Braunschweig. Die Trauer um den Braunschweiger Ehrenbürger ist groß. Er starb im Alter von 97 Jahren. Perel setzte sich jahrelang für Menschlichkeit und Respekt ein.

Gedanken und Erinnerungen an den verstorbenen Braunschweiger Ehrenbürger Sally Perel können jetzt auch online geteilt werden. Dazu hat die Stadt Braunschweig ein Online-Kondolenzbuch eingerichtet: www.braunschweig.de/kondolenzbuch. Es ist bis Ende Februar freigeschaltet. Weiterhin liegt im Foyer des Rathauses, Platz der Deutschen Einheit 1, bis einschließlich 14. Februar ein Kondolenzbuch aus.

Die Trauer um Sally Perel ist groß. Rasant hatte sich die Nachricht von seinem Tod am 2. Februar verbreitet, und allerorten wird seine Lebensleistung gewürdigt: in Israel und in Deutschland – in Tel Aviv, Jerusalem, in Kiryat Tivon, in Peine und Braunschweig.

Als Mitglied der Hitlerjugend war es dem gebürtigen Peiner Salomon „Sally“ Perel gelungen, seine jüdische Identität zu verbergen und den Nationalsozialismus zu überleben. Als junger Mann absolvierte er im Braunschweiger Volkswagenwerk eine Lehre zum Werkzeugmacher. Seine Geschichte aber machte er erst mit 65 Jahren publik. Die Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ wurde 1990 verfilmt. Die Autobiografie ist ein nachhaltig wirkendes Zeugnis, wie gefährlich ein politisches System ist, das Menschen ausgrenzt und gegeneinander aufhetzt. Perel hatte 40 Jahre gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten, bevor er sich entschloss, ein Buch mit seiner Geschichte zu schreiben.

Perel bekannte, der Propaganda der Nazis aufgesessen zu sein

Seit den 1990er-Jahren war er meist zweimal jährlich auf Lesetouren durch Deutschland unterwegs. Besonders gerne ging er in Schulen, um seine Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus der jungen Generation näher zu bringen.

Er bekannte stets offen, damals der Propaganda der Nazis erlegen zu sein. „Ich wurde zum Hass erzogen auf alles, was nicht deutsch war.“ Sein Gehirn sei vergiftet worden. „Böses kann nur durch Gutes bekämpft werden; Hass nur durch Liebe“, hatte Perel bei der Preisverleihung 2019 gesagt.

Am Tag nach seinem Tod lasen Schüler der Sally-Perel-Schule in Volkmarode Texte von ihm, fanden die Jugendlichen tröstend zusammen in einer eigens eingerichteten Trauerecke. Viermal hat die Gesamtschule bereits den Sally-Perel-Preis gewonnen. „Das gab für uns den Anstoß, unserer Schule 2018 seinen Namen zu geben“, erklärt Direktor Christian Düwel. „Wir werden Sally nicht vergessen, er bleibt ein Teil unserer Schulgemeinschaft. Wir haben uns mit unserer Namensgebung auch seinem Engagement für Respekt, Toleranz und Gerechtigkeit verpflichtet.“

Perel wünschte sich ein respektvolles Zusammenleben von Juden und Arabern

Uwe Fritsch, bis Mai 2021 Betriebsratsvorsitzender bei VW, hatte ein besonders inniges Verhältnis zu Sally Perel. Im Sommer vergangenen Jahres war er nach Israel gereist – mit einer herausgetrennten Seite aus dem Goldenen Buch der Stadt Braunschweig, beauftragt vom Oberbürgermeister. Auf dem Blatt sollte sich der Ehrenbürger, der nicht mehr reisen konnte, verewigen. „Er konnte kaum noch etwas sehen. Aber er freute sich so sehr über die Ehrung“, sagt Fritsch. Die Seite wurde später wieder ins Goldene Buch eingefügt.

Fritsch hatte Perel 2002 als frisch gewählter Betriebsratsvorsitzender kennengelernt und 2020 die Laudatio zu dessen Ehrenbürgerschaft gehalten. „Sally hat Menschlichkeit vorgelebt, war einer, der sich klar bekannte zu Frieden und Gewaltfreiheit, der entschieden eintrat gegen Rassismus, Faschismus, sexuelle Ausgrenzung, der sich für Minderheiten einsetzte und Andersgläubige respektierte. Das hat uns verbunden.“

Perel habe sich auch stets für ein respektvolles Zusammenleben von Juden und Arabern stark gemacht, was nicht jedem in Israel gefallen habe. „Ich war immer tief beeindruckt, in welcher Art und Weise Sally jungen Menschen begegnet ist. Er hatte den Wunsch, so lange wie möglich in der Lage zu sein, ihnen seine Botschaft mit auf den Lebensweg zu geben.“ Perel sei sehr bescheiden gewesen und habe doch jeden Raum ausgefüllt, den er betrat. „Und er hatte einen ganz besonders verschmitzten Humor“, erinnert sich Fritsch.

