Berlin. Wer früher in Ruhestand geht, kann mit dem Kauf von Rentenpunkten Abzüge ausgleichen. Doch lohnt sich das? Die wichtigsten Antworten.

Versicherte, die Erspartes nutzen, um Rentenpunkte zu kaufen, brachten der gesetzlichen Rentenkasse zuletzt einen Milliardenbetrag. Wie renditestark die freiwillige Einzahlung ist und warum das für den Staat ein Geschäft mit Risiko ist. Wichtige Fragen und Antworten.

Ein Rentenpunkt – was ist das eigentlich?

Letztlich bestimmt die Anzahl der Rentenpunkte die Höhe der Rente, die im Ruhestand jeden Monat auf das eigene Konto fließt. Renten- oder auch Entgeltpunkte sammeln Versicherte, die einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen dabei zu gleichen Teilen – nämlich jeweils 9,3 Prozent des Bruttogehalts – in die Rentenversicherung ein.

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Für das eingezahlte Geld schreibt die Rentenversicherung dem Arbeitnehmer dann entsprechend Rentenpunkte gut. Wie viel, hängt vom Durchschnittsentgelt und damit der durchschnittlichen Beitragszahlung aller Versicherten ab. Wer exakt das Durchschnittsgehalt erhält, bekommt einen Rentenpunkt. Darüber oder darunter gibt es dementsprechend prozentual weniger oder mehr an Rentenpunkten.

Die Höhe der eigenen Rente bemisst sich schlussendlich an der Anzahl der über das Berufsleben angesammelten Rentenpunkte. Denn jeder Rentenpunkt hat einen Wert, der derzeit bei 37,60 Euro liegt.

Wer darf Rentenpunkte kaufen?

Grundsätzlich sollen nur Menschen, die eine Frühverrentung anstreben, Rentenpunkte kaufen. Versicherte, die daran Interesse haben, müssen somit grundsätzlich eine realistische Chance haben, die 35 Jahre Versicherungszeit zu erreichen, die für die vorgezogene Rente ab 63 Pflicht sind. Zusätzlich gilt beim Erwerb von Rentenpunkten ein Mindestalter von 50 Jahren. Allerdings: „Bei Nachweis eines berechtigten Interesses kann hiervon abgewichen werden. Die Rentenversicherung prüft im Einzelfall, ob ein berechtigtes Interesse vorliegt“, so die Deutsche Rentenversicherung (DRV) auf Anfrage dieser Redaktion. Keine Ausnahme gibt es hingegen für Menschen, die ihre gesetzliche Regelaltersgrenze bereits erreicht haben: Sie dürfen keine Rentenpunkte mehr kaufen.

Wie teuer ist ein Entgeltpunkt?

Das variierte in den letzten Jahren, da der Wert eines Rentenpunkts abhängig ist vom geltenden Beitragssatz und vom Durchschnittsentgelt im entsprechenden Kalenderjahr. „Ein Entgeltpunkt entspricht einem Verdienst genau in Höhe des Durchschnittsverdienstes“, teilt die Rentenversicherung mit. Die Rentenexperten der DRV rechnen vor: 2023 lag das vorläufige Durchschnittsentgelt bei 43.142 Euro und der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente bei 18,6 Prozent. 18,6 Prozent von 43.142 Euro sind 8.024 Euro – so viel mussten Versicherte im vergangenen Jahr also für einen Rentenpunkt ausgeben. In diesem Jahr liegt der Preis für einen Rentenpunkt bei knapp 8.400 Euro. Je nach Höhe der prozentualen Rentenminderung – abhängig vom beabsichtigten Rentenbeginn zwischen 0,3 und 14,4 Prozent – ergeben sich für die Versicherten jedoch individuell höhere Beiträge, so die DRV.

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    Wohl auch wegen Nachwirkungen aus der Zeit der Corona-Pandemie war der Kauf von Rentenpunkten 2022 besonders attraktiv. Das durchschnittliche Bruttoentgelt sank in dem Jahr nämlich – von zuvor 41.541 Euro auf nur noch 38.901 Euro. Somit war es besonders günstig, diese Sonderzahlung in die Rentenkasse zu leisten. Deutsche, die eine Frühverrentung anstrebten, nutzten das: 2022 wurden DRV-Angaben zufolge Beiträge zum Ausgleich einer Rentenminderung in Höhe von gut 1,1 Milliarden Euro eingezahlt. Das war so viel wie nie zuvor.

