Braunschweiger Kolonialdenkmal: Stadt plant Künstler-Wettbewerb

Braunschweig.  Antirassismus-Initiative fordert, Menschen aus Ex-Kolonien sollen bei Umgestaltung mitbestimmen. – „Gedenken auf Augenhöhe“

Kolonialdenkmal digital: Seit kurzem verweist die Stadt Braunschweig per QR-Code auf weiterführende Informationen zum Gedenkstein mit dem umstrittenen Löwenrelief.

Kolonialdenkmal digital: Seit kurzem verweist die Stadt Braunschweig per QR-Code auf weiterführende Informationen zum Gedenkstein mit dem umstrittenen Löwenrelief.

Foto: Andreas Eberhard

Als weltoffener jüngerer Mensch fragt man sich beim Betrachten des Kolonialdenkmals: Was soll der alte menschenverachtende Sch... hier noch?

Dies fragt ein Leser, der sich „Hans G.“ nennt, auf unseren Webseiten.

Die antirassistischen Transparente und Papptafeln, die das Braunschweiger Kolonialdenkmal vor Kurzem noch bedeckten, sind wieder verschwunden. Aber die nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd weltweit aufgeflammte Debatte über angemessenes Gedenken an die Zeit des Kolonialismus nimmt in Braunschweig gerade erst an Fahrt auf.

Auch vor Ort, am Denkmal, ist das sichtbar: Auf der Rasenfläche vor dem massiven Steinblock mit dem markigen Löwenrelief steht neben den zwei älteren Tafeln aus Metall ein neues Hinweisschild. Auf dem wetterfest laminierten DIN A4-Blatt präsentiert die Stadt Braunschweig einen digitalen QR-Code. Liest man diesen per Handy ein, gelangt man auf die Webseite der Stadt. Neben einem ausführlichen Text zur 95-jährigen Geschichte des Denkmals findet sich hier auch die Ankündigung eines künstlerischen Wettbewerbs.

Stadt will Künstler aus Ex-Kolonien an Gestaltung beteiligen

„Die Grundpfeiler unserer Überlegungen hierzu stehen bereits“, berichtet Braunschweigs Kulturdezernentin Anja Hesse unserer Zeitung. „Es geht uns darum, dass Künstler die verschiedenen Schichten dieses Denkmals offenlegen.“ Als Vorbild für den geplanten Wettbewerb verweist sie auf das von der Künstlerin Sigrid Sigurdsson geschaffene Konzept der Gedenkstätte Schillstraße mit ihrem „offenen Archiv“ sowie auf die Gestaltung der Gedenkstätte Hochstraße durch eine deutsch-polnische Künstlergruppe.

Hesses Plan für das Kolonialdenkmal am Ende der Jasperallee: Über die deutschen Botschaften sollen Künstler aus Ländern, die früher zum deutschen Kolonialreich gehörten, gewonnen werden, um Vorschläge für eine Ergänzung des Denkmals einzureichen. Eine Jury soll dann über die Entwürfe entscheiden. Am Ende, heißt es auf der Stadt-Webseite, „könnte das Kolonialdenkmal so die kritische Auseinandersetzung durch bewusste künstlerische Irritationen anregen – mit dem Ziel, die aktuellen Debatten um Antirassismus und Antikolonialismus in einen multiperspektivischen Austausch zu bringen.“ Hesse, die gegenüber unserer Zeitung auch die jüngste Transparent-Aktion am Denkmal lobt, hält eine solche Auseinandersetzung für dringend geboten. „Auf der einen Seite wollen wir das Denkmal, so wie es ist, erhalten. Andererseits muss es erläutert, hinterfragt und ergänzt werden.“

Hesse: Auch Alltagsgeschichte des Kolonialismus aufarbeiten

Wenn alles nach Plan verläuft, so Hesse, soll das Konzept für den Wettbewerb im Herbst im Kulturausschuss des Stadtrates vorgestellt werden. Als Grundlage hierfür soll eine „historische Bestandsaufnahme“ dienen: Die Historikerin Meike Buck soll im Auftrag der Stadt kolonialgeschichtliche Wissenslücken schließen – auch über das Denkmal hinaus. Hesse, selbst promovierte Historikerin, erklärt: „Aufgearbeitet werden soll auch die Alltagsgeschichte des Kolonialismus in Braunschweig, etwa die Rolle der Kolonialläden.“

Die Ratsfraktion BIBS hat kürzlich eine Bestandsaufnahme aller Braunschweiger Denkmäler gefordert. Erklärtes Ziel ist, sie in die Kategorien „unbedenklich“, „bedenklich“, „kritisch“ oder „belastet“ einzustufen. Der Antrag wurde zur Beratung an den Ausschuss für Kultur verwiesen.

Etwas Ähnliches plant die Stadt auch selbst – allerdings für die Braunschweiger Straßennamen. Diese, so Hesse, sollen „systematisch“ nach problematischen Namensgebern durchsucht werden. Auch der Regent Herzog Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin soll in diesem Zuge unter die Lupe genommen werden. Der Namensgeber des beliebten Braunschweiger Prinzenparks war von 1895 bis 1920 als Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft einer der herausragenden Propagandisten der deutschen Kolonialherrschaft.

Wie sieht die gesellschaftliche Debatte aus?

