Handelsverband warnt vor Insolvenzwelle

Braunschweig.  Den Geschäften geht ihr Umsatz flöten – Supermärkte erleben Kundenansturm.

Die Designer-Outlets in Wolfsburg sind geschlossen, die Eingänge versperrt.

Die Designer-Outlets in Wolfsburg sind geschlossen, die Eingänge versperrt.

Foto: Helge Landmann / regios24

Das Telefon stand beim Handelsverband seit Montagabend nicht mehr still, wie der Geschäftsführer des Handelsverbands Harz-Heide, Mark Alexander Krack, berichtet. Besorgte Einzelhändler riefen mit hunderten Fragen an. Am Montagnachmittag hatte das Land wegen der Corona-Krise die Schließung der Geschäfte in Niedersachsen per Erlass verfügt. Seit Dienstag verkaufen Waren- oder Möbelhäuser, Modegeschäfte oder Elektronikmärkte nicht mehr. „Das ist ein Schlag ins Kontor. Das kann manchen Händler in die Existenzkrise stürzen“, sagt Krack. Kurzarbeit sei nun für alle ein großes Thema. Krack fordert deshalb, dass Hilfen für die Händler nun auch schnell bei ihnen ankommen.

Insolvenzwelle droht – Vermieter sollen Miete stunden

Der Bundesverband der Einzelhändler (HDE) fürchtet deutschlandweit sogar eine Insolvenzwelle wegen der Ladenschließungen. „Durch massive Umsatzausfälle werden tausende selbstständige Unternehmen und Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet“, warnte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die verfügten Geschäftsschließungen führten bundesweit zu einem Umsatzausfall von rund 1,15 Milliarden Euro pro Tag oder 7 Milliarden Euro pro Woche, sagte Sanktjohanser.

Der Handel trage seinen Teil bei, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, könne die Last aber nicht ohne Hilfen stemmen. Für zahlreiche Handelsunternehmen bedeute dies höchstwahrscheinlich die Insolvenz, wenn nicht sofort und unbürokratisch staatliche Hilfen in Form von direkten Zahlungen und KFW-Bürgschaften ohne Eigenbeteiligungen gewährt würden. „Die Finanzbehörden und die Sozialversicherungsträger müssen die im März und April fälligen Zahlungen umgehend stunden“, verlangte er zudem. Steuervorauszahlungen müssten zinslos gestundet und direkte Sofortzahlungen für bedrohte Handelsunternehmen ausgezahlt werden.

An die Vermieter von Ladenlokalenappellierte der HDE, Mieten auszusetzen und Mietstundungen zu ermöglichen. Andernfalls könnten viele Geschäfte in Deutschland den Zeitraum der Ladenschließungen in der Coronavirus-Krise nicht überstehen.

Anne Strauß ist mit ihrem Hey-store in Braunschweig eine der betroffenen Einzelhändlerinnen. Sie verfolgte die Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag im Fernsehen, gab abends ihren Mitarbeitern Bescheid und setzte wenig später einen Instagram-Post ab: Ab morgen haben wir geschlossen. Eine Kaufzurückhaltung wegen der Corona-Pandemie hatte Strauß schon in den beiden vergangenen Wochen wahrgenommen, wie sie berichtet.

Die Inhaberin ist nach eigenen Angaben bereits dabei, die Fixkosten so gut es geht nach unten zu schrauben, so kommt nun in den nächsten Wochen die Reinigungskraft nicht mehr. „Und ich habe mich auch schon schlaugemacht, was Kredite angeht und Zuschüsse vom Arbeitsamt“, sagt Strauss. Finanziell sei die Krise nicht existenzgefährdend, aber belastend. Denn Miete und Mitarbeiter müssen trotzdem bezahlt werden, obwohl keine Ware verkauft wird, also auch kein Umsatz gemacht wird.

Im Gegenteil: Fortlaufend komme neue, schon bestellte Ware an. Nun behilft sich der Concept-Store auch damit, Kleidung und Ware weiterhin über den Social-Media-Kanal Instagram zu verkaufen. „Und wir wollen einen kleinen Online-Shop bauen“, erklärt Strauß.

