Krieg in der Ukraine

Weitere Forscher der Region frieren Beziehungen zu Russland ein

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Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) bat in einem am Montag verschickten Brief alle niedersächsischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ihre Zusammenarbeit mit russischen Partnern auf Eis zu legen.

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) bat in einem am Montag verschickten Brief alle niedersächsischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ihre Zusammenarbeit mit russischen Partnern auf Eis zu legen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Braunschweig.  Ostfalia setzt Kooperation mit russischen Partnern aus. Institut DSMZ verhängt „Totalembargo“. Minister Thümler: „Kein business as usual“

Am Mittwoch hat die Ostfalia Hochschule bekanntgegeben, dass sie alle Aktivitäten mit russischen Partnern aussetzt. Ebenfalls am Mittwoch erklärte das in Braunschweig ansässige Leibniz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen), als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine alle Dienstleistungen und Kooperationen mit russischen Institutionen „bis auf Weiteres“ einzustellen. Wie bereits am Dienstag die Technische Universität Braunschweig (TU) folgen die Wissenschaftseinrichtungen damit den Bitten der zuständigen Minister von Bund und Niedersachsen sowie der großen Forschungsverbünde wie der Leibniz-Gemeinschaft.

Minister Thümler „uneingeschränkt auf Linie“

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler hatte bereits am Montag alle niedersächsischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen in einem Brief gebeten, ihre Zusammenarbeit mit russischen Partnern auf Eis zu legen. In dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, beruft sich Thümler auf den drastischen Kurswechsel im Verhältnis zu Russland, den der völkerrechtswidrige Angriffskrieg auf die Ukraine notwendig gemacht habe. „Dieser Linie“ schließe er niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur sich „uneingeschränkt“ an. „Ich bin der Überzeugung, dass in der gegenwärtigen Kriegssituation innerhalb Europas auch die Hochschul- und Wissenschaftspolitik nicht unberührt bleiben kann. Ein „business as usual“ darf es nicht geben“, so Thümler.

Ostfalia-Vizepräsident Küch „tief betroffen“

Volker Küch, hauptberuflicher Vizepräsident für Personal und Finanzen der Ostfalia äußerte sich in einer Mitteilung vom Mittwoch „tief betroffen“ von dem „ungerechtfertigten, völkerrechtswidrigen Überfall“ auf die Ukraine. Man könne nicht hinnehmen, dass dieses freie und demokratisch legitimierte Land „Opfer einer aggressiv auftretenden russischen Staatsführung“ wird.

Küch verwies auf den offenen und internationalen Austausch als „wesentliche Säule der Wissenschaft“. Mit dem Angriff auf die Ukraine habe die russische Staatsführung diesem friedlichen Austausch aber die Grundlage entzogen. „Wir sehen daher keine andere Möglichkeit, als die bestehenden Kooperationen ruhen zu lassen. Wir bedauern dieses zutiefst und appellieren an die Beteiligten, schnellstmöglich eine friedliche Lösung des Konflikts unter Wahrung der Selbstständigkeit und Freiheit der Ukraine zu finden.“ Nur so könne es wieder zu den offenen und freundschaftlichen Kontakten kommen, die wir bisher alle so sehr geschätzt haben“, so Küch.

Fünf Kooperationspartner in Russland

Die jetzige Entscheidung betrifft sowohl die Forschungszusammenarbeit als auch den Studierendenaustausch und ein Doppelabschluss-Studienprogramm der Ostfalia. Derzeit hielten sich allerdings keine Ostfalia-Austauschstudenten in der Ukraine oder Russland auf. Die Ostfalia Hochschule unterhält nach eigenen Angaben bisher Beziehungen zu fünf Hochschulen in Russland: zur Technischen Universität Izhevsk, der Staatlichen Technischen Universität Kaliningrad, den Staatlichen Universitäten in Togliatti und in Sotschi sowie zur Staatlichen Pädagogischen Universität Wologda. Neben diesen Kooperationen, die nun auf Eis liegen, gibt es auch eine Zusammenarbeit mit der Kharkiv National University of Radio Electronics in der Ukraine.

Wie zuvor die TU Braunschweig betont auch Küch und Thümler, dass man an der Ostfalia zur Kennnis nehme, dass auch zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Russland die scharfe Kritik an dem Agieren der Russischen Regierung teilen. Vor wenigen Tagen haben sich mehrere hundert russische Wissenschaftler in einem gemeinsamen offenen Brief gegen den russischen Präsidenten Putin und dessen Angriffskrieg ausgesprochen.

„Jetzt keine Wissenschaftsdiplomatie treiben“

Weiterhin denkbar erscheinen aus Sicht des Ministers nur solche Beziehungen nach Russland, die zu einer „Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte führen, die sich für eine Beendigung des Krieges einsetzen“. Dies sei aber allenfalls in Einzelfällen und „auf der Grundlage langjähriger persönlicher Kontakte“ denkbar. „Nach meiner Überzeugung ist dies in der gegenwärtigen Situation die einzig vertretbare Form des Austauschs mit russischen Kolleginnen und Kollegen“, so Thümler. Ein solcher Austausch sei aber ausdrücklich nicht als Bestandteil einer „science diplomacy“ zu verstehen, wie man sie in früheren Zeiten „mit schwierigen Partnern“ angewandt habe.

Das Braunschweiger Leibniz-Institut DSMZ, dessen Aufgabe darin besteht, Mikroorganismen und Zellkulturen – etwa Bakterien, Pilze und Pflanzenviren – in einer Art Bibliothek zu sammeln und Forschern in aller Welt zur Verfügung zu stellen, sprach in einer mail an die Mitarbeiter von einem „Totalembargo“ gegenüber Russland und den ukrainischen Separatistengebieten Donesk und Luhansk. Auch werde man ab sofort keine mikrobiologischen Kulturen mehr aus diesen Gebieten annehmen oder diese gegebenenfalls vernichten.

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