Löwen-Chef Mittmann: „Dennis an Bord zu haben, ist toll“

Braunschweig.  Braunschweigs neuer Basketball-Geschäftsführer spricht über seinen Draht zu Gesellschafter Dennis Schröder, gemeinsame Ziele, die Teamentwicklung.

Einstige Teamkollegen: Den neuen Löwen-Geschäftsführer Nils Mittmann verbindet mit seinem neuen Chef Dennis Schröder eine Vertrauensbasis aus der Saison 2012/13 im Braunschweiger Trikot.

Einstige Teamkollegen: Den neuen Löwen-Geschäftsführer Nils Mittmann verbindet mit seinem neuen Chef Dennis Schröder eine Vertrauensbasis aus der Saison 2012/13 im Braunschweiger Trikot.

Foto: Peter Sierigk

Nils Mittmann ist zurück in seiner Heimatstadt, lebt seine Leidenschaft Basketball und stellt sich den neuen Herausforderungen am Braunschweiger Erstligastandort. Im Interview wenige Tage nach Amtsantritt spricht der neue Geschäftsführer der Löwen über die Zusammenarbeit mit Alleingesellschafter Dennis Schröder, seine Ziele, die Corona-Krise und die neue Mannschaft.

Herr Mittmann, in Corona-Zeiten erscheint der Job eines Geschäftsführers eines Profi-Hallenteams ein bisschen wie ein Himmelfahrtskommando. Und für Sie?

Corona ist ja nur eine Momentaufnahme, und ich bin ein grundlegend positiver Mensch, der glaubt, dass Krisen überwunden werden können. Klar sind die Standorte nicht auf Rosen gebettet. Und klar, in meiner Wunschwelt hatte ich mir das anders vorgestellt. Aber für mich ist das natürlich eine Riesenchance. Die Motivation kommt aus meiner Verwurzelung. Braunschweig ist meine Heimatstadt. Ich verfolge das Basketballgeschehen hier seit 15 Jahren, da macht man sich immer seine Gedanken. Und wenn dann die Möglichkeit kommt, mitgestalten und mitentscheiden zu dürfen, dann ist das größer und wichtiger als zu sagen, ich habe Angst vor der Corona-Situation.

Ihr neuer Chef Dennis Schröder hat gesagt, er habe Sie, seinen ehemaligen Kapitän, als jemanden kennengelernt, der als Führungsfigur besonders aufblüht, wenn es um viel geht. Hat er Recht?

Ich habe mich viel mit dem Thema Führung auseinandergesetzt. Leadership zu zeigen, ist einer der Erfolgsfaktoren. Nicht nur für den Geschäftsführer, auch die Mitarbeiter sollten Verantwortung übernehmen. Was ich gut finde ist Handlungsstärke, nicht aus Aktionismus, sondern aus Überzeugung. Ich treffe lieber Entscheidungen, als dass sie für mich getroffen werden.

Dürfen Sie das denn in Braunschweig? Oder entscheidet Dennis Schröder alles Wesentliche?

Ich habe mich sehr lange mit Dennis ausgetauscht, um die Zielgleichheit auszuloten. Dabei ist klar geworden, dass wir die gleichen Vorstellungen haben, dass eine Basis gegeben ist. Wir standen zusammen auf dem Feld, das ist eine sehr intensive Erfahrung und schafft eine Vertrauensbasis.

Haben Sie also eine gewisse Beinfreiheit als Geschäftsführer?

Dennis ist jemand, der aktiv mitgestalten will. Aber in jedem Unternehmen gibt es Gesellschafter, Beiräte oder Aufsichtsräte, die dem Geschäftsführer Rahmenbedingungen vorgeben. Das ist normal. Unnormal ist nur, dass unser Gesellschafter eine Person des öffentlichen Interesses ist. Als momentan bester deutscher Basketballer hat Dennis eine ganz andere Popularität und mediale Aufmerksamkeit.

Wie sehen Ihre ersten Tage der Einarbeitung aus?

Das werden wohl eher Wochen, bis ich wirklich einen Überblick habe. Da bin ich froh, dass ich Tayfun Dülger als kaufmännischen Leiter an meiner Seite habe und auch meinen Vorgänger Oliver Braun um Rat fragen kann.

Dennis Schröder und Sie haben betont, Sie hätten die gleiche Vision von dem, was hier im Basketball passieren soll. Was denn?

Wir sind beide der Meinung, dass wir die Spielerentwicklung in den Vordergrund stellen und wieder mehr Nachwuchsförderung betreiben wollen. Damit wir nicht jedes Jahr 19- bis 23-Jährige verpflichten müssen, sondern eine Pipeline aus dem eigenen Unterbau aufbauen. Wir wollen Strukturen schaffen, von denen wir auch irgendwann profitieren, angefangen im Breitensport. Mit den Profis wollen wir konkurrenzfähig und ambitioniert sein und uns bald auch in den Play-offs etablieren. Wir müssen uns auch fragen, was für uns realistisch ist. Meister zu werden sicher nicht. So müssen wir andere Dinge finden, deren Erfolg messbar ist.

