Deniz Almas „Ganz klar: Der Titel ist das Ziel“

Wolfsburg.  Der Wolfsburger Sprinter kommt nach 10,08 Sekunden über 100 m selbstbewusst zur DM. Im Interview erklärt er, warum es um die Zeit gar nicht geht.

Deniz Almas vom VfL Wolfsburg reist mit viel Selbstvertrauen zu den deutschen Meisterschaften nach Braunschweig. Sein Ziel ist der Titel über 100 Meter.

Deniz Almas vom VfL Wolfsburg reist mit viel Selbstvertrauen zu den deutschen Meisterschaften nach Braunschweig. Sein Ziel ist der Titel über 100 Meter.

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/R. Schmitt / imago images

Mit einer Fabelzeit von 10,08 Sekunden über 100 Meter hat Deniz Almas, Sprinter des VfL Wolfsburg, direkt vor den deutschen Meisterschaften am Samstag und Sonntag eine kräftige Duftmarke gesetzt. Der 23-Jährige ist als Einzelkönner erst in diesem Jahr ins Rampenlicht getreten, als er sich in Leipzig zum deutschen Hallenmeister über 60 m krönte. In Braunschweig möchte Almas nun nachlegen. Im Interview mit dieser Zeitung spricht er über den kuriosen Wettkampf in Weinheim, seine Erwartungen an die Titelkämpfe und über die Bedeutung der Corona-Unterbrechung für ihn persönlich.

Nach Ihrer Zeit von 10,08 in Weinheim am vergangenen Wochenende hatten Sie erzählt, dass Sie mit reichlich Wut im Bauch gestartet sind. Wie kompensiert man das jetzt bis zu den deutschen Meisterschaften?

(lacht) Die schlechte Laune war schon nach dem Vorlauf mit der 10,13 wieder weg. Die wollte ich im Finale bestätigen. Dass es so gut läuft, hatte ich nicht gedacht, und ich war im ersten Moment auch erst mal stutzig, zumal die anderen doch deutlich dahinter waren. Tatsächlich ist es so, dass ich im Training auch schon einmal eine Bestzeit gelaufen bin, als ich so richtig schlechte Laune hatte. Dabei bin ich gar kein Trainingsweltmeister, der da Topzeiten läuft. In Weinheim war eine Zielkamera ausgefallen, und wir hatten rund 75 Minuten Verspätung. Ich hatte den Wettkampf schon abgeschrieben. Gut, dass ich nicht nach Hause gefahren bin.

Sie hatten vorher mit einer 10,24 schon die deutsche Jahresbestzeit gemeinsam mit Julian Reus inne, die Joshua Kaufmann eine Woche vor Weinheim auf 10,14 Sekunden verbessert hatte. Wollten Sie vor der DM noch einmal ein Ausrufezeichen setzen?

Mein Ziel war es, unter 10,20 Sekunden zu laufen. Als ich in Weinheim war, hatte ich das bei den Begleitumständen aber abgeschrieben.

In Braunschweig gilt ein strenges Hygienekonzept, müssen Sie sich speziell darauf vorbereiten?

Es ist wie aktuell vor jedem Wettkampf: Wir müssen einen Corona-Fragebogen ausfüllen, manchmal wird auch Fieber gemessen. Anders wird sein, dass wir während der Wettkämpfe nicht im Stadion chillen können. Aber auch das kenne ich von internationalen Wettkämpfen, bei denen es zwischendurch wieder ins Hotel geht. Ansonsten denke ich, dass ich gezeigt habe, dass ich mit den Gegebenheiten zurechtkomme, auch wenn Braunschweig jetzt kein kleines Stadion wie Weinheim hat, sondern ein großes. Das wird vielleicht noch ein bisschen anders.

Das Sportfest in Weinheim ist bekannt für schnelle Zeiten. Mit was für einem Lauf rechnen Sie in Braunschweig?

Ich bin auf der Bahn noch nie gerannt, deswegen weiß ich es nicht genau. Aber ich habe schon gehört, dass es nicht die größte Piste ist. In Weinheim ist die Bahn alt und knüppelhart, noch dazu ist mehr Wind in dem kleinen Stadion, und, je nachdem, von wo er kommt, kann in beide Richtungen gelaufen werden. In Braunschweig ist das nicht so, wir werden ganz andere Bedingungen haben. Aber bei der deutschen Meisterschaft geht es für mich nicht um die Zeit, sondern um Medaillen. Ich will zeigen, dass ich nicht nur in der Halle Gold holen kann, sondern auch draußen. Ganz klar: Der Titel ist das Ziel.

Welchen Stellenwert messen Sie diesen Titelkämpfen in Zeiten der Corona-Pandemie bei?

Eine DM ist eine DM. Vielleicht ist der Stellenwert nicht der gleiche wie vorher, aber es ist für uns der sportliche Höhepunkt in diesem Jahr. Und für mich geht es darum, so gut wie möglich mit dieser besonderen Situation umzugehen.

Wen sehen Sie als größte Konkurrenten in Braunschweig?

Joshua Hartmann gehört mit seiner Zeit von 10,14 Sekunden mit Sicherheit dazu und natürlich Julian Reus als deutscher Rekordhalter. Vielleicht wird es auch wieder ein, zwei Überraschungen geben. In Braunschweig wird es nicht darauf ankommen, wie schnell man in diesem Jahr gelaufen ist, sondern vor allem darauf, die beste Tagesform zu haben.

