Der Endspurt im Rennen um Corona-Impfstoffe

Braunschweig.  EU-Behörde prüft Impfstoff-Kandidaten im beschleunigten Verfahren. Paul-Ehrlich-Institut: Es sieht sehr gut aus.

Wenn es gut läuft, so die europäische Behörde EMA, habe man bis Jahresende die nötigen Daten für eine Impfstoff-Zulassung beisammen.

Wenn es gut läuft, so die europäische Behörde EMA, habe man bis Jahresende die nötigen Daten für eine Impfstoff-Zulassung beisammen.

Foto: Armin Weigel / picture alliance / dpa

Was ist denn, wenn man keinen Corona-Impfstoff findet? Immerhin sterben jedes Jahr ungezählt viele Menschen an HIV, weil man dagegen auch keinen Impfstoff gefunden hat.

Die fragt unser Leser Rüdiger Reinhardt aus Braunschweig.

Weltweit liefern sich Forscher einen Wettlauf um einen Impfstoff gegen das Coronavirus Sars-Cov2. Da müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelingen sollte, bald einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln, findet Susanne Stöcker. Die Pressesprecherin der für Impfstoffe zuständigen Bundesbehörde, des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), erklärt: „Es gibt mittlerweile so viele Impfstoff-Kandidaten, die sich bereits in der Phase der klinischen Studien bewegen, dass es sehr schwer vorstellbar ist, dass es nicht klappen sollte.“

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge werden derzeit weltweit über 200 Impfstoffkandidaten getestet. 45 davon befinden sich bereits in der Phase der klinischen Bewertung. Das heißt, dass sie die ersten Hürden – Entwicklung der Zusammensetzung, Labortests, Tierversuche – bereits erfolgreich genommen haben. Zehn dieser 45 Spitzenreiter sind schon in der abschließenden Phase III der klinischen Tests, in der die Präparate an Tausenden gesunder Freiwilliger getestet werden.

Braunschweig ist auf der Impfstoff-Forschungs-Landkarte

Deutschland zählt zu den Ländern mit besonders vielen Forschungsprojekten für Impfstoffe gegen Covid-19. Auch Braunschweig befindet sich auf der Landkarte der Standorte für die Entwicklung und Herstellung möglicher Covid-19-Impfstoffe – zumindest mittelbar. Schließlich befindet sich hier der Hauptsitz des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF). Dieser Forschungsverbund, an dem auch das benachbarte Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) beteiligt ist, ist mit zwei Projekten im Rennen um einen Corona-Impfstoff vertreten: Zum einen haben DZIF-Forscher der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität einen Impfstoff entwickelt, der auf einem sogenannten Impfvirus basiert. „Diese Viren sind so abgeschwächt, dass sie als harmlose Vektoren für andere Impfstoffe dienen können“, schreibt das DZIF dazu auf seiner Webseite. Dieser „Vektor“ sei bereits erfolgreich für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das MERS-Coronavirus, einen nahen Verwandten von Sars-Cov-2, verwendet worden. Der so entwickelte Corona-Impfstoff befindet sich bereits in der klinischen Prüfung.

Masernimpfstoff mit Corona-Bestandteilen

Einen anderen Covid-19-Impfstoff hat, ebenfalls unter dem Dach des DZIF, der hessische Forscher Michael Mühlebach entwickelt – zusammen mit einer Schweizer Biotech-Firma. Sein Kandidat macht sich den seit Jahrzehnten bewährten Masernimpfstoff zunutze, indem dieser mit einem Bestandteil des neuen Coronavirus kombiniert wird. Dieses Präparat befindet sich offenbar noch in der Laborphase.

