Braunschweig. Die Kandidaten für den Gemeinsam-Preis 2023: Bei der Freiwilligenagentur in Braunschweig engagieren sich 200 Geflüchtete und Migranten.

Manchmal kann es so einfach sein. Ohne Sprachkenntnisse keine Integration. Bloß ist sie nicht so einfach, diese deutsche Sprache. Aber es ist trotzdem ganz einfach. Mit Engagement geht es. Also nicht nur mit dem Wunsch und dem Willen. Auch im Miteinander beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben, die gelöst werden müssen. Mit Engagement und Einsatz – also ein echter Klassiker für „Gemeinsam“. Und so einen haben wir hier quasi wie im Lehrbuch.

So ein Gespräch mit der 26-jährigen Taban Azizi, die mit den Eltern und vier Geschwistern aus Afghanistan floh und in einer Braunschweiger Flüchtlingsunterkunft wohnt, ist eine Freude. Zunächst einmal freust du dich über ihr perfektes Deutsch. Das ist ja nicht nur die Sprache. Wenn wir uns auf Deutsch unterhalten können, haben wir gemeinsame Denkweisen und Einblicke. Wir verstehen uns nicht nur wie Sprachroboter, die Begriffe auswerfen, sondern wie Menschen, die sich verstehen. Mit Gefühlen, Gedanken, Geistesblitzen. Das ist Sprache!

Das Engagement-Wörterbuch mit den wichtigsten Alltagsbegriffen in sechs Sprachen ist eine besondere Leistung – und hilft allen Beteiligten

Nun stellen wir uns aber einmal Taban vor, die allen Ernstes für die Freiwilligenagentur Jugend-Soziales-Sport in der Braunschweiger Sonnenstraße ehrenamtlich ein richtig großes Engagement-Wörterbuch erstellt.

Also nicht nur die wichtigsten Begriffe, die man so braucht, sondern auch die wichtigsten Begriffe, die man so braucht, in einer Alltagssprache und in Zusammenhängen, damit man sie auch tatsächlich versteht. Und das nicht nur auf Deutsch, sondern auch für Persisch, Englisch, Arabisch, Russisch, Französisch. „Ich sammele jeden Tag neue Wörter. Es ist ein Wörterbuch für die Neuen hier bei uns, die auch helfen wollen.“

Ich muss zugeben: Ich bin begeistert. Von Tabans Engagement im Projekt „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“ der Freiwilligenagentur profitieren und dort engagieren sich nicht weniger als 200 Geflüchtete und Migranten, die alle so drauf sind wie diese 26-Jährige.

200 Engagierte aus aller Herren Länder hier bei uns, auf allen möglichen sozialen Feldern unterwegs, von der Freiwilligenagentur koordiniert, die alle von einer Art Deutsch-Deutsch-Win-Win-Situation profitieren: Du sprichst Deutsch, dann sprechen sie es mit dir – und gemeinsam werden wir immer besser.

Da reicht ein Blick auf einige Einsatzorte dieser Ehrenamtlichen: Tagestreff IGLU, Braunschweiger Tafel, Mütterzentrum, Ukraine-Hilfe, Volkshochschule, DRK, Diakonie, Tierheim, Frauenhaus, Flüchtlingsheim, Haus der Kulturen, Bahnhofsmission, Lebenshilfe, Jugend- und Drogenberatung, Landesverband der Gartenfreunde, Kinderschutzbund …

Und noch ein paar mehr. Überall brauchen sie Hilfe. Übrigens nicht nur Geflüchtete und Migranten. Die sind es ja, die hier helfen.

Auch bei Lisa Poliarush (18) aus der Ukraine ist das so. Sie ist in der Kinderbetreuung im Mehrgenerationenhaus Mütterzentrum aktiv. Malen, Spielen, Singen! Ukrainische Kinder, deutsche Kinder, egal. „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“ Lisa sagt: „Als der Krieg in der Ukraine begann, da haben wir so viel Unterstützung bekommen. Und ich dachte dann: Kann ich nicht auch etwas für Deutschland tun?“

Im Mittelpunkt stehen auch ein wöchentlicher Sprachcafé- und Info-Treff, dazu das Wörterbuch-Projekt – und Exkursionen

Ehrlich jetzt, das liest man doch gern. Und dann ist da noch Abdulhamed Alfarrass (37) aus Syrien, ein Kerl wie ein Schrank. Handytechniker. 15 Jahre Berufserfahrung. Was macht der? Klare Sache, er repariert Handys. Und nicht nur die. Und zwar im Reparaturcafé in der Karlstraße in Braunschweig. Hilfe zur Selbsthilfe: Ehrenamtliche zeigen da ihren Gästen mal, wie’s geht.

Man kann viel mehr reparieren als man denkt. Aber das ist nicht alles: Abdulhamed weiß zwar nicht, wer 1967 Deutscher Meister war, das lernt er jetzt, aber er begleitet Menschen mit Behinderungen zum Heimspiel ins Eintracht-Stadion. Das sind Begegnungen!

Und jetzt, liebe Leserinnen und Leser, stellen Sie sich bitte nicht nur drei solcher Geschichten vor, sondern 200. Sie können was und geben was. Auch was zurück. Und sie gewinnen was. Das erschließt die Dimension dieses Engagement-Projektes, 2021 gestartet und mit Kontakten zu 50 Einrichtungen, die in und um Braunschweig ein Ehrenamt anbieten.

Im Mittelpunkt stehen auch ein wöchentlicher Sprachcafé- und Info-Treff, dazu das Wörterbuch-Projekt. Und Exkursionen.

Menschen wie die hauptamtlichen Koordinatorinnen Somayeh Bayati und Tatiana Perez-Aristi, die selbst mal so angefangen haben, koordinieren alles, denn das ist nötig. Dazu ein Profi der Freiwilligenagentur wie Matthias Bertram, der die Idee hatte. Für einen wie ihn ein Modell, bei dem drängende Aufgaben in der Gesellschaft gelöst werden – und die Handelnden auf allen Seiten profitieren und immer enger zusammenwachsen.

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„Ein Netz, das mit großer Dynamik immer weiter wächst“, erklärt Bertram. Das kann man wohl sagen. Tabans drei Schwestern und der Bruder mischen auch schon mit, die Eltern büffeln in Deutschkursen. Es kann so einfach sein. Und manchmal ist es das auch.