Sie haben im vergangenen Jahr einen Sprung von einer 10,28 auf eine 10,08 gemacht, während viele andere Athleten hadern, durch Corona sei es ein verlorenes Jahr. Sind Sie ein Gewinner dieser Corona-Unterbrechung?

Das vielleicht nicht. Ich sage es mal so: Für mich ist es auf jeden Fall gut gelaufen. Bei uns am Stützpunkt in Leipzig konnten wir fast durchtrainieren, und ich bin komplett verletzungsfrei geblieben. Da ich ja auch noch jung bin, ist es für mich zumindest kein verlorenes Jahr.

Was bedeutet dieser persönliche Sprung für eine mögliche Teilnahme bei den auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen in Tokio?

Mit der 10,08 wäre ich auch in diesem Jahr auf jeden Fall mitgefahren. Die Konstellation wäre etwas anders, da die Spiele jetzt schon wären. Aber auch die Vorbereitung wäre dann eine andere gewesen. So habe ich jedenfalls noch ein Jahr Zeit, mich zu stabilisieren und vielleicht sogar noch zu steigern. Für mich ist es mit Blick auf Olympia ein gutes Trainingsjahr.

Die 4x100m-Staffel war Ihr eigentliches Olympia-Ziel, ist es nach Ihrer Zeit jetzt ein Einzelstart?

Vielleicht, ja. Wenn man so eine Zeit rennt, dann möchte man nicht nur in der Staffel mitlaufen. Aber da muss man auch realistisch sein. Am Ende des Tages bestehen für uns Deutsche die größten Chancen, bei Olympia weiter vorne dabei zu sein, mit der Staffel und nicht als Einzelstarter.

Haben Sie sich ein Ziel für eine persönliche Bestzeit gesetzt?

Nein, mein Ziel ist es, ständig voranzukommen und mich zu verbessern.

In Ihrem Alter ist auch der deutsche Rekordhalter Julian Reus noch nicht so schnell gewesen. Seine Bestzeit von 10,01 Sekunden hat er mit 28 erreicht, Sie sind 23. Knacken Sie die 10-Sekunden-Marke?

Natürlich hat man so etwas im Kopf. Doch ich mache mir keinen Druck, da habe ich noch Zeit. Vielleicht bin nicht ich es, der diese Marke knacken wird, aber ich denke, dass es einer aus meiner Sprintergeneration mit den ganzen jungen Wilden schaffen kann.

Was macht Sie da so sicher?

Wir profitieren sehr viel davon, was die Generation vor uns mit Alexander John und Sven Knipphals, die uns Kaderathleten in Leipzig mit betreuen, noch ausprobieren musste. Zum Beispiel bei der Trainingsphilosophie können wir auf ihre Erfahrungswerte zurückgreifen. Deswegen bin ich fest überzeugt, dass einer der jungen Sprinter die 10 Sekunden knacken kann.

Sven Knipphals hat Sie vor zwei Jahren aus Sindelfingen zum VfL geholt, nun haben Sie ihn jetzt schon überholt und seinen Landesrekord von 10,13 Sekunden verbessert. War er sauer?

Ich denke, dass Sven das mit einem weinenden, aber auch einem lachenden Auge sieht. Mit seiner Arbeit ist er dabei alles andere als unbeteiligt an meiner Zeit.

Wo sehen Sie bei sich noch Steigerungspotenzial?

Nachdem in der Hallensaison der Start sehr gut war, habe ich zuletzt vor allem daran gearbeitet. In Weinheim hat er schon wieder besser geklappt als zu Beginn der Freiluftsaison. Wenn man gut startet, dann ist man hinten heraus auch schneller. Doch es gibt sicherlich noch einiges, das ich verbessern kann. Wichtig ist, dass ich verletzungsfrei bleibe.

Zur Person

Deniz Tim Almas wurde am 17. Juli 1997 in Calw (Baden-Württemberg) geboren. Er begann mit der Leichtathletik im Alter von sieben Jahren beim TV Altburg.

Seit 2017 ist Leipzig die Heimat Almas‘. Dort trainiert er im Bundeskader von Trainer Roland Stein und studiert Sportwissenschaften. 2018 wechselte Almas vom VfL Sindelfingen zum VfL Wolfsburg, seit 2019 ist er in der Sportfördergruppe der Bundeswehr und kann dadurch seinen Schwerpunkt noch mehr auf das Training in Leipzig legen.

Seine sportlichen Erfolge feierte Almas lange Zeit mit der Staffel: 2016 holte er mit ihr Bronze bei der U20-WM, 2017 und 2019 wurde er hier U23-Europameister. Mit Beginn dieses Jahres schlug er auch im Einzel ein: In Leipzig holte er in 6,60 Sek. den Titel des deutschen Hallen-Meisters über 60 m.

In Braunschweig ist das Halbfinale über 100 m für 18.35 Uhr angesetzt, das 100m-Finale ist um 19.50 Uhr der Abschluss des Samstags. Die ARD überträgt am Samstag von 17.10 Uhr bis kurz nach dem Höhepunkt um 19.55 Uhr live. Ob er am Sonntag auch über 200 m startet, will Almas spontan entscheiden, eine Meldung liegt vor.

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