Beschleunigte Bewertung durch die EU-Behörde EMA

Üblicherweise dauert die Prüfung und Zulassung eines Impfstoffs mehrere Jahre. Damit es bei Covid-19 schneller klappt, hat die europäische Medizin-Behörde EMA, die die Zulassung eines Corona-Impfstoffs in der EU koordiniert, ein neues Verfahren eingeführt, die sogenannte Rolling Review. Bei diesem „fortlaufenden“ Verfahren wird zeitgleich gemacht, was normalerweise nacheinander geschieht: Anders als sonst üblich leiten die Impfstoff-Forscher hier die bei den klinischen Tests gewonnenen Daten laufend an die europäische Zulassungsbehörde weiter, wo diese parallel überprüft und beurteilt werden. „Vereinfacht gesagt, entscheidet die EMA dann, wann es reicht und die Wirksamkeit und Sicherheit eines Impfstoffkandidaten ausreichend belegt ist“, fasst Stöcker zusammen. Im nächsten Schritt kann dann relativ rasch die Zulassung erfolgen. Die EMA betont, dass „die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der betreffenden Arzneimittel unverändert hoch“ sei, trotz des beschleunigten Verfahrens.

Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts: „Es sieht gut aus“

Zwei Impfstoffkandidaten werden derzeit von der EMA im „Rolling Review“-Verfahren geprüft. Einer stammt aus Deutschland von der Firma BioNTech aus Mainz, der andere ist ein gemeinsames Projekt der englischen Universität Oxford und des schwedisch-britischen Unternehmens AstraZeneca. PEI-Sprecherin Stöcker ist optimistisch, dass es zu einer Zulassung kommt. „Es scheint ganz gut zu laufen“, sagt die PEI-Sprecherin. „Es sieht mit der Verträglichkeit gut aus – auch was die Nebenwirkungen angeht.“

Wann genau ein Kandidat die strengen Zulassungskriterien erfüllt und es zu einer Zulassung eines Corona-Impfstoffs in der Europäischen Union kommt, lässt sich dennoch nicht vorhersagen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) erwartet „nach aktuellem Kenntnisstand, dass bis Anfang 2021 ein oder mehrere Covid-19-Impfstoff(e) in der Europäischen Union zugelassen und erste Produktionschargen verteilt und vertrieben werden könnten“.

EMA ist vorsichtig bei Termin-Prognose

Die EMA, die auf europäischer Ebene den Überblick über den Impfstoff-Wettlauf hat, schreibt auf ihrer Webseite vorsichtig: „Gegenwärtig ist nicht bekannt, ob Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen werden oder wie lange dies dauern wird, denn der Zeitplan ist nur schwer vorhersehbar.“ Im besten Falle, heißt es dort aber, werde die Behörde gegen Ende 2020 die nötigen klinischen Daten der am weitesten fortgeschrittenen Impfstoffkandidaten beisammen haben.

Wie die Beispiele des DZIF zeigen, kommen den Forschern bei der Entwicklung eines Impfschutzes gegen das Coronavirus Sars-Cov2 die Erfahrungen der Impfstoffforschung zu anderen, schon länger bekannten Viren zugute – etwa die Erreger der Krankheiten Sars und Mers – beides ebenfalls Coronaviren. „Auch aufgrund dieser Kenntnisse sind alle Experten – ohne Ausnahme – zuversichtlich, dass wir am Ende eine Impfung gegen Corona haben werden“, so Stöcker. Mit der Situation beim Aids-Erreger HIV, gegen den es auch nach Jahrzehnten noch keinen Impfstoff gibt, sei die Situation bei Sars-Cov2 nicht vergleichbar.

Warum mehrere Corona-Impfstoffe wünschenswert sind

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es am Ende sogar mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus geben. „Das ist nicht nur denkbar, sondern auch wünschenswert“, erläutert die PEI-Sprecherin. Zum einen werde ein Hersteller allein kaum in der Lage sein, den weltweit riesigen Bedarf an Corona-Impfungen zu stillen. Zum anderen bräuchten bestimmte Personengruppen, wie Schwangere oder Patienten mit einer Immunschwäche, auch Impfstoffe mit verschiedenen Eigenschaften.

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