Sagen nicht alle Standorte, dass sie ihre Spieler besser machen und Talente einbauen wollen?

Wenn wir uns in der BBL als jungwildhungriges Entwicklungsteam positionieren, tun wir das, wofür der Standort schon seit 30 Jahren steht. Das fing bei Harald Stein und Stephen Arigbabu an, die hier zu Nationalspielern reiften, dann kamen Dennis und Daniel Theis, die es in die NBA geschafft haben, später beispielsweise Robin Amaize. Da sind wir authentisch und haben die größten Chancen uns zu vermarkten. Dabei sollte das Spielergehalt nicht das maßgebende Kriterium sein. Wir wollen andere Anreize bieten

Viel Spielzeit?

Genau. Wir meinen es ernst und wollen junge Spieler auch abseits des Feldes unterstützen. Wir stellen den Kader so auf, dass sie eine feste Rolle bekommen und nicht nur auf Kaderplatz zehn, elf, zwölf versauern. Das Maximum aus den Spielern rauszuholen, das muss unsere Kernkompetenz sein. Der schon perfekte Profi muss gar nicht nach Braunschweig kommen.

Sie waren noch nie Geschäftsführer oder Sportdirektor. Welche Stärken können Sie einbringen?

Sportlich habe ich die Erfahrungen aus meiner Profikarriere, dabei ist man allerdings extrem in seinem Rad gefangen. Danach hatte ich noch eine reflektiertere Position im starken Ulmer Jugendprogramm. Da habe ich Basketball noch mal anders erlebt, mit jungen Spielern gearbeitet, ihre Sichtweise kennengelernt und die Herausforderungen für ihre Entwicklung.

Sie haben auch als Spielerberater gearbeitet?

Ja, im letzten Jahr. Damit habe ich mich in Abstimmung mit den Ulmern intensiv beschäftigt und ein Konzept entwickelt, wie man das ganzheitlich angehen kann. Auch aus dieser Arbeit kenne ich die Bedürfnisse von Spielern. Verhandlungen mit Sportdirektoren und Geschäftsführern kenne ich auch. Und ich habe über die Jahre ein Basketball-Netzwerk gepflegt und aufgebaut, das ich jetzt nutzen kann.

Werden die Löwen-Profis bald alle von Nils Mittmann und Dennis Schröder betreut, der ja auch eine Spieleragentur betreibt?

Nein. Da muss man auch differenzieren. Dennis‘ Firma Golden Patch Management zielt auf die Vermarktungspotenziale von Spielern ab, mit der amerikanischen Agentur Octagon als Partner. Und ich habe meine Agententätigkeit und die Fiba- und BBL-Lizenz sofort niedergelegt, als ich hier unterschrieben habe. Das wäre ja sonst ein Interessenskonflikt.

Ist es das nicht, wenn Löwen-Profis wie Lukas Meisner oder Bazou Koné bei Dennis Schröder unter Vertrag sind? Es dürfte doch schwierig für Trainer oder Sportdirektor sein, wenn sich Spieler direkt beim Chef beschweren? Oder wenn der seine Schützlinge besonders gefördert sehen will?

Wenn es um die Entwicklung von Spielern geht, kann keine persönliche Beziehung zu Trainer, Manager oder Dennis ausschlaggebend sein. In der NBA gilt auch nur das Leistungsprinzip. Wir wollen hier Spieler verpflichten und weiterentwickeln nach einem klaren Anforderungsprofil. Dabei Dennis an Bord zu haben, ist doch toll. Er hat eine enorme Strahlkraft, und dank ihm haben wir die Chance, Leute von uns zu begeistern, die sonst nicht hierher kämen.

Was bringen Sie für den administrativen Teil der Aufgabe mit?

Ich habe parallel zur Profikarriere Sportmanagement studiert. 2014 bin ich in die Wirtschaft gegangen und habe in der Digitalagentur meiner Schwiegereltern das Verkaufs- und Vertriebsgeschäft gelernt und später geleitet. Als es 2019 die Möglichkeit gab, bei Ulms Basketballern einzusteigen, habe ich zugegriffen. Ich habe einen super Einblick bekommen in eins der am besten aufgestellten Programme in Deutschland und habe im Sales und Marketing die großen Partner betreut.

Sie haben den Job nur wenige Monate gemacht. Warum?

Unter anderem, weil es mir noch nicht nah genug am Sport war. Ich wollte einen noch stärkeren Bezug, lieber an der Personal- und Spielerentwicklung mitwirken. Meine neue Aufgabe in Braunschweig ist perfekt: Ein Teil Marketing, ein Teil Sport mit Einfluss aus übergeordneter Perspektive und dem Austausch mit Trainern und Spielern. Geschäftsführer zu sein, bedeutet natürlich noch mehr, auch Finanzen und Personalverantwortung. Das ist eine tolle Kombination für mich.

Worin sehen Sie Ihre dringlichsten Aufgaben, wie gehen Sie sie an?

