„Konkurrenzkampf unter Juristen ist hart und rücksichtslos“

Braunschweig  Der Fernsehjournalist Joachim Wagner beklagt in seinem neuen Buch einen Qualitätsverlust und Werteverfall unter Rechtsanwälten.

Joachim Wagner, Fernsehjournalist, Autor und Jurist.

Joachim Wagner, Fernsehjournalist, Autor und Jurist.

Foto: Rudolf Flentje

Der Journalist Joachim Wagner warnt in seinem neuen Buch „Vorsicht Rechtsanwalt – ein Berufsstand zwischen Mammon und Moral“ vor schlechten Anwälten. Er beklagt deren Berufsethos. Wagner ist promovierter Jurist und war Moderator des ARD-Magazins „Panorama“. Mit Wagner sprach Andre Dolle.

Sie stellen Anwälten ein schlechtes Zeugnis aus. Woran hapert es?

Der Ex-Präsident des deutschen Anwaltvereins, Hartmut Kilger, hat mir gesagt, dass er bei einem Drittel aller Anwälte das Risiko sieht, schlecht beraten zu werden. Das ist eine sensationelle Aussage, die mir viele Anwälte hinter vorgehaltener Hand bestätigt haben. Rund ein Drittel aller Anwälte bestehen ihre Examina nur mit einem Ausreichend. Deren Rechtskenntnisse sind häufig nicht ausreichend. Es gibt weitere Risikogruppen: Berufsanfänger, Anwälte, die nicht mehr mit der Modernisierung Schritt halten, und Einzelanwälte, die in Dörfern und Städten alles machen vom Erbrecht bis zur Anlegerschutzklage, und überfordert sind.

Akademiker mit schlechten Noten sind keine Seltenheit. Was ist denn das Besondere an Juristen mit schlechten Examensnoten, für die in Justiz, Wirtschaft, Großkanzleien oder Verwaltung kein Platz ist?

Der Anwaltsberuf ist ein Magnet für gute und sehr gute Juristen, in weit stärkerem Maße aber ein Sammelbecken für schlechte Juristen. Für sie gibt es nur eine Alternative: Rechtsanwalt werden. Bei solchen „Muss-Anwälten“ besteht die Gefahr, schlecht beraten zu werden. Dieser Prozentsatz ist mittlerweile groß, er reicht bis in die Mitte der Anwaltschaft.

Bei der Buch-Lektüre könnte man meinen, der Rechtsstaat steht vor dem Untergang. Ist es so schlimm?

Mein Buch wird falsch gelesen, wenn man es so deuten würde. Wir haben eine Menge guter und sehr guter Anwälte. Wir haben eine Menge an Fachanwälten, bei denen das Falschberatungsrisiko gering ist. Es ist aber in unserem Rechtsstaat nicht hinnehmbar, dass das wachsende Überangebot an Advokaten mit schlechter Qualifikation und großem wirtschaftlichen Druck zu einem Risiko für die Rechtsgemeinschaft wird.

Was hat sich denn im Laufe der Jahre verschlechtert?

Verschlechtert hat sich die Lage dadurch, dass das Jurastudium zu einem Auffangbecken für Geisteswissenschaftler geworden ist. Durch einen niedrigen Numerus clausus haben schlechte Abiturienten Unterschlupf gefunden. Es gibt eine Vermassung des Berufes. Es ist klar, dass die Qualität sinken musste. Der Wettbewerb unter Juristen ist so hart geworden, dass er rücksichtslos geführt wird – auch zulasten der Mandanten.

Die Generalisten, die als Einzelanwälte arbeiten, dürften vor allem im ländlichen Raum zu finden sein.

Ja, und 55 Prozent aller Anwälte sind noch als Einzelanwälte tätig, davon die Hälfte als Generalisten. Da besteht die Gefahr, selbst bei etwas komplizierteren Themen im Erbrecht falsch beraten zu werden. Ich habe einen Fall geschildert, bei dem eine richtige Beratung dem Mandanten 200 000 Euro mehr eingebracht hätte.

Sie beklagen einen Werteverfall und mangelndes Berufsethos. Sind das Einzelfälle oder macht der zynische Anwalt Schule?

Ich beklage einen Werteverfall bei erheblichen Teilen der Anwaltschaft. Der entsteht dadurch, dass zwei Drittel aller Anwälte fast täglich um ihre wirtschaftliche Existenz ringen. Aufgrund der großen Konkurrenz haben auch Anwälte im mittleren Einkommenssegment Schwierigkeiten, ihre finanzielle Situation zu halten. Dieser Druck führt dazu, dass in vielen Bereichen ethische Pflichten verletzt werden. Abmahnanwälte und Inkassoanwälte sind zum Beispiel Berufszweige, bei denen die Berufsethik in erheblichem Maße verletzt wird. Anfällig sind auch Anlegerschutzanwälte, da hier der Streitwert oft hoch ist. Strafverteidiger und Verkehrsanwälte werben mit Ellbogen um Mandanten.

Was muss passieren, damit die Lage bei den Juristen verbessert wird?

Deutschland ist das einzige Land in Europa, das einen nahezu unbeschränkten Zugang zum Jurastudium und zum Referendariat hat. Alle anderen Länder verknappen die Ausbildungsressourcen, um kompetentere Juristen zu haben. Es ist der Hauptfehler, dass wir Jura zu einem Massenstudium haben werden lassen – bei gleichbleibenden Berufschancen.

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