Kolonialdenkmäler: Gedenksteine des Anstoßes

Braunschweig.  In der Region wird über Rassismus und Kolonial-Ehrenmäler diskutiert. Historiker betonen: Sie sind wichtig für die kritische Auseinandersetzung.

Eingeweiht wurde das Braunschweiger Kolonialdenkmal am 13. und 14. Juni 1925. Laut Historiker Thomas Kubetzky regt es an, heute Fragen zu stellen. Etwa: Warum trauerte man damals den deutschen Kolonien nach, obwohl sie ein absolutes Verlustgeschäft waren?

Eingeweiht wurde das Braunschweiger Kolonialdenkmal am 13. und 14. Juni 1925. Laut Historiker Thomas Kubetzky regt es an, heute Fragen zu stellen. Etwa: Warum trauerte man damals den deutschen Kolonien nach, obwohl sie ein absolutes Verlustgeschäft waren?

Foto: Braunschweigisches Landesmuseum

Nach der brutalen Tötung des US-Amerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten wackeln die Denkmäler. Manche mehr, manche weniger. Weltweit wird über Standbilder, Orts- und Straßennamen debattiert, die noch heute das Andenken an Sklavenhändler und -halter, Entdecker, Imperialisten, Kolonisten und Rassisten hochhalten.

Auch in unserer Region stehen Ehrenmäler für die deutsche Kolonialherrschaft, die in Afrika Zigtausende Menschen das Leben kostete. Wie, fragen wir anhand zweier Beispiele, soll mit diesen fragwürdigen Denkmälern umgegangen werden?

Das Kolonialdenkmal am Stadtpark in Braunschweig

Am Rande des Braunschweiger Stadtparks, am Ende der Jasperallee, steht das Braunschweiger Kolonialdenkmal. Errichtet wurde es 1925, acht Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs, vom „Verein ehemaliger Ostasiaten und Afrikaner“, einem Zusammenschluss von Deutschen, die als Soldaten, Unternehmer oder Beamte mit den Kolonien zu tun gehabt hatten. Mit dem neuen Denkmal wollten sie der in den Kolonien gefallenen deutschen Soldaten gedenken und ihrer Forderung nach einer Wiederbeschaffung der deutschen Kolonien Nachdruck verleihen. Eine Seite des massiven Steinblocks zeigt das Relief eines Löwen, die mächtige Pranke auf eine Weltkugel gedrückt. Die andere Seite ziert das Sternbild „Kreuz des Südens“. Auf den schmalen Seiten stehen Namen ehemaliger deutscher Kolonien.

„Black Lives Matter“-Transparente

Vor einigen Tagen nun sind neue Schriftzüge hinzugekommen: Aktivisten haben Papptafeln mit antirassistischen Slogans am Denkmal aufgestellt: „Wer gleichgültig gegenüber Ungerechtigkeit bleibt, stellt sich auf die Seite der Unterdrücker“, steht da in englischer Sprache. Über dem Leib des Löwen ist ein „Black lives matter“-Transparent gehängt: „Schwarze Leben zählen“.

Die erneut aufgeflammte Debatte über Rassismus, in deren Zuge auch die koloniale Vergangenheit Deutschlands diskutiert wird, hat damit Braunschweig erreicht. Heike Pöppelmann, Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums, ist überzeugt davon, dass in Deutschland „niemand solche Bilder will, wie wir sie in Bristol gesehen haben“. In der britischen Hafenstadt stürzten wütende Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers vom Sockel und versenkten sie kurzerhand im Hafenbecken. „Einer Entscheidung, ein Denkmal abzubauen und vielleicht ins Museum zu verfrachten, muss eine vernünftige Debatte vorausgehen“, so Pöppelmann. „Das ist ein demokratischer Prozess. Bilderstürmerei hat da keinen Platz.“

Gestürzte Sklavenhändler-Statue in Bristol geborgen
Gestürzte Sklavenhändler-Statue in Bristol geborgen

