Leitartikel

Die Grenzen des Protests

„Extinction Rebellion ist auf jeden Fall eine Radikalisierung der Proteste von Fridays for Future.“

Jede Umfrage belegt es: Das Zauberwort der deutschen Politik lautet Klimaschutz. Selbst die Generalversammlung der UN hat der neuen Ikone der weltweiten Klimabewegung, Greta Thunberg, den roten Teppich ausgerollt.

Aber es gibt ein eklatantes Missverhältnis zwischen dem ökologischen Forderungskatalog der Aktivisten und der Realität. Die internationale Organisation Fridays for Future hat zwar die Politikzentralen vor allem im Westen Europas aufgerüttelt. Doch die Umsetzung erfolgt im Schneckentempo.

Aus Frust oder Wut, dass Fridays for Future mit Demonstrationen nicht die sofortige Klimawende gebracht hat, treten neue Akteure auf den Plan. In der kommenden Woche will die Gruppe Extinction Rebellion (auf Deutsch: Rebellion gegen das Aussterben) Protest­aktionen in rund 60 Großstädten zwischen London und Sydney durchführen. Auch in Berlin sind Blockaden von Straßen und Brücken vorgesehen. Der Grat, auf dem sich die Aktivisten bewegen, ist schmal. Man wolle keine „Straftaten“, sondern „maximal Delikte“ begehen, sagen die Organisatoren. Aber wo ist die Grenze? Wer legt sie fest? Und wer steuert gegen, wenn die Kundgebungen aus dem Ruder laufen? Extinction Rebellion ist auf jeden Fall eine Radikalisierung der Proteste von Fridays for Future.

Zudem muss vor einem Hang zum moralischen Isolationismus gewarnt werden. Selbst die Einführung einer CO2-Steuer in Deutschland oder Frankreich würde das Weltklima nicht retten. Wenn Me­tropolen wie Mexico City, Neu-Delhi oder Peking nicht einbezogen werden, ist alles umsonst. Dieser Kampf kann jedoch nur politisch gewonnen werden. Der Streit muss in den Parlamenten und Regierungen ausgetragen werden. Wer hingegen mit der Verabsolutierung von Wahrheit arbeitet, manövriert sich in die Ecke von Sektierern und quasi­religiösen Heilsbringern.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)