Perel sprach im November 2019 auch auf der Gegendemo zum AfD-Parteitag

Ulrich Markurth, Braunschweigs Oberbürgermeister bis Oktober 2021, hat sich ein Erlebnis vor dem Schloss ins Hirn gebrannt. Es war im November 2019: Die AfD traf sich in Braunschweig zum Bundesparteitag – und 20.000 Menschen waren zum Protest auf die Straße gegangen. „Es war eine politisch bunt gemischte, laute Gegendemonstration. Doch als Sally Perel ans Mikro trat, wurde es plötzlich ganz still. Er sprach, ohne die Stimme zu erheben. Jeder hatte verstanden: Jetzt kommt eine Autorität, die alle anerkennen. Es war grandios – und für mich die Initialzündung, Sally Perel für die Ehrenbürgerschaft vorzuschlagen.“

Oberbürgermeister Thorsten Kornblum: „Ich bin sehr traurig über den Tod von Sally Perel. Zugleich empfinde ich große Dankbarkeit dafür, was er für Braunschweig und die Region getan hat. Unzählige Jugendliche haben durch seine Schilderungen ein konkretes Bild von der Zeit des Nationalsozialismus erhalten und dem unsagbaren Menschheitsverbrechen, das sich niemals wiederholen darf.“

Die Erinnerung daran wachzuhalten, niemals zu vergessen, das sei Ziel seines Wirkens bis ins hohe Alter gewesen. Mit seiner großen Persönlichkeit sei er den jungen Menschen auf Augenhöhe begegnet, sei niemals anklagend gewesen. „Wichtig war ihm das Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang der Nachgeborenen mit der deutschen Vergangenheit. Ich bin dankbar für die schöne Zeremonie der Verleihung der Ehrenbürgerwürde, an der Sally Perel aus Israel digital teilgenommen hat. Er wird uns sehr fehlen, als Botschafter für Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung, mit seiner großen Persönlichkeit, mit seiner Stärke und seinem Humor.“

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Das sagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zu Perels Tod

Ministerpräsident Stephan Weil sagte zu Perels Tod: „Ich habe ihn immer bewundert – Sally Perel hatte eine unglaubliche innere Stärke. Er hat nie vergessen, wer er ist, das war die letzte Bitte seines Vaters an ihn. Er vergaß es auch nicht, als er jahrelang erst in der Wehrmacht und später in der Hitlerjugend diente und als Lehrling im Volkswagen-Vorwerk gearbeitet hat.“

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Und weiter: „Es muss ihm sehr schwer gefallen sein, sich als Nazi auszugeben, um als Jude zu überleben. Wir alle sind ihm unendlich dankbar dafür, dass er von dieser Zeit berichtet, geschrieben und immer wieder den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht hat. Ihnen wollte er Toleranz und Respekt vermitteln und sie so gegen rechtsextremes Gedankengut wappnen. Mein herzliches Beileid gilt den Angehörigen und Freunden von Sally Perel.“

Auch der Bundespräsident würdigt Sally Perel

Laut evangelischem Pressedienst hat sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag zum Tod Sally Perels geäußert. Perel habe die Herzen unzähliger Menschen mit seiner Autobiografie berührt, schrieb Steinmeier in einem Beileidsbrief an Angehörige, wie das Bundespräsidialamt am Freitag mitteilte.Das furchtbare Leid und die unsagbare Angst, die er als Kind und Jugendlicher ertragen musste, habe Perel in Worte gefasst und dazu seine Muttersprache benutzt, erklärte der Bundespräsident: „Welch eine Kraft ihn dazu angetrieben hat, sich dazu zu überwinden, auf Deutsch zu schreiben, wissen wir nicht.“„Dass er den Deutschen und meinem Land die Hand zur Versöhnung gereicht hat, dass er auf zahlreichen Reisen nach Deutschland so vielen jungen Menschen von seinem Schicksal berichtet hat, dafür werden wir ihm für immer dankbar sein“, unterstrich Steinmeier. Sein Wirken, seine Herzensgüte und Weisheit würden in Erinnerung bleiben.

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