Kubetzky: Geschichte nicht glätten oder aufhübschen

Damals, als die Denkmäler aufgestellt wurden, habe man es sich zu einfach gemacht, sagt die Museumsleiterin: „Diesen Fehler dürfen wir heute nicht wiederholen.“ Wer fragwürdige historische Objekte aus der Öffentlichkeit verschwinden lasse, der lasse auch Geschichte verschwinden und gehe der Herausforderung, die sie bedeute, aus dem Weg. Auch Thomas Kubetzky, Geschäftsführer des Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte, sieht das so. Geschichte, sagt er, sei oft nicht besonders bekömmlich: „Das muss man aushalten. Und um sie zu verdauen, muss man gehörig darauf herumkauen.“ Eindringlich plädiert der Historiker dafür, Zeugnisse auch unrühmlicher deutscher Geschichte zu bewahren. „Glätten und hübsch machen – das dient der Auseinandersetzung nicht“, sagt er. Stattdessen gelte es, Fragen zu stellen. Beim Braunschweiger Denkmal etwa: „Warum stellen die 1925 so ein Ding dahin? Wer feiert damit wen? Warum trauern die dem deutschen Kolonialreich nach, obwohl dessen Unterhalt für das Deutsche Reich ein absolutes Verlustgeschäft war? Geht es hier um das Gefühl nationaler Größe, um Rassismus?“

Diesen Fragen könne man sich auf ganz unterschiedliche Art stellen: mit erläuternden Tafeln, wie sie in Braunschweig vorhanden sind, mit Kunstaktionen, wie etwa der von Schülern der IGS Franzsches Feld, die das Denkmal 2006 verhüllten, um an die Verbrechen der deutschen Kolonialzeit zu erinnern. „Und auch Protestschilder können dazu gehören“, sagt er mit Blick auf die aktuelle Aktion.

Webseite von Studenten der TU Braunschweig

Bereits 2016 beschäftigte sich Fabian Lampe intensiv mit dem Braunschweiger Kolonialdenkmal. Der 27-jährige Geschichtsstudent der TU Braunschweig hat damals zusammen mit seinem Kommilitonen Lars Hybsz eine Internetseite über das Denkmal auf die Beine gestellt. Sie liefert heute die besten Informationen, die es darüber im Netz gibt. Die Webseite erstellten die beiden im Rahmen eines Uni-Projekts. „Uns fiel damals auf, dass es im Netz so gut wie nichts über dieses Denkmal gab. Das wollten wir ändern“, so Lampe

Neben der mit historischen Fotos bebilderten Geschichte der Aufstellung im Jahr 1925 finden sich dort auch kurze Berichte über Aktionen und Debatten, in denen das Denkmal seither im Fokus der Öffentlichkeit stand. Auf einen Farbanschlag im Jahr 2004 gehen Lampe und Hybsz ebenso ein wie auf die Verhüllungsaktion und die Denkmal-Debatten im Rat der Stadt Braunschweig.

Die aktuelle Protestaktion am Denkmal findet Lampe richtig. „So weit ich das beurteilen kann, stehen die Transparente durchaus in der Tradition der bisherigen friedlichen Protest- und Gedenk-Aktionen. Das Denkmal dafür zu nutzen, ist wünschens- und begrüßenswert.“ Das gelte grundsätzlich auch für die dort angebrachten Hinweistafeln aus Metall, die Informationen über die Hintergründe des Denkmals liefern. Allerdings, so Lampe: „Um hier wirklich zeitgemäß zu sein, müsste es weiterführende Angebote geben.“ Er kann sich etwa vorstellen, die Schrifttafeln durch einen QR-Code zu ergänzen, über den man – per Handy – auf die Kolonialdenkmal-Webseite gelangen könnte. Ein entsprechendes Projekt sei bereits in Planung, so Lampe.

