Tomlin möchte für immer bei den Braunschweiger Lions bleiben

Braunschweig.  Vereinstrainer Troy Tomlin spricht im Interview über den Superbowl, die neuen Quarterbacks und Braunschweig.

Lions-Cheftrainer Troy Tomlin schaut sich gern auch mal Spielzüge in der amerikanischen Superliga NFL für sein Bundesliga-Team ab.

Lions-Cheftrainer Troy Tomlin schaut sich gern auch mal Spielzüge in der amerikanischen Superliga NFL für sein Bundesliga-Team ab.

Foto: Susanne Huebner /Fotoagentur Hübner

Es gibt in Deutschland keinen erfolgreicheren Vereinstrainer im American Football als Troy Tomlin. Der Chefcoach des deutschen Rekordmeisters Lions Braunschweig kehrte zur Saison 2013 nach neun Jahren zurück in die Löwenstadt und gewann seither gemeinsam mit seinem Defense-Koordinator Dave Likins und dem Team fünfmal die deutsche Meisterschaft und viermal den Eurobowl. An seinem 51. Geburtstag blickt der US-Amerikaner im Interview voraus auf das wichtigste Footballspiel des Jahres, auf den Superbowl, der in der Nacht zum Montag in Miami/Florida zwischen den San Francisco 49ers und den Kansas City Chiefs ausgetragen wird (0.30 Uhr, Pro7). Und Tomlin erzählt, welche Auswirkungen Ideen, Tricks, Trends und spielerische Neuerungen in der nordamerikanischen Profiliga NFL auf die Bundesliga haben und da speziell natürlich auf die Spielweise seiner Lions.

Herr Tomlin, wer gewinnt den Superbowl?

Das ist eine ganz schwierige Entscheidung. Sonst ist es oft einfach, da gibt es einen Favoriten. Aber dieses Jahr stehen zwei Top-Mannschaften im Finale, die in der gesamten Saison zu den besten Vier gezählt haben. Es wird in jedem Fall ein knappes Spiel werden.

Welchem Team drücken Sie die Daumen?

Ich bin in jedem Fall für die Chiefs, denn mein Zuhause ist ganz in der Nähe von Kansas City. Die haben gesagt, sie sind die Profimannschaft für die ganze Region, nicht nur für Missouri und Kansas, sondern auch für Nebraska und Iowa. Sie wollen das Midwest-Team sein. Es ist auch die einzige NFL-Mannschaft, die ich vor vielen Jahren bei einem Heimspiel mal live gesehen habe.

Hätten sie andere Teams im Finale erwartet?

Ich hatte gedacht, dass es richtig schwer sein würde, Baltimore zu schlagen, so wie die die ganze Saison gespielt haben. Aber das Team hatte viele verletzte Spieler zu verkraften und es dann nicht geschafft ins Finale zu kommen.

Was ist mit den New England Patriots und ihrem schon 42 Jahre alten Super-Quarterback Tom Brady? Ist seine Zeit nun endgültig abgelaufen?

Ich glaube, er wird weiterspielen. Dass New England gescheitert ist, war keine Frage, wie gut Bradys Wurfarm noch ist oder ob seine Entscheidungen richtig waren. Die hatten viele neue Passfänger im Team, denen einfach die Erfahrung fehlt, die immer wieder falsche Routen gelaufen sind. Man konnte sehen, dass Brady deshalb manchmal frustriert war. Ich glaube nicht, dass seine Zeit vorbei ist. Ob die Zeit von New England abgelaufen ist, ist eine andere Frage.

Wenn man die Stärken der Finalisten betrachtet, die unterschiedliche Spielweise, die ja beide ganz offenbar weit nach vorn gebracht hat, was kann man davon lernen?

Man kann viel lernen. Aber nicht nur von den Finalisten, sondern von allen NFL-Teams und auch von guten College-Mannschaften. Im Internet gibt es ein spezielles Portal mit Spielszenen, auf die die Trainer zugreifen können. Da sind interessante Sachen zu sehen. Wir holen uns da eine ganze Menge Inspirationen und setzen Ideen auch um. Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit in der Zeit außerhalb der Saison. Viele Sachen, die San Francisco dieses Jahr gemacht hat mit dem Laufspiel, sind sehr interessant, und vielleicht können wir davon etwas einbauen in unser System. Es gibt aber auch ein paar Dinge von Kansas City, vor allem, was die Passspielzüge betrifft, die wir uns abgucken können.

Es ist offensichtlich, dass Spielmacher, die gut mit dem Ball laufen können, in der NFL im Vormarsch sind. Genauso wie sich das Laufspiel generell verändert hat und häufig nicht weniger spektakulär ist als das Passspiel. Auch die Lions setzen ja zu großen Teilen auf ein erfolgreiches Laufspiel.

