Bühne frei für ein ganz besonderes Sportevent in Braunschweig

Braunschweig.  Keine Zuschauer, strenge Hygieneregeln, viele TV-Stunden – es ist angerichtet für die Leichtathletik-DM. Absagen bringen allerdings Ärger.

Der Hingucker im Stadion: Die Weitsprung- und Dreisprung-Wettkämpfe finden auf einem Podest statt. Anlaufsteg und Sandgrube wurden am Freitag aufgebaut.

Der Hingucker im Stadion: Die Weitsprung- und Dreisprung-Wettkämpfe finden auf einem Podest statt. Anlaufsteg und Sandgrube wurden am Freitag aufgebaut.

Foto: Ute Berndt

Viele Leute durften am Freitag nicht ins Braunschweiger Eintracht-Stadion, es wurde streng kontrolliert, der Corona-Infektionsschutz großgeschrieben. Wer drin war, die Helfer und Dienstleister, klotzte umso mehr ran. Am Abend standen die Wettkampfanlagen samt Technik für die deutsche Meisterschaft, die am Samstag und Sonntag im Fokus der Leichtathletik-Welt stehen soll und eben nur mit dem einen Manko leben muss, dass keine Zuschauer dabei sein dürfen.

„Beachtetes Pilotprojekt“

„Ich glaube schon, dass das ein weltweit beachtetes Pilotprojekt ist“, sagt Carsten Flügel vom NDR, Teamchef des ARD-Fernsehens, das heute außergewöhnlich lange drei Stunden live übertragen und morgen von den ZDF-Kollegen mit zwei Stunden Sendezeit abgelöst wird. „Ich bin sicher, dass die Briten und Skandinavier und vielleicht auch die Spanier ganz genau hinschauen, um vielleicht auch noch nationale Meisterschaften hinzukriegen“, vermutet der Experte.

Auch für die Fernsehleute bedeuteten die Coronaregeln große Umstellungen. Nach dem Verbot von Großveranstaltungen bis Ende August hatten sie die Titelkämpfe schon abgeschrieben. Nun stehen fünf Übertragungswagen dicht an dicht auf dem Parkplatz vor dem Stadion. Normalerweise wären es zwei. Aber die Abstandsauflagen erlauben nur drei bis vier Personen pro Regiefahrzeug, wo sonst acht arbeiten. „Also brauchten wir mehr Wagen“, berichtet Flügel.

Obergrenze schränkt alle ein

Auf einen weiteren, der benötigt worden wäre, um wirklich alle 17 Sportarten in bester Qualität mit mehreren Kameras zu übertragen, musste verzichtet werden, weil die Gesamtpersonenzahl der TV-Mitarbeiter sonst zu groß geworden wäre. Rund 100 sind es jetzt statt 120 bis 130, schließlich liegt die behördlich erlaubte Obergrenze für alle Menschen im Stadion bei 999.

Die Moderatoren sitzen durch Scheiben getrennt und können nicht in üblicher Weise interagieren, Interviews müssen auf Abstand geführt werden. Viel Organisationsaufwand also, der den Sendern aber dafür frische Livebilder beschert.

Ärger über Star-Absagen

Dass darin attraktive Aushängeschilder der deutschen Leichtathletik wie Konstanze Klosterhalfen, Gina Lückenkemper, Thomas Röhler, Christina Schwanitz und Christoph Harting fehlen, wurmt Flügel, zumal Lückenkemper am Mittwoch noch im finnischen Espoo gestartet war. „Wir sind schon ein bisschen traurig über die Absagen von Top-Gesichtern, leider ist der DLV da ein zahnloser Tiger“, ärgert sich der NDR-Mann.

Guter Dinge für die zwei Tage im Eintracht-Stadion zeigt sich nach ersten Kontrollgängen Dr. Tilman Grommé. „Entscheidend ist, dass die Abstandsregeln überall umgesetzt werden, und wo das nicht möglich ist, die Maske getragen wird“, verrät der Mediziner, worauf er am strengsten achten wird. Er arbeitet für ein Geesthachter Labor und ist vom DLV als unabhängiger Hygieneberater engagiert worden, um von vornherein Befangenheitsvorwürfen aus dem Weg zu gehen. Auch der sorgfältige Umgang mit den Wurfgeräten unter Hygienegesichtspunkten sei ihm wichtig, sagt Grommé, anders als üblich muss jeder Werfer sein eigenes Gerät mitbringen, und es muss immer wieder desinfiziert werden.

Hygieneberater: „Hohes Sicherheitsniveau“

Trotz der wieder steigenden Corona-Zahlen in Deutschland sieht Grommé keine erhöhte Infektionsgefahr bei der Meisterschaft. „Das Hygienekonzept und die Nachverfolgbarkeit aller Kontakte bilden ein sehr hohes Sicherheitsniveau“, führt er aus. Die Sportler würden sich auf dem Areal ohnehin kaum nahe kommen. Und auch bei den Mittelstreckenläufen mit Positionsgerangel, die zunächst zur Disposition gestanden hatten, sieht er kein besonderes Risiko. „Die Berührungen finden draußen statt, es weht Wind, und es sind keine Face-to-Face-Kontakte“, zählt Grommé auf, „die Athleten laufen ja nebeneinander.“

Rundherum zufrieden schaute sich Braunschweigs Stadion-Chef Stephan Lemke gestern die Aufbauarbeiten an. Fast spektakulär wirkt der riesige Holzsteg vor der Haupttribüne, auf dem Weit- und Dreispringer anlaufen und dann in eine ebenfalls in die Höhe gebaute Sandgrube fliegen werden. „Wir haben uns diesmal die große Anlage gespart, die in den Rasen eingelassen wird“, erläutert Lemke. Bei diesen Meisterschaften ohne Zuschauereinnahmen herrsche an allen Ecken Sparzwang, und so sei eine fünfstellige Summe an Einbaukosten weggefallen.

„Weltrekord könnte zählen“

Stattdessen hat der DLV seine mobile Sprunganlage mitgebracht und aufgestellt, die die Spitzenathleten bereits von Wettkämpfen wie „Berlin fliegt“ kennen. „Sie wurde heute morgen abgenommen und zertifiziert“, betont Lemke und scherzt: „Auch ein Weltrekord bei uns könnte zählen.“

Wo jetzt alles bereit ist für den großen Vorhang heute um elf, ist auch von der einstigen Unlust der Braunschweiger, diese Geister-Titelkämpfe ausrichten zu müssen, nichts mehr zu spüren. Zum einen haben sie ja nun auch den Zuschlag für die richtige Meisterschaft mit Olympiaqualifikation fürs nächste Jahr in der Tasche. Und zum anderen ist der Stolz doch enorm angeschwollen, dass diese weltweit beachtete Großveranstaltung ausgerechnet in Braunschweig über die Bühne geht.

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