Eine mögliche künstlerische Ergänzung des Denkmals, wie die Stadt sie plant, darf aus Hesses Sicht nicht der Schlussstein der Auseinandersetzung sein. „Wie sind ja erst mittendrin, uns unserer kolonialen Geschichte zu stellen. Aber ich bin froh, dass wir mit diesem Denkmal einen Ort haben, den Menschen als Ventil für Wortmeldungen nutzen können.“

Auch die Stadt selbst möchte in den Dialog eintreten. Außer zu Historikern hat sie deshalb auch Kontakt zu gesellschaftlichen Gruppen aufgenommen. Eine davon ist laut Hesse die Gruppe „Amo Braunschweig postkolonial“, die in der Jugendlichen- und Erwachsenenbildung engagiert ist. Ein Fachgebiet der Gruppe, der laut Selbstauskunft „People of Colour, Schwarze Deutsche und weiß positionierte“ Personen angehören, ist die Auseinandersetzung mit postkolonialer Geschichte. Da es laut einer Amo-Sprecherin in Braunschweig „im politischen Umfeld immer wieder zu Übergriffen von Nazis“ gekommen sei und weiter komme, verzichten wir hier wunschgemäß auf eine Nennung ihres Namens.

Mit Blick auf das Denkmal fordert die Initiative, dieses dürfe in seiner jetzigen Form nicht bestehen bleiben, da es die Kolonialherrschaft verherrliche. „Deshalb setzen wir uns für das Entfernen der jetzigen Struktur und die Umgestaltung in ein Mahnmal ein, denn nur so kann Geschichte anders erzählt werden.“ Ziel muss aus Sicht des basisdemokratischen Kollektivs ein „bewusster Perspektivwechsel mit dem Ziel der Übernahme von Verantwortung“ und ein „Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit“ sein.

Das Braunschweiger Denkmal ist den in den Kolonien „gefallenen Kameraden“ gewidmet, so die Inschrift. Statt an die Täter müsse an die Betroffenen erinnert werden, fordert die Amo-Sprecherin. „Dazu müssen auch Menschen aus Schwarzen Communitys und den ehemaligen Kolonien den Prozess der Umgestaltung mitentscheiden.“

Adama Logosu-Teko, Teil der Leitung des Hauses der Kulturen Braunschweig, sieht das ähnlich. „Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, was die vermeintlich ruhmreiche Geschichte, der 1925 mit der Aufstellung dieses Denkmals gedacht wurde, für die Menschen in den betroffenen Ländern bedeutet hat.“ Dass das Braunschweiger Denkmal Kriege und Eroberungsfeldzüge verherrlicht, steht für Logosu-Teko außer Frage.

Logosu-Teko: Denkmal gehört auf den Prüfstand

An den schmalen Seiten des Steinblocks sind die Namen der ehemaligen deutschen Kolonien eingemeißelt. „Dahinter stehen klar Besitzansprüche – ohne zu fragen, was diese für andere bedeuten“, sagt der gebürtige Togolese, der seit 1984 in Braunschweig lebt. „Das ist nicht harmlos.“ Deshalb gehöre auch das Braunschweiger Denkmal „auf den Prüfstand“.

Um dem Löwendenkmal wieder eine „Daseinsberechtigung“ zu verleihen, hat Logosu-Teko mehrere Wünsche: Zum einen eine ausreichend „kritische Kontextualisierung“, die er bis heute vermisse. Wie diese aussehen könnte, darüber fordert er eine breite gesellschaftliche Debatte der Menschen in Braunschweig – unter Einbezug von Migranten und Nachfahren von Betroffenen der Kolonialherrschaft. Nur so sei „Augenhöhe“ gewährleistet, betont er.

Auf die Vorschläge der Kulturdezernentin reagiert Logosu-Teko allerdings skeptisch. „Ich frage mich schon, warum die Künstler, die Vorschläge einreichen sollen, aus fernen Ländern kommen sollen.“ Diese, bemängelt er, hätten wohl kaum einen persönlichen Bezug zu Braunschweig. Auch eine Kontaktaufnahme über die deutschen Botschaften sieht er kritisch: „Wenn das über die diplomatischen Kanäle abgewickelt wird, nehme ich an, dass die betreffenden Staaten dann solche Künstler auswählen, die ihnen genehm sind.“ Das führe zu „Verzerrungen“, da absehbar politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel seien.

Die entscheidende Frage, die sich stellen müsse, wer dem Kolonialdenkmal am Stadtpark gegenübertrete, lautet aus seiner Sicht: „Was hat das Ding mit mir zu tun?“ Diese Frage müsse Ausgangs- und Zielpunkt der Umgestaltungsdiskussion sein. Auch er selbst arbeite derzeit „zusammen mit Freunden“ an einem Vorschlag für eine Umgestaltung des Gedenksteins, berichtet Logosu-Teko. Noch sei es zu früh, aber voraussichtlich in einigen Wochen werde er diesen öffentlich vorstellen. „Was ich sagen kann: Wir haben einen ganz anderen Ansatz als die Stadt.“

Junghistoriker: „Die aktuelle Debatte ist bisher die größte.“

Schon jetzt beeindruckt von der Debatte ist Fabian Lampe. Der 27-Jährige überarbeitet gerade seine Webseite über das Kolonialdenkmal, die er im Rahmen seines Geschichtsstudiums an der Technischen Universität Braunschweig 2016 auf die Beine gestellt hat. Auf der Seite gibt er auch einen Überblick über die öffentlichen Diskussionen der zurückliegenden Jahrzehnte. Für ihn steht fest: „Die aktuelle Debatte ist bisher die größte.“

Gegenüber den vorangegangenen Debatten zeichne sich die gegenwärtige vor allem dadurch aus, dass das Denkmal unterschiedlichen Gruppen als „Projektionsfläche“ für ihre Aussagen und Aktionen diene. Das Gedenken sei dadurch „dynamischer“ geworden. Zwar habe es schon in den Nullerjahren öffentlichkeitswirksame Aktionen, etwa eine Verhüllung durch Schüler, gegeben, jedoch sei die jetzige Diskussion erstmals „gesamtgesellschaftlich“ angebunden und reiche über einen eher kleinen Kreis von Interessierten hinaus.

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