Chefredakteur Armin Maus zu kostenpflichtigen Corona-Artikeln

„Wir kennen unsere Verantwortung für die Versorgung unserer Leser mit wichtigen Informationen. Wir hoffen, dass Kritiker unsere Haltung verstehen.“

„Ich verstehe jede Leserin und jeden Leser, der die Frage stellt, ob man für dieses kostbare Gut denn Geld verlangen dürfe“, sagt Armin Maus zu Online-Nachrichten in Zeiten des Coronavirus (Symbolbild).

„Ich verstehe jede Leserin und jeden Leser, der die Frage stellt, ob man für dieses kostbare Gut denn Geld verlangen dürfe“, sagt Armin Maus zu Online-Nachrichten in Zeiten des Coronavirus (Symbolbild).

Foto: Peter Kneffel / dpa

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Corona-Virus hat unsere Gesellschaft in den Ausnahmezustand gestürzt. Schulen, Kitas, Universitäten, viele Geschäfte und nun auch noch die Belegschaften von Volkswagen können nicht arbeiten. Viele, besonders ältere Mitbürger, leben in Furcht vor der Infektion. Das Wort von der „Risikogruppe“ hinterlässt Eindruck, auch bei den Angehörigen. Wer alt ist oder gesundheitlich angeschlagen, der muss bei Corona tatsächlich besondere Vorsicht walten lassen. Die Verläufe der Krankheit Covid-19 sind vielfach eher leicht. Aber das gilt eben nur für halbwegs gesunde Menschen.

Corona ist kein Thema, mit dem wir nur kühl und rational umgehen könnten. Das stumpfe Gefühl der Bedrohung begleitet uns alle, die Sorge um uns mehr oder minder nahestehende Mitbürger auch. Mir ist die Geschichte eines kleinen Jungen sehr nahegegangen, der glaubte, seine Oma müsse jetzt sterben, weil er sie besucht hatte. Dabei ist er gar nicht infiziert, hatte sogar vier Meter Abstand zu ihr gehalten und sich das T-Shirt über Mund und Nase gezogen.

Gerüchte machen Angst

Zu allem Überfluss gibt es nach wie vor unverantwortliche Zeitgenossen, die ohne Sinn und Verstand Gerüchte stiften und verbreiten. Aus Geltungsdrang oder einer perversen Lust an der Katastrophe oder vielleicht auch nur aus intellektueller Hilflosigkeit machen sie eine schwierige Situation unerträglich. Es wäre gut, wenn nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft gegen diese Panik-Macher vorgingen, sondern auch jeder einzelne von uns diesen Leuten ein deutliches Zeichen der Ablehnung senden würde.

Gerüchte machen Angst. Informationen dagegen machen eine Bedrohung greifbar, einschätzbar und verschaffen uns die Möglichkeit, ins Handeln zu kommen. Information ist, wenn Sie so wollen, ein Mittel zur Überwindung der Ohnmacht. Ich verstehe jede Leserin und jeden Leser, der die Frage stellt, ob man für dieses kostbare Gut denn Geld verlangen dürfe. Muss denn nicht gerade in einer solchen, beispiellosen Krise, Information Gemeingut sein? Diese Frage stellen sich Leserinnen und Leser auch auf unseren Portalen und bei unseren Posts auf den Social-Media-Plattformen.

Arbeit auf der Grundlage der Rundfunkbeiträge

Es gibt ja auch genügend Anbieter, die kostenlos, oder doch vermeintlich kostenlos liefern. Bei genauem Hinsehen ergibt sich aber ein anderes Bild. Es lohnt sich, deren Finanzierung zu hinterfragen. Nehmen wir die öffentlich-rechtlichen Medien vom NDR bis zum Deutschlandfunk, die nicht nur dieser Tage einen exzellenten Job machen. Sie leisten ihre Arbeit auf der Grundlage der Rundfunkbeiträge, die jeder Haushalt, die jeder von uns bezahlt. Im Jahr sind das über 8 Milliarden Euro. Und die werden auch in Zeiten der Corona-Krise eingezogen. Selbst dieses scheinbar freie Angebot kostet also Geld. Andere informieren auf der Basis von Werbeeinnahmen – und der Vermarktung unserer Nutzungsdaten. Leider kranken solche Angebote häufig an sehr schmaler journalistischer Besetzung und an Produktionsdruck, der gründliche Arbeit sehr, sehr schwer macht.

Unabhängiger Journalismus muss finanziert werden. Es kann nicht anders gehen. Ich kenne kein Finanzierungsmodell, das die Unabhängigkeit der Journalisten wirksamer sicherstellen würde als das der deutschen Zeitungen. Und das möchte ich gerne begründen.

Journalisten müssen auch wirtschaftlich unabhängig sein

Der Journalistenberuf stellt hohe Anforderung – an Bildung, Analysefähigkeit, Kommunikationsbereitschaft, Motivation, Belastbarkeit, Umgang mit Sprache und Bild, Flexibilität, Technikbeherrschung, Effizienz. Das reicht aber nicht. Journalisten müssen auch wirtschaftlich unabhängig sein. Sie dürfen nicht abhängig sein vom Beifall von Anzeigenkunden, vom Wohlwollen staatlicher Gremien oder von anderen Interessen, die der umfassenden, vorurteilsfreien und sorgfältigen Information der Leserinnen und Leser im Wege stehen.