    Grundsätzlich kaufen seit 2017 mehr Menschen Rentenpunkte. Damals senkte eine Reform die Altersgrenze von 55 auf 50 Jahre, was dazu beigetragen habe, Einzahlungen zu steigern, erklärt Rentenexperte Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Außerdem suchten die Menschen in der langen Niedrigzinsphase nach Anlagealternativen. Da ist dann auch die gesetzliche Rentenversicherung in den Blick geraten“, so Geyer.

    Rechnet sich das?

    Das kommt darauf an. Wer nur ein Jahr früher in Ruhestand geht, als es die für den eigenen Jahrgang geltende Regelaltersgrenze vorsieht, büßt 3,6 Prozent der Rente ein. Beispielhaft erreichte 1000 Euro Monatsrente schmelzen so auf 964 Euro. Erworbene Rentenpunkte können solche Abschläge also wettmachen.

    Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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    Ob sich ein solcher Rentenpunktekauf jedoch rechnet, lässt sich nur individuell ermitteln. Je weiter ein Versicherter von dem eigenen Ruhestand entfernt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, mit anderen Vorsorgeoptionen mehr Rendite einzufahren. Grundsätzlich gilt aber wie bei allen Versicherungsprodukten zur Altersvorsorge: Wer lange lebt, hat gute Aussichten, mehr Geld rauszubekommen, als eingezahlt wurde.

    Ob man in Rentenpunkte investieren sollte, hängt zudem davon ab, wie viel Kapital man auf der hohen Kante hat. Grundsätzlich gilt, dass Versicherte einmal eingezahlte Beträge nicht zurückerhalten. Auch dann nicht, wenn sie sich doch gegen einen früheren Renteneintritt entscheiden. Im Alter profitiert man dann allerdings von einer höheren Rente – und das ein Leben lang.

    Steuerlich kann man zudem den Kauf von Rentenpunkten geltend machen und dadurch in der Steuererklärung das eigene zu versteuernde Einkommen senken.

    Welche Risiken gibt es?

    Zum Beispiel neue Eingriffe in die gesetzliche Rente durch die Politik, sagt Experte Johannes Geyer. Denn die Rentenpolitik habe durchaus einen gewichtigen Einfluss auf die Verzinsung. „Wenn eine künftige Bundesregierung zum Beispiel beschließen sollte, die Haltelinie nicht weiterzuführen, würde die Verzinsung deutlich sinken“, so der Rentenfachmann. Mit der Haltelinie entspräche die Verzinsung hingegen ungefähr dem Lohnwachstum.

    Will die Politik etwas ändern?

    Das ist zumindest denkbar. Die Koalition betont die Risiken des Kaufs von Rentenpunkten und befürchtet ein weiter wachsendes Ungleichgewicht innerhalb des deutschen Altersvorsorgesystems. „Dadurch entstehende spätere Ansprüche müssten über die Umlagefinanzierung von den Beitragszahlern finanziert werden. Es ist aber nicht sicher, dass zu diesem Zeitpunkt dafür ausreichend freiwillige Beiträge gezahlt werden“, sagt der sozialpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Martin Rosemann, dieser Redaktion. Und auch die FDP warnt: „Sobald diese Personen in Rente gehen, steht man vor dem Problem von höheren Ansprüchen, die sie sich dadurch erworben haben, bei gleichzeitig weniger Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern aufgrund des demografischen Wandels“, so der Abgeordnete Pascal Kober.

    Sind Experten für Reformen?

    Ja. DIW-Forscher Geyer ist dafür, den Kauf von Rentenpunkten abzuschaffen – oder wenigstens zu verändern. „Wenn man es beibehalten möchte, würde ich dafür plädieren, Sondereffekte wie 2022 auszuschließen“, erklärte er. Der Wirtschaftsweise Martin Werding nennt die freiwilligen Zahlungen in die Rentenkasse sogar ein „nicht unbedingt gutes Geschäft“. Denn: Höheren Einnahmen heute stünden höhere Rentenausgaben in der Zukunft gegenüber und das genau zu der Zeit, in der die Rentenfinanzierung Jahr um Jahr immer schwieriger werde. „Es besteht kein Anlass für Rabattaktionen, um mehr Versicherte zu zusätzlichen Einzahlungen zu veranlassen. Sie leisten definitiv keinen Beitrag zu einer vorausschauenderen Rentenpolitik“, so der Wissenschaftler.