Schmall: Die Werke werden enger verzahnt

Wolfsburg  VW-Komponentenvorstand Thomas Schmall erläutert im Interview den Umbau der Teile-Fabriken Braunschweig und Salzgitter.

Thomas Schmall, Komponentenvorstand der Marke VW.

Thomas Schmall, Komponentenvorstand der Marke VW.

Foto: Roland Niepaul/VW

Schlankere Belegschaften, stärkere Fokussierung auf die E-Mobilität: Der im „Zukunftspakt“ beschlossene Umbau der Marke VW betrifft auch die Komponenten-Fertigung und damit die Werke Braunschweig und Salzgitter. In welchen Schritten der Wandel vollzogen werden soll, erläutert Thomas Schmall (52), im Vorstand der Marke VW verantwortlich für die Komponenten-Fertigung, im Gespräch mit Andreas Schweiger. Es ist Schmalls erstes Interview.

Herr Schmall, wie haben Sie die Verhandlungen zum Zukunftspakt erlebt?

Der Zukunftspakt steht für acht sehr intensive Monate – mit harten, aber immer konstruktiven Gesprächen. Es geht ja um nichts weniger als um die Zukunft der Komponentenstandorte. Das ist uns jederzeit bewusst gewesen. Wie finden wir zurück auf einen profitablen Wachstumskurs, wie schaffen wir den Umstieg in die Elektromobilität – und wie binden wir das große Know-how unserer Mitarbeiter auf diesem Weg bestmöglich ein?

Jeder einzelne Standort der Komponente ist technisch hoch spezialisiert, deswegen waren die Gespräche inhaltlich auch sehr komplex. Unser Ziel war es, eine standort-übergreifende Strategie zu erarbeiten, um die Werke enger zu verzahnen. Ich bin sehr froh, dass wir mit dem Zukunftspakt insgesamt zu einer tragfähigen Lösung gekommen sind.

Hatten Sie daran Zweifel?

Nein. Allen Beteiligten war klar, dass es höchste Zeit wurde zu handeln. Bereits Anfang 2015, als ich meine Aufgabe in der Komponente angetreten habe, wurde schnell deutlich, dass die Komponente insgesamt noch stärker und kraftvoller auf die Zukunft ausgerichtet werden muss.

Deshalb haben wir Standorte wie Salzgitter, Braunschweig oder auch Kassel bereits im Detail analysiert und ein umfassendes Bild über die jeweiligen Stärken und Schwächen erhalten. Daraus haben wir eine Produktstrategie für die Standorte entwickelt. Dann begannen im Frühjahr 2016 die ersten Gespräche zum Zukunftspakt. Wir waren da also gut vorbereitet.

Die Marke VW will in Deutschland insgesamt 23 000 Arbeitsplätze abbauen, zugleich 9000 neue schaffen. Wie viele der neuen Stellen entfallen auf die Komponenten-Fertigung?

Auch in der Komponente werden wir in den kommenden Jahren insgesamt schrumpfen, dies wird aber sozialverträglich passieren. Es wird also keine betriebsbedingten Kündigungen bei uns geben. Gleichzeitig werden wir allein im Bereich der Elektro-Mobilität insgesamt 3000 neue Arbeitsplätze aufbauen. Dafür werden wir vor allem intern Mitarbeiter weiterqualifizieren. Wir werden da, wo es notwendig ist, aber auch externe Experten einstellen.

Wie verteilen sich die neuen Stellen auf die Werke?

Das planen wir derzeit im Detail aus.

Welche Schritte folgen nun?

Mit unserem Transformationsprozess verfolgen wir zwei große Ziele. Erstens: die Wettbewerbsfähigkeit der Komponenten-Fertigung sicherstellen. Und zweitens: den Wandel in die Welt der Mobilität von Morgen gestalten. Dabei stehen wir vor einem Quantensprung: Ergänzend zu unserem breiten Know-how in der Welt der Verbrennungsmotoren wollen und werden wir neues, eigenes Wissen zur Elektro-Mobilität und zur Batterie-Technik aufbauen. Das ist für uns alle eine Herausforderung. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass auch in zehn Jahren noch der wesentliche Teil unserer Fahrzeuge mit konventionellem Antrieb, also mit Benzin- oder Dieselmotor, fahren wird.

Wettbewerbsfähigkeit und Transformation – welches dieser Ziele hat Vorrang?

Beide Ziele sind gleichrangig. Nur wenn wir nachhaltig wettbewerbsfähig sind, können wir den Wandel in Richtung Zukunft gestalten. Im ersten Schritt wollen wir bis 2020 unser Produktportfolio wirtschaftlich optimieren und unsere Investitionen zukunftsorientiert ausrichten. Von Vorteil ist hier, dass wir die Analysen der Standorte bereits frühzeitig begonnen haben. So können wir den Umbauprozess selbst steuern. Im zweiten Schritt werden wir bis 2025 die Transformation in Richtung Elektro-Mobilität beschleunigen – mit neuen Modellen wie unserem Konzeptfahrzeug I.D., und mit dem begleitenden Umbau unserer Produktion. Damit einhergehend wollen wir im dritten Schritt nach 2025 die Geschäftsfelder wandeln und weiter ausbauen.

Was meinen Sie konkret?

