Kitas zwischen Personalmangel und wachsenden Aufgaben

Braunschweig.  Könnten sogenannte Alltagshelfer Erzieher unterstützen? Der Vorschlag des Städte- und Gemeindebunds stößt auf ein geteiltes Echo.

Regeln zum Einhalten des Abstandes werden den Kleinen in einer Kindertagesstätte in Frankfurt/Main mit einem kleinen Plakat deutlich gemacht.

Regeln zum Einhalten des Abstandes werden den Kleinen in einer Kindertagesstätte in Frankfurt/Main mit einem kleinen Plakat deutlich gemacht.

Foto: FOto: Frank Rumpenhorst / picture alliance/dpa

Angesichts steigender Infektionszahlen machen sich immer mehr Eltern Sorgen, ob sie ihre Kinder auch in den nächsten Wochen noch in einer Kita betreut werden können. Die Politik betont, die Einrichtungen blieben so lang wie möglich offen. Doch schon vor der Corona-Pandemie knirschte es an vielen Ecken und Enden, weil es kaum Personalreserven gab.

Wenn Fachkräfte krankheitsbedingt ausfielen, konnten sie oft nur schwer oder auch gar nicht ersetzt werden. Nicht selten wurden Eltern in solchen Fällen gebeten, ihre Kinder – wenn möglich – vorübergehend selbst zu betreuen oder Betreuungszeiten verkürzt. „Teils haben wir uns damit behelfen können, einzelne Gruppen innerhalb einer Einrichtung zu schließen“, sagt Dirk Bitterberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Awo-Bezirksverbands Braunschweig. Nun kommt neben den üblichen saisonbedingten Ausfällen wegen Erkältungskrankheiten oder Grippe noch das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus dazu. „Es ist eine große Herausforderung, den Kita-Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten.“

Nach Angaben der Stadt Wolfsburg macht sich schon bemerkbar, dass Mitarbeiter mit Erkältungssymptomen jetzt anstelle von drei vorsichtshalber gleich fünf Tage oder auch länger krankgeschrieben werden. „Diese Tage sind entsprechend zu vertreten“, so Sprecherin Monia Meier. Wenn nicht genügend Fachpersonal vorhanden sei, dann könne das vorübergehend zu einer Reduzierung der Gruppenbetreuung führen. „Das bedeutet, dass tage- oder stundenweise Einschränkungen im Betreuungsumfang durch die Träger vorgenommen werden müssen.“

Bis 2030 werden schätzungsweise bundesweit bis zu 200.000 Erzieher fehlen

Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in der Kinderbetreuung ist ohnehin schon groß ­– auch, weil der Kita-Ausbau in den vergangenen Jahren stark vorangetrieben wurde. Das Institut Prognos hatte errechnet, dass bundesweit bis 2030 bis zu 200.000 Erzieher fehlen werden. Die Träger von Kindertagesstätten oder anderer Betreuungseinrichtungen stellt das vor große Herausforderungen. Ein Beispiel: Die Stadt Braunschweig betreibt als öffentlicher Träger 33 Kindertagesstätten sowie daran organisatorisch angegliedert vier Außengruppen. Insgesamt sind in diesem Bereich für die Betreuung der rund 2600 Kinder über 550 Beschäftigte tätig, überwiegend Frauen. Den Angaben zufolge sind derzeit 12,5 Stellen unbesetzt. Für weitere elf Stellen, die vakant sind, befinden sich Mitarbeiter im Einstellungsverfahren, so dass diese Stellen absehbar wieder besetzt sein werden. Darüber hinaus sind acht Beschäftigte längerfristig arbeitsunfähig. „Hierfür könnte befristet für die Dauer der Erkrankung Ersatz eingestellt werden“, sagt Sprecher Rainer Keunecke. „Allerdings gestaltet sich die Personalakquise auf Grund der zeitlich befristeten Perspektive und dem Angebot verfügbarer Stellen auf dem Arbeitsmarkt besonders schwierig.“

In der Corona-Krise können zudem einige Erzieher nicht mehr in der direkten Arbeit mit den Kindern eingesetzt werden, weil sie einer Risikogruppe angehören. In Braunschweig sind es derzeit insgesamt sieben Beschäftigte, die nun in einem anderen Bereich der Stadtverwaltung tätig sind. In Wolfsburg sind aktuell nur vereinzelt Mitarbeitende betroffen. Aber: „Aufgrund der steigenden Infektionszahlen und der erforderlichen neuen Bewertung des Risikos kann deren Zahl auch wieder steigen“, gibt Monia Meier zu Bedenken.

Für den Städte- und Gemeindebund sind Kita-Schließungen keine Option – auch wenn sich die Corona-Pandemie beschleunigt. Um den gestiegenen Anforderungen bei der Umsetzung von Regelungen gerade im Kita-Alltag gerecht werden zu können, hat Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg jüngst sogenannte Alltagshelfer vorgeschlagen – „zusätzliche Hilfskräfte im nicht-pädagogischen Bereich“, die Erzieher in den Kitas bei alltäglichen Arbeiten unterstützen. Sie sollten durch die Länder koordiniert und finanziert werden. Ein Vorschlag, der auf ein geteiltes Echo stößt.

In Nordrhein-Westfalen unterstützen „Alltagshelfer“ die Erzieher in den Kitas

In Nordrhein-Westfalen sind solche „Alltagshelfer“ bereits im Einsatz. Das Programm war Anfang August gestartet, als die Einrichtungen dabei waren, wieder in den regulären Betrieb nach der Corona-Zwangspause zurückzukehren. Formale Voraussetzungen zur Qualifikation der Helfer gibt es nicht, allerdings müssen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse vorgelegt werden.

Die pandemiebedingte Notfalllösung zum Einsatz nicht qualifizierter Kräfte darf im Hinblick auf die hohe Bedeutung frühkindlicher Bildung kein Dauerzustand werden, heißt es bei der Stadt Braunschweig. „Es bedarf jetzt noch dringender stärkeren Aktivitäten zur Fachkräftegewinnung wie einer Erhöhung der Ausbildungskapazitäten/Schulplätze – einschließlich Vergütung – und Möglichkeiten des qualifizierten Quereinstiegs.

Auch Dirk Bitterberg vom Awo-Bezirksverband mahnt, die Qualität der frühkindlichen Bildung nicht aus den Augen zu verlieren: Es sei zwar derzeit eine große Herausforderung, den Kita-Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten. „Bildungspolitisch laufen wir auf kleiner Flamme.“ Aber Kitas seien nicht nur Betreuungseinrichtungen, sondern Bildungseinrichtungen. „Das darf auch in diesen Zeiten in Vergessenheit geraten.“

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