„Die ganze Leichtathletik-Welt blickt auf Braunschweig“

Braunschweig.  Einige Stars fehlen, aber die starken Leistungen im Vorfeld versprechen für die deutschen Meisterschaften im Eintracht-Stadion spannende Wettkämpfe.

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo wird in Braunschwieg starten, aber nur mit verkürztem Anlauf. Sie gibt zu: „Diese Saison hat natürlich nicht den Stellenwert, den sie unter normalen Umständen gehabt hätte.“

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo wird in Braunschwieg starten, aber nur mit verkürztem Anlauf. Sie gibt zu: „Diese Saison hat natürlich nicht den Stellenwert, den sie unter normalen Umständen gehabt hätte.“

Foto: Sven Hoppe / dpa

Nicht nur Deutschland, nein, die ganze Leichtathletik-Welt soll am Wochenende nach Braunschweig blicken. Davon träumt zumindest Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes. „Denn wir sind der einzige Verband, der nationale Titelkämpfe hinkriegt“, sagt der 63-Jährige stolz. Die werden zwar ohne Zuschauer, ohne einige Topathleten und unter strengsten Corona-Hygienebedingungen über die Bühne gehen, sollen aber dank der enormen Fernseh-Präsenz doch ihr Publikum finden. ARD und ZDF haben durch die Verschiebung der Olympischen Spiele Kapazitäten frei und senden insgesamt lange fünf Stunden live aus dem Eintracht-Stadion.

Was wird es zu sehen geben bei den 34 Wettkämpfen mit 477 Teilnehmern? Einige sehr starke Leistungen in den vergangenen Wochen lassen auf spannende Entscheidungen und gutklassigen Sport hoffen.

Mihambo nennt den Zwiespalt

Auf der anderen Seite hat Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo den Zwiespalt der Athleten ganz gut dargestellt. „Diese Saison hat natürlich nicht den Stellenwert, den sie unter normalen Umständen gehabt hätte. Es ist schon so, dass man sich selbst ein bisschen schont im Hinblick auf das nächste Jahr“, sagte sie und kündigte an, ihren Wettkampf aus verkürztem Anlauf heraus bestreiten zu wollen. Andererseits sei es nach den Corona-Tiefschlägen und den Absagen von Olympia und EM in diesem Jahr ein tolles Gefühl, wieder bei Titelkämpfen zu starten: „Für uns ist es einfach, wir tun, was wir lieben.“

Beim DLV ist man guter Hoffnung, dass die Verbandsstrategie fruchtet und in starke Auftritte in Braunschweig mündet. Den Sportlern sollte durch die ermöglichte „Late Season“ mit der deutschen Meisterschaft als Höhepunkt das weggefallene Ziel ersetzt und die verloren gegangene Motivation zurückgegeben werden.

DM als „Zwischenziel für Tokio“

„Die Verschiebung der Olympischen Spiele war für alle ein Schock“, sagt Cheftrainerin Annett Stein auf die Frage nach der Stimmungslage. „Aber lamentieren raubt nur Energie, ich kenne fast niemanden, der noch sehr hadert.“ Sprinterin Rebekka Haase, mit 11,1 Sekunden aktuell die schnellste Deutsche, bestätigt: „Es ist wichtig, dass man mit der DM jetzt ein kleines Zwischenziel auf dem Weg nach Tokio 2021 einbauen kann.“

Das Fehlen einer Handvoll schillernder Aushängeschilder muss der Verband aber doch verkraften. So sagten Sprint-Ass Gina Lückenkemper, Langstrecken-Star Konstanze Klosterhalfen, Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Diskus-Olympiasieger Christoph Harting aus verschiedenen Gründen ab. Darüber sei man zwar „traurig“, sagte Anett Stein, könne es aber nicht ändern. Denn die normalerweise bei einer DM geltende Startverpflichtung für Topathleten greift in diesem Fall nicht, weil sie kein Qualifikationswettkampf für internationale Titelkämpfe mehr ist.

