Tier-Drama

Hund Milow stirbt in Wolfsburg an Vergiftung mit Süßstoff Xylit

| Lesedauer: 5 Minuten
Am Hochbehälter in Wolfsburg-Nordsteimke muss der Hund den tödlichen Stoff gefressen haben.

Am Hochbehälter in Wolfsburg-Nordsteimke muss der Hund den tödlichen Stoff gefressen haben.

Foto: Anja Weber / regios24

Wolfsburg.  Womöglich war es kein Giftköder, sondern ein Unglücksfall, dem das Tier in Nordsteimke zum Opfer fiel. Die betroffene Familie will sensibilisieren.

Passiert sein muss es bei der Hunderunde am Hochbehälter in Nordsteimke. Nach der Rückkehr vom dortigen Grillplatz am Ostersamstag geht es „Milow“ plötzlich nicht gut. Er zieht sich erst zurück, taumelt dann, fällt immer wieder um. Stunden später ist der Hund der Familie tot. Es stellt sich heraus: Er hatte den Süßstoff Xylit gefressen!

„Unser Hund hatte leider keine Chance. Wir waren wahnsinnig geschockt“, erzählt die Mutter der Familie, die in der Trauer um ihren geliebten Retriever nicht namentlich genannt werden möchte. Für sie ist klar: „Er muss am Grillplatz etwas aufgenommen haben.“

Hundebesitzerin geht von Giftköder aus, kann aber auch Versehen nicht ausschließen

Ihre Vermutung: Jemand hat den Zuckerersatzstoff dort pur oder in Form von Gebäck oder ähnlichem als Giftköder ausgelegt. Es müsse sehr schnell gegangen sein, „sonst hätten wir das bemerkt“. Sie sagt: „Retriever sind bekanntlich keine Kostverächter.“ Und: „Xylit ist das neue Rattengift. Perfide, weil so leicht verfügbar.“

Allerdings will die Nordsteimkerin auch nicht ganz ausschließen, dass es ein Versehen war: dass dort mit Xylit gebackene Kekse oder Diätbonbons zurückgelassen oder verloren wurden. Jedoch hätte der Rüde dann einiges davon gefressen haben müssen, eine gewisse Menge des Süßstoffs wäre aufgrund seiner Statur nötig gewesen. „Xylit ist leider schon in geringer Dosis tödlich – aber Milow hat 28 Kilo gewogen!“

Bei der Wolfsburger Polizei gibt es bisher keine Anzeigen aus Nordsteimke

Auch, weil es über die Umstände der tödlichen Vergiftung am Nordsteimker Hochbehälter keine endgültige Gewissheit gibt, hat die Familie keine Anzeige erstattet. Polizeisprecher Thomas Figge war bis Mittwochmittag auch nichts über andere Anzeigen aus Nordsteimke bekannt. So oder so möchte die Familie trotz ihrer Trauer aber andere Hundebesitzer warnen und für den tückischen Stoff sensibilisieren.

„Ich kannte die Symptome nicht“, sagt die Nordsteimkerin. Milow sei ihrem Mann – entgegen jeder Gewohnheit – nicht durchs Haus gefolgt, habe sich hingelegt. „Er war wie steif, wir mussten ihn runtertragen. Im Garten ist er umgefallen, wieder aufgestanden, wie betrunken gegangen, wieder umgefallen.“ Er habe aber nicht geblutet und auch keinen Schaum vor dem Maul gehabt, jedoch eingekotet und trockenes Zahnfleisch gehabt.

Familie fährt mit Hund schnell in die Tierklinik – doch es ist schon zu spät

Für die Hundebesitzer ist klar: Schnell in die Tierklinik mit ihrem Liebling. „Unterwegs hat Milow einen Krampf bekommen und war dann ohne Bewusstsein.“ Innerhalb einer Stunde sei das alles gewesen. In der Klinik seien dann hohe Temperatur, schlechte Leberwerte und „null Glukose“ festgestellt worden, berichtet die Besitzerin. „Die Nacht hat er nicht geschafft.“ Das Ergebnis der Untersuchungen sei eine Xylit-Vergiftung gewesen.

„Was ich fatal finde: Birkenzucker klingt so harmlos. Aber das ist blanke Chemie. Das Zeug ist saugefährlich für Hunde“, betont die Nordsteimkerin. Sie wisse das schon lange. „Daher war für mich klar: Das kommt mir nicht ins Haus.“

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Vorstandsmitglied der Wolfsburger Tierhilfe weiß um Gefahr von Xylit für Hunde

„Das Problem ist: Viele wissen nicht, dass Xylit für Hunde hochgiftig ist“, sagt auch Claudia Gummert vom Vorstand der Tierhilfe Wolfsburg. Sie hatte zuvor zwar selbst noch nichts von einer Xylit-Vergiftung beim Hund gehört, jedoch vom aktuellen Fall, erzählt sie.

„Ich würde als Hundebesitzerin Xylit gar nicht im Haus haben, weil es viel zu gefährlich ist“, betont auch die Tierschützerin. Und berichtet von einem Vorfall kürzlich: Da habe sich ein Hund in einem unbemerkten Moment über Kuchen auf einem Tisch hergemacht. „Wenn da Xylit dringewesen wäre, wäre das für den Hund ein akuter Notfall gewesen – wenn man es denn überhaupt gewüsst hätte...“

Tierärztin erklärt Schwierigkeit, eine Vergiftung mit dem Zuckerersatz zu erkennen

Genau das ist auch das Problem für Tierärzte und Tierärztinnen: „Wenn ein Hund Xylit aufnimmt, wird vom Körper ganz viel Insulin ausgeschüttet“, erklärt Alexandra Kaltenbrunn-de Wert. „Es kommt zu einer akuten Unterzuckerung. Aber es ist schwierig, die sofort zu erkennen. Viele Besitzer wissen ja auch nicht, was der Hund aufgenommen hat oder wie lange das her ist. Und anders als etwa bei Rattengift oder Schneckenkorn gibt es bei Xylit keine Blutungen.“

Die Tierärztin aus Kästorf hatte selbst noch keinen Fall von Xylit-Vergiftung in ihrer Praxis, weiß aber: „Eine Handvoll Bonbons mit Xylit kann für einen großen Hund schon tödlich sein. In unseren Erste-Hilfe-Kursen weisen wir generell auf Probleme einer Vergiftung hin. Dann sollte man schnell zum Tierarzt.“ Auch Schokolade und Salz zum Beispiel seien für Hunde gefährlich. „Und eine Gefahr ist auch die jetzige Düngezeit, auch im Garten.“

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