habe Musik gehört.“

Aber ganz weit hinten im Hinterkopf wabern doch wieder Pläne. „Ich wusste, dass du nicht für immer zu Hause bleiben kannst“, sagt ihr Vater noch lächelnd auf dem Sterbebett. Kathrin Gericke startet mit dem Verkauf von ausgesuchten Produkten auf Ambiente-Festen an Schlössern oder auf Gutshöfen. Wieder sehr erfolgreich, wieder mit enormer Arbeit verbunden. „Ich konnte meine Waren in den Werkhallen meines Vaters lagern, aber zu jeder Ausstellung gehören zwei Tage Aufbau, vier Tage Verkauf, zwei Tage Abbau“, beschreibt sie das Geschäft. „Und wenn es dann regnet, dann bleiben die Einnahmen weg.“ Bei einer Standmiete von bis zu 2000 Euro nicht ganz unerheblich.

Corona hat dieses berufliche „Wanderleben“ beendet. „Ich war noch mit einem Stand bei den Löwen Classics in der Volkswagenhalle“, erinnert sie sich, „eine Woche später war alles dicht.“

Ein eigener kleiner Laden

Der Gedanke an einen eigenen kleinen Laden wird wieder wach. Kathrin Gericke beginnt ihre Fühler auszustrecken, fährt durch die Stadt, schaut sich um, nimmt Kontakt zu Maklern auf. „Das Östliche Ringgebiet oder das Magniviertel wurden meine Favoriten“, erzählt sie von der Standortwahl. Und dann kommt das Angebot Heinrichstraße 25. „Ein Glücksfall in jeder Hinsicht“, schwärmt sie. „Ein charmanter Altbau, ein großartiges Quartier und ein Engel an Vermieter“, lacht sie, „er hat mir alle Umbauwünsche erfüllt.“

Und „den Rest“ hat ihr Mann gemacht. Der ist nicht nur Finanzexperte, sondern auch handwerklich top. Sie auch. Ein Dreamteam.

„Ich war schon immer die Anpackerin“, sagt sie. Das passt auch jetzt. Sie liebt ihren Laden. Aber auch hier ist intensiver Einsatz gefragt. Das heißt, jeden Tag putzen, jeden Tag staubsaugen, Kisten aufreißen, ein- und ausräumen, umdekorieren, Kleidungsstücke aufhängen. „Und abends kümmere ich mich um Instagram, ein unglaublich wichtiges Tool, um meine Kunden zu erreichen“, hat sie erlebt. Und die kommen inzwischen auch von weit her. „Dank meiner Onlinepräsenz“, ist Kathrin Gericke sicher.

Zeit, Arbeit und Geld

Hat sie Tipps für andere Menschen, die sich auch gern mit einem Geschäft selbstständig machen wollen? „Auf jeden Fall musst du dich auf viel Arbeit einstellen, handwerkliches Geschick ist von Vorteil und du brauchst Kapital, um Durststrecken zu überstehen.“

Punkte, die sie alle erfüllt. Sie lebt ihren Traum. Ein florierendes Geschäft, einen liebevollen Ehemann, ein erfülltes Leben. Hört sich nach Glückskind an. „Ja, das bin ich wohl“, sagt sie lächelnd, „aber ein wenig sind es auch die Früchte der harten Jahre, die ich jetzt genießen kann.“

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