Calbecht. Salzgitter ist nicht gerade als Studierenden-Stadt bekannt. So beweist eine als „legendär“ bekannte WG in Calbecht, dass es auch anders geht.

Hier soll es die „legendäre“ 10er-Studi-Wohngemeinschaft geben, erfahren wir von ehemaligen Ostfalia-Studierenden. Ruhig und beschaulich liegt der Ort Calbecht unterhalb des Ostfalia-Hochschulcampus’. Salzgitter dürfte das Gegenteil davon sein, was sich junge Menschen von ihrem Leben in der Studienzeit versprechen. Die gepflasterte Dorfstraße schlängelt sich um kleine Höfe. Hinter den Zäunen sind gepflegte Gärten zu sehen.

Wie lebt es sich als Studi auf dem Land? Wie gut lässt es sich hier feiern, während die Braunschweiger Clubs mehr als eine Stunde Fahrt mit den Öffis entfernt sind?

Gibt es die besten WG-Partys in Calbecht?

Mitbewohner Tim räumt für's Foto auf.
Mitbewohner Tim räumt für's Foto auf. "Wir haben einen recht hohen Klodeckel-Verschleiß", räumen die Studis ein. Einen neuen Klodeckel haben sie aber schon besorgt. © Katja Beyrodt

„Wenn du wirklich was erleben willst, musst du einfach länger hier bleiben“, erklärt Marc Backhaus. „Im September, wenn die Erstis starten, haben wir immer eine große Party im Haus. Und einmal in der Woche gibt’s noch unseren Sauf-Dienstag“, erklärt der ehemalige Medienmanagement-Student. Der 22-Jährige trägt extravagant-stylishe Jeans mit bunten Prints, hält ein Feldschlösschen Bier in der Hand.

Backhaus hat seinen Bachelor seit einem Monat in der Tasche, trotzdem sitzt er heute in Calbecht am WG-Tisch mit seinen ehemaligen Mitbewohnern: „Hier bilden sich wirklich Freundschaften für’s Leben“, findet er – außerdem steht noch sein Toaster in der Küche und die sogenannte „Schnapslatte“, ein Holzbrett zum parallelen Schnapstrinken, gehört ihm.

Zwei private „Partylocations“ in Salzgitter

„Im letzten Semester haben die Sport-Studis oft im Wohnheim in Gebhardshagen gefeiert“, erzählt WG-Bewohner Noah Thiele. Der 21-jährige Student wirkt ein wenig wie der „Vernünftige“ am Tisch. Vor zwei Jahren ist er ins Mediendesign-Studium gestartet und lebt seitdem in dem Landhaus mit zehn WG-Zimmern im Dorf nahe der Hochschule. Gebhardshagen ist mit dem Bus eine Viertelstunde von Calbecht entfernt. „Ich verpasse oft den Bus, aber dann gehe ich zu Fuß“, erklärt Mitbewohner Eric Warnier.

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Daran haben sich die WG-Mitglieder schon gewöhnt, erklären sie. „Wenn wir in Gebhardshagen feiern, nimmt man sich nach der Party noch ein Wegbier mit, oder zwei. Dann geht man einfach zu Fuß nach Hause, wenn kein Bus mehr fährt“, erklärt Warnier mit einem Lachen. Eine halbe Stunde dauert der Fußweg laut Google Maps. „Manchmal dauert der Weg aber auch länger“, heißt es vielsagend aus der Runde.

Salzgitter bei Google eingegeben

„Dieses Semester sind die Leute zum Feiern wieder oft hier bei uns in der WG gewesen“, ergänzt Thiele. Das zeigt sich auch an der Einrichtung. „Und am Klodeckel-Verschleiß!“, fügen die Jungs hinzu. „Es hat mit einem kleinen Riss angefangen – und eines Abends war der Deckel dann durch“, erklärt Noah mit einem Lachen. Einen neuen Klodeckel haben sie aber schon gekauft und montiert.

Weit ab vom Schuss oder perfekt für WG-Partys? Das Haus der Studi-WG in Salzgitter-Calbecht.
Weit ab vom Schuss oder perfekt für WG-Partys? Das Haus der Studi-WG in Salzgitter-Calbecht. © Katja Beyrodt

Als er nach einem Studienplatz gesucht habe, habe er „Salzgitter gegoogelt und gesehen, dass die Stadt in etwa so viele Einwohner hat wie meine Heimatstadt Halle. Ich dachte, das passt“, erzählt Thiele. Damals wusste er nicht, wie ländlich der Campus gelegen ist. Mittlerweile fühle er sich wohl. Nicht unbedingt wegen der Landidylle, sondern wegen der Gemeinschaft im Haus.