Die einen gönnen ihren geschundenen Körpern im Blick auf Tokio 2021 mal eine kleine Pause, die anderen trainieren durch, nehmen zwar teil, aber bereiten sich nicht gezielt auf Braunschweig vor.

Der neue Star kommt aus Wolfsburg

„Die Felder sind trotzdem vielversprechend“, sagt Annett Stein. Es gibt auch genügend Athleten, die gerade topfit sind. Weil der Corona-Sommer ihnen Zeit ließ für einen langsamen Formaufbau nach Verletzungen, wie bei Rebekka Haase. Oder weil sie junge aufstrebende Stars sind, die verletzungsfrei blieben und stetig zulegen können, wie ihre Disziplinkollegen Deniz Almas, derzeit Schnellster in Europa aus Wolfsburg, und Joshua Hartmann aus Köln, die mit 10,08 und 10,14 Top-Zeiten vorgelegt haben.

Bei den Sprintern beiderlei Geschlechts erwartet die Cheftrainerin jedenfalls packende Rennen um die Medaillen, die den Gewinnern allerdings wegen des Abstandgebots nicht umgehängt werden, sondern die sie sich von einem Tisch selbst nehmen müssen. Lisa Marie Kwayie, Lisa Mayer und Tatjana Pinto werden Haase zu übertrumpfen versuchen, und bei den Männern ist ja noch Rekordhalter Julian Reus am Start, den man nie unterschätzen darf.

Auch über 400 und 800 Meter könnte es schnell und spannend werden. Über beide Strecken haben sowohl bei den Frauen wie bei den Männern in den vergangenen Wochen gleich mehrere Athleten mit starken Zeiten Titelansprüche angemeldet. Gesa Krause über 3000 Meter Hindernis und Alina Reh über 5000 Meter dürften hingegen unantastbar bleiben.

Ohne DM hoch sechsstelliges Minus

Beim Stabhochsprung hofft Stein, dass sich aus dem Trio Torben Blech, Bo Kanda Lita Baehre und Raphael Holzdeppe im Duell einer über 5,80 Meter schrauben kann. Eine Besonderheit: Die Weit- und Dreispringer laufen nicht auf der Bahn sondern auf einem Steg an, der naturgemäß leicht schwingt, was die herausragenden Malaika Mihambo und 17-Meter-Springer Max Heß nicht am Siegen hindern sollte. Bekannte Stars von internationaler Klasse, die in Braunschweig mitmischen, sind auch Kugelstoßer David Storl sowie die Speerwerfer Johannes Vetter und Andreas Hofmann, die sich einen heißen Zweikampf liefern dürften.

„Von den Rahmenbedingungen her wird es am Wochenende keine Ausreden geben, keine guten Leistungen zu bringen“, betont Kessing im Blick auf die Wettervorhersage mit Sonne und 31 Grad an beiden Tagen und frohlockt mit Dank an seine Mitarbeiter, den niedersächsischen Verband und die Stadt Braunschweig: „Es ist ein Meilenstein, dass wir uns als Sportart wieder so gut präsentieren können.“ Denn wären die Titelkämpfe ausgefallen, hätte das einen Verlust in „hoher sechsstelliger Höhe“ bedeutet, betonte der Präsident, weil der Verband Sponsorenverträge mit der DM als Plattform nicht hätte erfüllen können.

OB Markurth: „Ventil-Funktion“

Auch für Braunschweig sei es bei allen Abstrichen eine gute Sache, die Meisterschaft nun auszurichten, sagte Oberbürgermeister Ulrich Markurth. Er betonte, nicht nur in der Sportwelt, sondern auch in seiner Stadt seien coronabedingt viele Höhepunkte weggebrochen. „Das macht was mit den Menschen“, sagte er. „Und wir werden sicherlich auch wirtschaftliche Probleme kriegen.“ Dass Braunschweig nun so eine viel beachtete sportliche Bühne biete, könne da eine Ventil-Funktion haben. „Man freut sich über solche Dinge, es findet was statt.“

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