Fall Wissmann: Verein fordert offene Kolonialismus-Debatte

Bad Lauterberg.  Das Denkmal eines „Kolonialhelden“ sorgt in Bad Lauterberg für Streit. Nun soll eine Infotafel aufklären und die Gemüter beruhigen.

Die historische Darstellung zeigt laut „Spurensucher“ Friedhart Knolle eine Hinrichtung durch deutsche Kolonialtruppen unter dem Kommando von Hermann Wissmann.

Die historische Darstellung zeigt laut „Spurensucher“ Friedhart Knolle eine Hinrichtung durch deutsche Kolonialtruppen unter dem Kommando von Hermann Wissmann.

Foto: Spurensuche Harzregion

„Auf jeden Fall fünfstellig“ – so hoch schätzt die Berliner Historikerin Claudia Prinz die Zahl der Menschen, die durch die Eroberungszüge des Deutschen Reiches in Ostafrika von 1889 bis 1893 zu Tode gekommen sind. Das Kommando führte damals der preußische Offizier Hermann von Wissmann. Die Expertin Prinz nennt ihn in einem Aufsatz aus dem Jahr 2010 einen der wichtigsten deutschen Akteure für die Kolonialisierung Ostafrikas. „Bewusst wählten Wissmann und seine Offiziere eine Strategie der Kriegführung des Terrors. Das Massaker ist die Form des Terrors im Kolonialkrieg“, so Prinz.

Verein Spurensuche: Aufklärung über Wissmann bitter nötig

Seit 1908 steht im Kurpark des Harzer Städtchens Bad Lauterberg eine markige Wissmann-Statue, gewidmet „Deutschlands grossem Afrikaner“. Soll man so einem Mann in Ehren halten? Nein, meint Friedhart Knolle, Vorsitzender des Vereins „Spurensuche Harzregion“. Auch ein Straßenname in Bad Lauterberg erinnert an Wissmann – als „Afrikaforscher“. „Ein verniedlichender Hohn, wenn man die Opferzahlen bedenkt“, so Knolle. Mit seinen Mitstreitern setzt er sich dafür ein, dass Wissmanns Taten in Bad Lauterberg öffentlich diskutiert werden. Das sei bitter nötig, denn: „Viele ältere Lauterberger haben in der Schule noch gelernt, dass Wissmann ein toller Hecht und schneidiger Offizier war, der zudem auch noch Sklaven befreit hat.“ Bei Wissmanns vermeintlichem Kampf gegen die Sklaverei habe es sich allerdings in erster Linie um eine Strategie gehandelt, den beabsichtigten Kolonialkrieg zu legitimieren, erklärt die Historikerin Prinz in ihrem Aufsatz: „Indem er die Vorbereitungen zum ersten deutschen Eroberungskrieg in Afrika zu einer humanitären Intervention der zivilisierten Welt gegen die Gräuel des Sklavenhandels erklärte, sicherte sich Bismarck sowohl die Unterstützung Großbritanniens als auch des Zentrums, der wichtigsten Oppositionspartei im Reichstag.“

Bürgermeister erstaunt über Taz-Artikel: Ist das ernst gemeint?

Diese Fakten, so Knolle, würden „jedenfalls hier in der Region“ noch nicht diskutiert. „Wir sehen eine Notwendigkeit in der kritischen Aufarbeitung sowie eine Anerkennung der historischen Ereignisse und fordern eine konsequente Umsetzung“, heißt es in einer Presseerklärung, die der Spurensuche-Verein nun zusammen mit der „Seebrücke Harz“ herausgegeben hat. Konkret fordern sie: eine öffentliche Diskussion von Wissmanns Wirken, an deren Ende eine erläuternde Infotafel am Denkmal aufgestellt werden soll, außerdem die Umbenennung der Wissmannstraße.

Gegenüber unserer Zeitung gibt Bad Lauterbergs Bürgermeister Thomas Gans (SPD) offen zu, dass er sich nicht aus eigenem Antrieb mit den Wissmann-Gedenken auseinandersetzt hat. „Das ganze Thema ist von außen an uns herangetragen worden“, erklärt er. „Am Anfang stand ein Artikel der Taz, der die Beseitigung des Denkmals forderte. Damals fragten wir uns: Ist das überhaupt ernst gemeint?“ Ein „ausschließlich negatives Urteil“ über Wissmann ist für Gans noch nicht ausgemacht. Er sagt: „Natürlich darf man nicht verschweigen, dass Wissmann nicht zimperlich war, andererseits hat er große Teile Afrikas kartographiert.“

Denkmal in Bad Lauterberg soll „Mahnmal“ werden

Mittlerweile hat sich der Stadtrat mit dem Wissmann-Denkmal befasst und beschlossen: An dem Standbild soll eine Hinweistafel angebracht werden. Ein Abbau komme nicht in Frage, so Gans: „Wir wollen über Geschichte aufklären, aber sie nicht auslöschen. Das gilt für den Nationalsozialismus genauso wie für Wissmann und den Kolonialismus.“ Das Wissmann-Denkmal solle zu einem „Mahnmal“ werden. Mit dem Verfassen des Tafeltexts will Gans den ehemaligen Stadtarchivar Helmut Lüder beauftragen. „Ich bin mir sicher, diese Aufgabe ist bei ihm in guten Händen.“

Auch Knolle ist von Lüders Kompetenz grundsätzlich überzeugt, er betont allerdings: „Wichtig ist uns, dass das nicht im stillen Kämmerlein passiert, sondern ein inhaltlicher Dialog und eine ehrliche Debatte über die Kolonialzeit geführt wird.“ Seit 1981 setze er sich für eine zeitgemäße Darstellung am Denkmal ein. „Zum ersten mal sind jetzt Erfolge in greifbarer Nähe.“

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