An diesem Abend sitzen Backhaus und Thiele mit weiteren Mitbewohnern aus der Calbechter Studi-WG am großen Küchentisch. Nils Kohlmeier und Erik Warnier studieren Logistik- und Informationsmanagement. „Im Moment sind wir insgesamt acht Leute im Haus. In jeder Wohnung je zwei Mädels und zwei Jungs“, erklärt Thiele. Dass so viele Studierende in einem Haus wohnen, war einer der Punkte, die ihn von der Calbechter WG überzeugt haben.

Warum zieht man aus Luxemburg nach Calbecht?

Thieles 23-jähriger Mitbewohner Eric Warnier kommt gebürtig aus Luxemburg. Warum ist er für sein Studium in die Stahlstadt gezogen? „Ich kannte Salzgitter nicht“, sagt er. Leicht schimmert ein Akzent durch sein fließendes Deutsch. Den Studiengang Logistik- und Informationsmanagement gab es nur in Oldenburg und Salzgitter, erklärt Warnier. „Von der Ostfalia gab es dann ein Werbevideo auf Youtube. Deshalb habe ich mich für Salzgitter entschieden“, erzählt er. „Und Nils war im Video!“, fügt er lachend hinzu. „Der war mir sympathisch, das war auch ein Grund.“

Mitbewohner Nils Kohlmeier kommt aus der Nähe von Hannover. Der 28-Jährige kannte Salzgitter von seinem vorherigen Job – und hat sich eher aus Zeitgründen für die Wohnung in Calbecht entschieden. „Ich war einfach froh, dass ich was hatte.“ Ein entscheidender Vorteil an der WG auf dem Land ist der kurze Weg zur Vorlesung, finden die jungen Männer: „Wenn man oben aus dem Fenster schaut, sieht man den Campus. Es sind ja fast nur 50 Meter Luftlinie dahin“, sagt Noah Thiele. Durch die Bahn dazwischen ist der Weg allerdings ein kleines bisschen länger. „So 20 Minuten läuft man zu Fuß“, weiß Eric Warnier.

Einkaufen gehen ist „hart nervig“

Abgesehen von den guten Partys und dem kurzen Weg zur Hochschule hat das Landleben aber auch Nachteile. Der nächste Supermarkt mit Bier und Verpflegungsnachschub ist in Gebhardshagen. „Mit dem Bus einkaufen zu fahren ist hart nervig“, erzählt Nils Kohlmeier. „Aber ich habe das kombiniert und angefangen, dort im Supermarkt zu arbeiten.“

An einer Wand über dem Küchentisch hängt eine Art Glücksrad mit selbst beschrifteten Feldern. Darauf steht „Ex oder 1 €“, „Schnapslatte“ oder „Anakonda“. „Du willst nicht wissen, was das heißt“, warnt Marc Backhaus. Die Studierenden lachen.

Das Trinkspiel-Glücksrad in der Studi-WG in Salzgitter-Calbecht hat offenbar schon zu einigen Party-Eskalationen geführt.
Das Trinkspiel-Glücksrad in der Studi-WG in Salzgitter-Calbecht hat offenbar schon zu einigen Party-Eskalationen geführt. © Katja Beyrodt

Wie oft klingelt die Polizei an der Tür?

„Mitten in der Nacht ist hier mal eine Person nackt auf die Dorfstraße gelaufen“, verraten die WG-Bewohner. Das klingt nach recht wilden Calbechter Nächten und Sauf-Dienstagen. Aber: „Die Polizei war noch nie hier“, erklären die Jungs einigermaßen zufrieden. Mit den Nachbarn verstehen sie sich auch: „Wenn wir sagen, es könnte lauter werden, hat noch nie jemand etwas dagegen gesagt.“

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Haben sie selbst irgendwann mal überlegt, während des Studiums weg zu ziehen? „Man war natürlich erstmal skeptisch. Aber wegen der Leute war es für mich die beste Entscheidung, hier zu wohnen“, sagt Marc Backhaus. Er lebt übrigens jetzt in Berlin. „Das ist flächenmäßig ja wahrscheinlich ähnlich groß und man braucht genauso lange zu den Partys – Berlin ist nur ein bisschen städtischer.“

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