Ich denke schon, dass viele NFL-Teams einen Quarterback haben wollen, der viel läuft. Aber andererseits ist es nicht so, dass die meisten oft nach vorne laufen. Es geht darum, in der Pocket beweglich zu sein und die Spielzüge zu verlängern. Die Verletzungsgefahr ist sehr groß, wenn Spielmacher weit nach vorne laufen. Auch das hat diese NFL-Saison gezeigt. Am besten ist es, sich viel zu bewegen, ohne große Hits einstecken zu müssen. Patrick Mahomes von den Chiefs etwa läuft eigentlich sehr viel, aber ganz oft seitwärts, um eine andere Passposition zu haben, und selten nach vorn.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Verpflichtung des neuen jungen Quarterbacks für die Lions?

Wir haben Jake Kennedy geholt.Einer seiner großen Vorteile ist seine Beweglichkeit. Er läuft viel hinter der Abspiellinie. Und wenn er nach vorn laufen muss, dann kann er das auch. Die Videos von ihm sind sehr beeindruckend.

Trainer sagen ja immer, ein Mann macht nicht den Unterschied aus beim Football, weil ja so viele Spieler im Kader stehen, über 60 sind es in Ihrer Mannschaft. Aber Casey Therriault ist schon so ein Spieler, der in der Vergangenheit den Unterschied ausgemacht hat. Erst bei den Lions, mit denen er viermal deutscher Meister wurde, dann im Vorjahr in Hildesheim, das plötzlich völlig aufblühte. Und nun spielt Therriault bei den Cologne Crocodiles. Sind die Kölner nun Titelfavorit wegen eines Mannes?

Es ist nicht nur Therriault. Köln hat auch Nate Morris verpflichtet und weitere sehr starke Spieler. Die Crocodiles sind eine sehr gute Mannschaft. Das wird ein ganz harter Gegner für uns werden.

Die Lions haben ja schon die Verpflichtung des neuen Spielmachers bekanntgegeben sowie die Vertragsverlängerungen mit den drei US-Spielern Jamaal White, Basil Jackson und Christopher McClendon. Dürfen sich die Fans noch auf weitere namhafte Neuzugänge freuen?

Wir haben ein paar neue Jungs gefunden, die sehr talentiert sind. Aber wir haben keinen großen Wert darauf gelegt, ob diese schon einen großen Namen haben. Sie müssen zu uns passen. Sie sind jung, und sie sollen sich bei uns weiterentwickeln. Es ist auch schön, Spieler mit großen Namen zu verpflichten. Aber jeder kann schnell verletzt werden. Und wenn dann so ein Spieler ausfällt, hat man nichts davon. Uns ist sowas ja auch schon passiert.

Für Trainer muss die erfolgreiche, unglaubliche Aufholjagd der Chiefs im NFL-Viertelfinale gegen die Houston Texans nach 0:24-Rückstand Wasser auf die Gebetsmühle gewesen sein, dass man niemals aufgeben darf.

Das war ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, Ballsicherheit zu haben. Denn sowohl der hohe Rückstand als auch die Aufholjagd waren nur möglich wegen vieler Ballverluste auf beiden Seiten. Die Lehre aus diesem Spiel ist: Man sollte niemals aufhören, sein Bestes zu geben. Das einzige, was man selbst kontrollieren kann, ist, wie hart man kämpft und arbeitet. Am Ende ist es egal, ob man gewinnt oder verliert. Wichtig ist, dass man alles gegeben hat.

Sie führen das Lions-Team zusammen mit Dave Likins in die achte Saison in Folge. Was hat Sie so ungewöhnlich lange in Braunschweig gehalten, und wie lange haben Sie noch Lust dazu?

Der Hauptgrund ist, dass wir erfolgreich sind. Wir haben viele Spiele gewonnen. Neun Titel in dieser Zeit machen es einfach, hier zu bleiben. Das hat es natürlich auch dem Verein und den Sponsoren einfach gemacht, uns zu behalten. Kontinuität ist immer ein großer Schlüssel für Erfolg. Viele Spieler bleiben längere Zeit in Braunschweig. Das ist schön, und das hilft auch. Es macht einfach Spaß, mit diesen Jungs zu arbeiten. Ein wichtiger Grund für den Erfolg ist auch, dass wir tolle Trainingsbedingungen besitzen und dass wir ein Spitzen-Betreuerteam um uns herum haben. Das alles zusammen bewirkt, dass Dave und ich immer noch sehr gern hier sind.

Und haben sie Lust auch noch länger zu bleiben?

Ich kann mir gut vorstellen, in Braunschweig zu bleiben für den Rest meiner Trainer-Karriere. Man sieht das auch in den USA in den Colleges und sogar in der NFL. Wo es Kontinuität gibt, wo Trainer länger bleiben, da wird meistens erfolgreicher Football gespielt als bei den anderen. Auch die Kansas City Chiefs sind ein gutes Beispiel dafür. Oder die New England Patriots, wenn man bedenkt, was Bill Belichick und Tom Brady da über 20 Jahre aufgebaut haben. Ich bin sehr stolz, hier in Braunschweig zu wohnen und mit den Lions zu arbeiten.

Und jetzt, Herr Tomlin, mal Handaufs Herz: Wer gewinnt denn den Superbowl. Und wird es viele oder wenige Touchdowns zu sehen geben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kansas City weniger als 30 Punkte macht. Es wird ein knappes Spiel. Ich hoffe, Kansas City gewinnt gegen San Francisco mit 31:28.

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