Menschen, denen die unabhängige, kritische Presse lästig ist und die sich selbst gerne als Opfer dunkler Mächte inszenieren, verbreiten allerlei Lügen über uns. Wir seien die Agenten von Politik und Wirtschaft, würden die Bürger betrügen und wichtige Informationen unterdrücken. Meine „Lieblingsdiffamierung“ ist die Behauptung, wir müssten unsere Berichte und Kommentare bei der Bundeskanzlerin, oder doch zumindest beim VW-Vorstand vorlegen. Das alles ist kompletter, blühender Blödsinn, wird aber von denen geglaubt, die uns und allen Verantwortungsträgern in diesem Land grenzenlos misstrauen, gleichzeitig aber erstaunlich geringe Ansprüche an die Überprüfung ihrer eigenen Informationsquellen haben.

Für uns ist Transparenz ein besonders hohes Gut

Die Realität ist eine andere. Journalisten in Deutschland und ganz besonders in dieser Redaktion leisten ihre Arbeit frei und ungehindert. Artikel 5 des Grundgesetzes ist uns heilig: „Zensur findet nicht statt.“

Die Unabhängigkeit der Redaktion, die konsequente Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten ist wie die Qualifikation und Leistungsfähigkeit der Redaktion ein wesentlicher Baustein für die Glaubwürdigkeit einer jeden Zeitung. Diese Trennung wird in den Verlagen, aber auch durch den Deutschen Presserat bewacht, weil sie ein Schatz ist.

Für uns ist Transparenz ein besonders hohes Gut. Bei uns Regionalzeitungen kann sich jede Leserin und jeder Leser besonders leicht ein eigenes, zuverlässiges Bild machen. Denn unsere Redakteurinnen und Redakteure, unsere freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewegen sich in Themenfeldern und an Orten, die Sie zum Teil gut kennen. Das macht uns jederzeit überprüfbar. Und wir sind nicht irgendwelche Avatare, irgendwelche in der Ferne wirkenden Kräfte – wir sind für Sie jeden Tag persönlich greifbar.

572 Fälle von Coronavirus sind in Niedersachsen bestätigt

Wichtige Werbeeinnahmen werden uns fehlen

Als Bürgerzeitung sind gerade wir ganz besonders am Miteinander von Journalisten und Bürgern interessiert. In Ihrem Auftrag machen wir unsere Arbeit, Ihrem Auftrag sind wir verpflichtet. Es kommt uns hart an, dass wir die physische Nähe zu Ihnen gegenwärtig nicht im bisherigen Maß suchen und finden können. Aber natürlich nutzen wir alle anderen Möglichkeiten. Auf unseren Portalen, in der gedruckten Zeitung, im E-Paper, via Social Media, mit Newslettern wie „Post aus der Redaktion“ und unserem Corona-Newsletter, mit unseren Podcasts. Gar nicht wenig davon ist kostenlos. Denn wir kennen unsere Verantwortung für die Grundversorgung unserer Leserinnen und Leser mit wichtigen Informationen.

Wir nehmen diese Verantwortung wahr, obwohl wir eben nicht staatlich oder durch Zwangsgebühren finanziert werden; wir erscheinen auch an Tagen, an denen es keine oder nur wenige Anzeigen gibt. So wird es auch weiterhin sein, so schwer die kommenden Wochen auch für unsere Verlage werden dürften. Wichtige Werbeeinnahmen, etwa aus dem Reisemarkt oder aus dem Handel, werden uns fehlen.

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Team macht seine Arbeit unter besonderen Umständen

Wir können geprüfte, von unabhängigen, qualifizierten Profis gesammelte, bewertete, eingeordnete und hinterfragte Information aber nur dann bieten, wenn wir für einen wesentlichen Teil unserer Arbeit Geld verlangen. Wie anders sollte eine zuverlässige Organisation mit allein 80 Redakteurinnen und Redakteuren in unserer Region möglich sein? Abonnenten unserer gedruckten Zeitung, unseres E-Papers, unserer Portale verstehen das und machen unsere Arbeit seit Jahrzehnten überhaupt erst möglich. Dafür sind wir unseren Leserinnen und Lesern dankbar. Ihr Beitrag macht heute den weit überwiegenden Teil der Einnahmen der Verlage aus – nie in der deutschen Zeitungsgeschichte war die Beziehung zwischen Leserinnen und Lesern und ihrer Redaktion wichtiger.

Wir hoffen, dass die Kritiker unsere Haltung und unsere Notwendigkeiten verstehen – denn auch sie werden aus eigener Erfahrung und aus ihren Berufen wissen: Gute Arbeit muss bezahlt werden, das vermeintliche Schnäppchen kann unter Umständen sehr teuer werden.

Im Augenblick macht unser Team seine Arbeit unter besonderen Umständen. Der allergrößte Teil meiner Kolleginnen und Kollegen arbeitet von zuhause aus. Unsere Redaktionstechnik und vor allem die große Leistungsbereitschaft unserer Mannschaft machen es möglich. Damit wollen wir das Ansteckungsrisiko für alle Kolleginnen und Kollegen reduzieren - und unsere Handlungsfähigkeit sichern.

Egal, was kommt: Von uns können Sie gute Arbeit erwarten, auch und gerade jetzt, wo verlässliche Informationen noch wichtiger sind als sonst. Bleiben Sie uns bitte gewogen – und bleiben Sie gesund!

Armin Maus, Chefredakteur

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)