Schöningen. „Kicken, um zu vergessen“ – unter diesem Motto organisiert José Salguero mit Freunden regelmäßig Fußballspiele an der Schöninger Jugendherberge.

Alles begann mit zwei Fußbällen, die José Salguero an jenem Samstagmorgen – auf dem Weg zum Waldlauf – in der Jugendherberge in Schöningen abgeben wollte. Dort, wo zwei Wochen nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine geflüchtete Mütter mit ihren Kindern vorübergehend eingezogen waren. Doch was der 50-Jährige vor Ort in den Gesichtern, in den Blicken der betroffenen Menschen erkannte, beschäftigte ihn derart, dass er prompt statt durch den Wald in die Stadt lief. Es war zugleich der Startschuss der Aktion „Kicken, um zu vergessen“.

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„Ich kannte zwei Helfer vom Deutschen Roten Kreuz, die an der Jugendherberge waren. Sie haben zu mir gesagt: ,Du kannst ja auch mal mit den Kindern Fußball spielen‘“, erinnert sich José Salguero, der es als Fußballer nicht nur selbst bis in die vierte Liga geschafft, sondern auch viele Jahre erfolgreich als Trainer beim Helmstedter SV und SV Reislingen-Neuhaus gearbeitet hatte. Und wie gesagt: Statt in den Wald lief er in die Stadt, traf sich dort gleich mit seinem langjährigen Freundeskreis – und gemeinsam wurde eine Idee mit Leben gefüllt.

Zahlreiche Menschen beteiligten sich an der Aktion

Nur zwei Tage später fand „im strömenden Regen“ auf dem Rasen an der Schöninger Jugendherberge das erste Fußballspiel unter dem Motto „Kicken, um zu vergessen“ statt. José Salguero war zuvor gemeinsam mit einem Dolmetscher durch die Räumlichkeiten gegangen, hatte an die Türen geklopft und die Menschen aufgefordert, mit ihm und seinen Freunden Fußball zu spielen, mit ihnen zu essen und zu trinken. „Ich habe dabei in so viele Gesichter voll Traurigkeit geschaut“, berichtet „Salle“. Im gleichen Moment wurde nur wenige Meter entfernt der Grill angeschmissen.

Zahlreiche Menschen folgten dieser Einladung und fanden sich kurze Zeit später auf dem Rasen an der Jugendherberge ein. „Wir haben acht gegen acht gespielt. Aber es waren so viele Leute neben dem Platz da, die geholfen oder nur zugeguckt haben“, sagt Salguero und schiebt nach: „Da hatte keiner mit gerechnet. Wir haben dann gesagt: Wir ziehen es durch, wir machen es weiter.“ Gesagt – getan! Seitdem rollte das Leder Woche für Woche an gleicher Stelle, der Montag wurde hier bis zur Winterpause zum (internationalen) Fußball-Spieltag.

Menschen sollen erkennen, dass sie nicht alleine sind

Immer verbunden mit dem Gedanken, den geflüchteten Menschen „Zeit und Aufmerksamkeit“ zu schenken. Eine sportliche Ablenkung, eine Auszeit vom Alltag, in der die Gedanken an den Krieg in der Heimat in den Hintergrund treten, in denen der Blick nach vorne gerichtet sein sollte – und zwar gemeinsam. „Die Menschen sollten erkennen, dass sie nicht alleine sind“, betont Salguero. Und das nicht nur jetzt, sondern auch zukünftig, was auf den T-Shirts der Helfer nachzulesen war. Sie waren bedruckt mit dem Slogan „Feel the Future“ – in englischer und ukrainischer Sprache.

Wenn der Ball rollte, dann spielten die persönlichen Schicksale auf einmal kurzzeitig keine Rolle mehr, ebenso wie die Ergebnisse. Das Wir war wichtig, so Salguero. „Es war völlig egal, ob deutsche, ukrainische oder andere Kinder zusammengespielt haben. Es war egal, welche Nationalität oder Hautfarbe sie haben. Der Sport verbindet, er braucht keine Sprache“, erklärt der Technische Sachbearbeiter eines Energiekonzerns.

Viele besondere Momente bei den Fußballspielen

Und dieses Wir, das zeigte sich nicht auf dem Platz, sondern auch daneben. „Viele Vereine haben uns unterstützt und Trikots, Bälle oder andere Sportsachen für die Flüchtlinge gespendet. Es gab Schulprojekte und Aktionen in Kindergärten für unsere Aktion. Wir haben immer wieder neue Unterstützungen erhalten“, freut sich Salguero, der mit seinen Mitstreitern zudem eine Spendenbox aufgestellt hatte. „Ein kleiner deutscher Junge, der bei uns regelmäßig mitgespielt hat, ist vorher immer zu dieser Spendenbox gegangen und hat sein Taschengeld dort reingeworfen – das war das Größte für ihn“, nennt der 50-Jährige einen der vielen besonderen Momente. Er erlebte aber auch Situationen, in den Mütter am Spielfeldrand telefonierten – und plötzlich in Tränen ausbrachen, als sie Nachrichten aus ihrer Heimat bekamen.

„Kicken, um zu vergessen“ sei eine Aktion, „die aus der Mitte heraus entsprungen ist, weil wir anderen helfen wollen“, so Salguero. Mit seinem Freundeskreis aus Schöningen hat er bis kurz vor Weihnachten an jedem Montag eine „internationale Begegnungsstätte“ an der Jugendherberge vor Ort geschaffen. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Denn am 17. April geht es nun wieder los – allerdings in neuer Umgebung, auf dem Sportplatz in Hoiersdorf.

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