Das Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg

Auch die Stadt Bad Lauterberg im Harz setzt sich mit der Erinnerung an das deutsche Kolonialreich auseinander. Gleich mehrfach wird hier Hermann von Wissmann geehrt. Die Ortsdurchfahrt ist ebenso nach dem am 4. September 1853 in Frankfurt/Oder geborenen Kolonialbeamten benannt und wie ein Denkmal im Kurpark. Ob beides – das Denkmal und die Straße – noch zeitgemäß ist, das stellt zumindest der Verein „Spurensuche Harzregion“ in Frage, wie dessen stellvertretender Vorsitzender Dr. Friedhart Knolle mitteilt.

Das Wirken Hermann von Wissmanns wird nach wie vor widersprüchlich diskutiert. So soll er 200 Menschen getötet haben, weil deren Häuptling die kaiserliche Fahne vom Mast gerissen hatte. Darum stellte ihn das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in eine Reihe mit den Kolonialverbrechern Lothar von Trotha, Hans Dominik oder Carl Peters. Wissmann soll für die Niederschlagung des Aufstands der Wahehe mitverantwortlich gewesen sein. Dabei kam es zu „massenhaft Exekutionen, denen manchmal auch Hermann von Wissmann beiwohnte“, heißt es in Wikipedia. Dadurch sowie durch „eine Hungersnot nach Kriegsende, verursacht durch Plünderungen der Schutztruppe und eine von den Europäern eingeschleppte Rinderpest“ sollen rund 700.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Aus diesen Gründen hat der Bezirksrat Südstadt-Bult in Hannover auf Antrag der SPD und der Grünen am 18. März 2009 die Wissmannstraße umgewidmet. Ein Wissmann-Denkmal in Hamburg wanderte ins Museum. Die Tageszeitung „TAZ“ listete nun auch das Bad Lauterberger Wissmann-Standbild in einer Reihe von Kolonialismus-Statuen auf, die „entsorgt werden können“. In dem Artikel heißt es: „Die Statue in Hamburg ist schon gefallen. Jetzt ist Bad Lauterberg an der Reihe.“

Bürgermeister: TAZ-Forderung geht zu weit

„Die Diskussion kommt immer mal wieder auf“, teilt Bürgermeister Dr. Thomas Ganz auf Anfrage mit. Die Forderung der „TAZ“ allerdings, das Denkmal zu stürzen, geht ihm zu weit. Bad Lauterberg weise bereits auf die „Widersprüchlichkeit“ Wissmanns hin: „In unserem Heimatmuseum gibt es eine Dauerausstellung, die sich intensiv mit dem Leben von Hermann von Wissmann beschäftigt“, sagt Gans. Eine sachliche Einordnung der Person Wissmanns fordert auch der Verein Spurensuche. „Wir wollen nicht gleich die Straße umbenennen und das Denkmal abbauen“, sagt Knolle. Er wolle jedoch eine Diskussion darum anstoßen, wie er betont.

Das Bronzestandbild zeigt Wissmann in Uniform mit Tropenhelm, eine Landkarte in einer Hand, ein Säbel in der anderen. Seinen Stiefel stützt er markig auf einen Felsen, sein Blick schweift in die Ferne. Er wirkt, als nähme er unbekanntes, weites Land in Besitz. „Diese Symbolkraft ist natürlich beabsichtigt“, sagt der Hildesheimer Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz (Grüne), der aus einer Familie von Namibia-Deutschen stammt und sich mit der politischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte befasst. „Das Problem bei dieser Inbesitznahme war: Dort lebten bereits Menschen, die Länder dort waren kein unbeschriebenes Blatt. In der Folge hat der Kolonialismus den Menschen in Afrika unendliches Leid gebracht.“ Von Holtz kann sich durchaus vorstellen, Kolonialdenkmäler abzubauen und in Museen zu bringen – „das wäre schon ein Signal“. Aber noch wichtiger sei ihm, bei der Erinnerung an diese Zeit endlich auch die Nachfahren der Opfer einzubeziehen. „Hier haben unsere Städte und Kommunen, aber auch die Bundesländer noch einen erheblichen Nachholbedarf.“

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