Wir werden uns intensiv mit dem Geschäftsfeld Batteriezellen-Fertigung befassen. Die Batteriezelle ist eine Schlüsseltechnologie. Diese Technik müssen wir beherrschen, um vorn mitspielen zu können. Deshalb bauen wir im Werk Salzgitter eine eigene Pilotanlage für die Produktion von Batteriezellen auf. Das Werk Braunschweig wird weiterhin Batteriesysteme für unsere aktuellen – und neu auch für unsere künftigen Elektrofahrzeuge – entwickeln und fertigen. Die Batterie-Experten in Braunschweig werden sich auch mit den Themen Ladesäule, Reichweite und Stromspeicher befassen. So könnten etwa Batteriesysteme, die nicht mehr in den Fahrzeugen eingesetzt werden, in der Zweitnutzung als Haushaltsspeicher für Strom genutzt werden. In solchen Bereichen sehen wir Potenzial.

Können Sie durch die neuen Geschäftsfelder Arbeitsplätze sichern?

Ja, das ist eines unserer Ziele. Sie dürfen nicht vergessen: In der Komponenten-Fertigung arbeiten derzeit 70 Prozent der Mitarbeiter in den Bereichen Motor und Getriebe. Deren Produktion ist für die neue Generation der Elektro-Fahrzeuge aber weit weniger komplex als für Verbrennungsmotoren – und damit auch weniger arbeitsintensiv.

Das Werk Braunschweig hat einen guten Ruf als Produzent von elektrischen Lenkungen. Welche Rolle spielen sie bei der künftigen Ausrichtung?

Ganz eindeutig: Themenfelder wie die elektrischen Lenkungen in Braunschweig werden aufgewertet. Diese Komponenten werden in Zukunft mit der Batterie und dem elektrischen Antrieb noch stärker vernetzt. Das gleiche gilt für geregelte Stoßdämpfer, die während der Fahrt elektrisch angepasst werden können.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der Pilotanlage in Salzgitter zur Fertigung von Batteriezellen?

Wir werden eigenes Know-how aufbauen, damit wir die Technik beherrschen, die Kosten beurteilen und die Märkte kennenlernen können. Nur dann kann man bei einer Schlüsseltechnologie wirklich mitreden – und künftig selbst entscheiden. Dieses Ziel wollen wir bis 2020 erreichen.

Und dann beginnt die Serienfertigung?

Derzeit werden in den Batterie-Systemen noch Lithium-Ionen-Zellen mit Flüssigelektrolyten verarbeitet. Es ist aber durchaus möglich, dass sie in etwa zehn Jahren von der Feststoffzelle abgelöst werden. Deshalb gilt, zur richtigen Zeit das Richtige zu entscheiden.

Also gleich der Einstieg in die neue Technik?

Wie gesagt, darüber werden wir entscheiden, wenn wir mit der Pilotanlage Erfahrungen gesammelt haben. Sollte eine Fertigung tatsächlich in der Region Braunschweig-Salzgitter infrage kommen, wären vorher aber noch einige große Schritte zu gehen.

Was meinen Sie?

Es werden sich in Europa viele Länder um diese neue Kerntechnologie bewerben. Deutschland hat dabei vergleichsweise hohe Energiepreise. Diese wirken sich direkt auf die Herstellkosten aus, weil die Produktion von Batteriezellen sehr energieintensiv ist.

Würden Sie die Ansiedlung der Fertigung in unserer Region favorisieren?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir auf diesem Feld so viel eigene Kompetenz wie möglich aufbauen sollten. Dabei dürfen wir auch die Wettbewerbsfähigkeit in der Region nicht aus den Augen verlieren.

Welche Produkte für die E-Autos werden noch aus Salzgitter kommen?

Salzgitter wird wesentliche Komponenten für den Antriebsstrang liefern, der dann im Werk Kassel montiert wird. In Kassel werden auch Elektromotoren gebaut, das Werk hat bereits über lange Jahre Wissen in diesem Bereich aufgebaut.

Das Werk Salzgitter soll gemeinsam mit Audi die Entwicklung der Brennstoffzelle voranbringen. Was genau geschieht in Salzgitter?

Die Marke Audi koordiniert verantwortlich das Thema Brennstoffzelle. In Salzgitter wurde bereits Know-how zur Entwicklung und Fertigung von Nebenaggregaten für die Brennstoffzelle aufgebaut. Das wollen wir ausbauen.

Obwohl VW bereits eine klare Elektro-Strategie verfolgt, arbeiten Sie weiter an der Brennstoffzelle. Warum?

Trotz klarer Priorisierung wollen wir auf alles vorbereitet sein. Der Automobilmarkt in Japan zum Beispiel ist sehr stark auf die Brennstoffzelle fokussiert.

In direkter Nachbarschaft des VW-Werks in Salzgitter wird beim Schienenfahrzeug-Hersteller Alstom derzeit ein Zug mit Brennstoffzellen-Antrieb für den Probebetrieb vorbereitet. Gibt es einen Austausch zwischen Volkswagen und Alstom?

Die Entwickler tauschen sich regelmäßig aus. Wir haben auch einen intensiven Austausch mit der TU Braunschweig. Deren Batterie-Labor bündelt die Entwicklung von Batterie-Systemen in Deutschland. Ich sehe insgesamt einen großen Vorteil in der Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft. Wir schätzen den fachlichen Austausch mit der TU Braunschweig sehr – er wird auch in Zukunft wichtig sein.

Welche wirtschaftlichen Ziele setzen Sie sich in der Komponenten-Fertigung?

Die Komponentenwerke werden die Kosten im Rahmen des Zukunftspaktes bis 2020 um insgesamt 900 Millionen Euro senken. Zugleich wollen wir im selben Zeitraum jedoch 750 Millionen Euro wieder investieren – in die Technologien von morgen. Ich bin überzeugt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben und unsere Ziele erreichen werden. Davon werden nicht nur die VW-Beschäftigten profitieren, sondern der gesamte Wirtschaftsstandort Niedersachsen und die Menschen, die in der Region leben.

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