Die Weichen wurden gestellt. Nun geht es darum, die Strukturen weiter auszubauen und voran zu gehen. Das kann man nur im Team schaffen, wie beim Basketball. Man muss als Team funktionieren, die Leute entsprechend ihrer Stärken einsetzen, eine Teamchemie entwickeln. Die Identifikation mit unserer Marke ist elementar, die Mitarbeiter müssen ein Teil davon sein wollen.

Was macht Ihre Familie, bleibt sie in Ulm?

Die Kinder gehen beide zur Schule. Wenn es auszuhalten ist, wollen wir erst nächsten Sommer den Schul- und Ortswechsel in Angriff nehmen. So ist es zumindest geplant. Ich bin froh, dass ich die Unterstützung von meiner Frau und den Kindern für die Rückkehr nach Braunschweig habe. Ich werde erstmal pendeln, und wir schauen von Woche zu Woche, wie es funktioniert.

Was erwarten Sie von der Corona-Saison? Ihr Vorgänger Oliver Braun hat angeregt, den Abstieg auszusetzen, weil Wettbewerbsverzerrung nicht zu vermeiden sei.

Das ist ein Thema. Aber wir müssen auch aufpassen, den Sinn und Zweck von Sport nicht wegzudiskutieren. Es geht doch ums Gewinnen und Verlieren. Am Ende wird ein Meister ausgespielt, und andere steigen ab. Das macht die Spannung aus, und ich bin ein Riesenfan davon. Die anderen Argumente bezüglich Corona sind natürlich auch richtig. Meine Hoffnung ist, dass die Saison gespielt werden kann und schnell wieder Fans in die Halle dürfen. Eine komplette Saison ohne Publikum wäre auf allen Ebenen eine riesige Herausforderung.

Wenn das Zuschauerverbot auf Dezember ausgedehnt würde, fielen den Löwen Einnahmen aus weiteren sechs Heimspielen weg.

Das wäre natürlich bitter. Aber was sollen wir machen? Die letzte Saison wurde abgebrochen, jetzt sind wir froh, dass wir spielen dürfen und empfinden unsere Arbeit fast schon als Privileg. Eventuell müssen wir die ganze Saison ohne Fans auskommen. Wir müssen demütig sein und lernen, damit umzugehen.

Was bedeutet das?

Finanziell bricht enorm was weg. Wir sind auf unsere Werbepartner angewiesen, können nur an ihr Verständnis appellieren und Konzepte entwickeln, wie wir ihnen andere Mehrwerte bieten können. Sportlich müssen wir uns fragen, was wir tun können, um trotzdem erfolgreich zu sein. Man hat in den ersten Spielen klar gesehen, dass Emotionalität und Intensität sehr wichtig sind. Man braucht emotionale Leader auf dem Feld. Das ist jetzt noch wichtiger als bei vollen Rängen.

Hat Sie diesbezüglich der Einbruch ihrer Mannschaft gegen Oldenburg erschreckt?

Man hat klar gesehen, dass wir keinen Weg gefunden haben, die Krise zu überwinden. Wir müssen diese Phasen begrenzt halten, um wieder in die Spur zu finden. Es ist den Trainern bewusst, dass wir defensive Standards etablieren müssen, damit die Emotionen nicht nur über die Offensive kommen.

Wie schätzen Sie Ihre Mannschaft ein, was erwarten Sie von ihr?

Der Slogan „Jungwildhungrig“ passt gut. Wichtig wird sein, dass wir die Stärken unserer Spieler, viel Energie, Tempo und Athletik, übersetzen ins Spielsystem. Die Mannschaft muss ihre physischen Voraussetzungen auch defensiv in die Waagschale werfen, da ist noch sehr viel Potenzial. „Jung“ bedeutet aber auch unerfahren, die Spieler werden also Fehler machen.

Wie stehen Sie zu Trainer Pete Strobl, den Sie ja aus Ulm kennen?

Ja, er hat auch in meinem Dorf gewohnt. Sein Sohn Bas und meine Tochter sind zusammen in eine Klasse gegangen, unsere Söhne haben in einer Mannschaft gespielt. Es gab immer wieder Überschneidungspunkte, und wir haben uns viel in der Halle gesehen. Wir haben also eine Beziehung und fangen nicht bei null an.

Die Mannschaft ist mit zwei Niederlagen in der BBL gestartet. Wird noch ein vierter ausländischer Spieler verpflichtet?

Erstmal gehen wir so weiter. Ich glaube, es steckt genug Potenzial in der Mannschaft. Die Saison ist noch zu jung, als dass wir dieses Fass aufmachen sollten. Die Spiele haben ja auch gezeigt, dass wir mithalten können.

Der Druck wächst aber, oder?

Wir bewerten die Leistung nach der Entwicklung, die ist erstmal relevanter als Ergebnisse. Ich werde mir auch die Trainings ansehen, gucken wie die Stimmung ist. Es müssen als erstes diese defensiven Standards etabliert werden, die für jeden gelten, die immer abgerufen werden können, plus minus zehn Prozent für die Tagesform. Die Mannschaften, die erfolgreich sind, haben das und heben es im Saisonverlauf auf ein immer höheres Level.

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