Sicherheitsabstand beim Kaffee-Kauf

Die Designer-Outlets Wolfsburg (DOW) sind ebenfalls seit Dienstag geschlossen, einige große internationale Marken hatten sogar schon früher ihre Läden zu gemacht, wie DOW-Centermanager Michael Ernst berichtet. Jeder der 90 Mieter im Outlet halte die Entscheidung für richtig. „Sie war auch absehbar, aber dennoch überraschend“, sagt Ernst. Das DOW sei mit den Mietern eng im Austausch und stehe ihnen zur Seite, wo es gehe. „Es ist für alle keine einfache Zeit“, so Ernst.

Doch auch da, wo die Geschäfte weitergehen, hat sich einiges geändert: In Dill’s Kaffeerösterei in Goslar zum Beispiel müssen die Kunden einen Meter Abstand halten, wenn sie in der Schlange stehen zum Kaffeekaufen. Außerdem habe die Rösterei die vorhandenen Desinfektionsmaßnahmen „massiv nach oben gefahren“, berichtet Inhaber Markus Dill.

Das zurückliegende Wochenende sei im Verkauf überragend gewesen, die Kunden hätten sich wohl noch einmal eindecken wollen. Aktuell sei die Frequenz in der Innenstadt aber stark eingebrochen. „Wir leben aber von Stammkunden, nicht von der Laufkundschaft. Und unser Online-Shop fängt einiges auf, die Bestellungen werden größer“, sagt Dill. Für die Rösterei sehe er Stand jetzt noch kein Problem, das könne sich aber ändern, etwa wenn wirklich Ausgangssperren verhängt würden.

Regelrechte Anstürme erleben hingegen Supermärkte – leer gefegte Nudel- und Toilettenpapier-Regale sind keine Seltenheit mehr. Doch Handel, Logistikunternehmen und Paketzusteller geben Entwarnung. Die Lager seien noch gut gefüllt, die Lieferketten in Deutschland angespannt, aber stabil. „Wir haben keine Fälle, in denen die Logistik einen Aussetzer hat, um Industrie, Handel und Bevölkerung zu versorgen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik, Frank Huster. Die größte Herausforderung sei es derzeit, die Ware schnell genug in die Läden zu bekommen, um dem derzeitigen Kundenansturm gerecht zu werden, betonte der Handelsverband Deutschland. Es sei genug Ware da.

Das bestätigt der regionale Handelsverband-Chef Krack. „Die Ware hängt zum Teil länger in der Abfertigung an den Grenzen, weil die geschlossen wurde. Eigentlich sollte der Warenverkehr davon nicht betroffen sein und reibungslos funktionieren, das scheint aber doch nicht ganz der Fall zu sein.“

Der Handel hofft auf ein baldiges Nachlassen der Hamsterkäufe. Ein Sprecher des Handelsverbands Bayern sagte: „Die Leute werden schnell merken, dass die Versorgung gesichert und alles da ist – und das nimmt ihnen die Angst.“ Das sei in Italien ähnlich gewesen. Zudem seien die Bestände derjenigen, die Vorräte anlegten, irgendwann auch gefüllt. „Wenn ich 100 Rollen Klopapier habe, was will ich dann mit den nächsten 50?“

Verband: Supermarkt-Mitarbeiter müssen als systemrelevant gelten

Krack bemängelt, dass in Niedersachsen im Gegensatz zu anderen Bundesländern Supermarkt-Mitarbeiter noch nicht als systemrelevantes Personal eingestuft werden. „Auf der einen Seite soll der Lebensmitteleinzelhandel die Versorgung sichern. Auf der anderen Seite werden die Mitarbeiter nicht als kritische Infrastruktur klassifiziert“, kritisiert er. Dadurch bleibt Supermarkt-Angestellten mit Kindern die Notbetreuung untersagt, die dem systemkritischen Personal während der Corona-Krise zur Verfügung steht. Sie müssten einen Härtefall-Antrag stellen, wenn sie ihre Kinder nicht anderweitig betreuen lassen können – was bei geschlossenen Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten gar nicht so einfach ist. „Und ein Härtefall-Antrag muss pro Einzelfall entschieden werden und ist mit hohem Aufwand verbunden“, sagt Krack.

In Braunschweig habe die Stadt beispielsweise solch eine Verfügung erlassen. Auf Landesebene sei man sich in den verantwortlichen politischen Ressorts aber offenbar noch nicht einig. „Das ist ein Stück aus dem Tollhaus“, sagt Krack.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)