Die Bilanz – Ein halbes Jahr Corona in Niedersachsen

Braunschweig.  Der Tag, der alles veränderte: Am 17. März galt in Niedersachsen der Lockdown. Seit Monaten ist das Virus auch in der Region präsent. Ein Überblick.

Die Maskenpflicht gilt in Niedersachsen in Läden und im Nahverkehr. Mitte März waren die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Niedersachsen noch ziemlich streng, das hat das Land inzwischen größtenteils wieder gelockert.

Die Maskenpflicht gilt in Niedersachsen in Läden und im Nahverkehr. Mitte März waren die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Niedersachsen noch ziemlich streng, das hat das Land inzwischen größtenteils wieder gelockert.

Foto: Tobias Hase / dpa

„Patient Null“ war ein 68-Jähriger aus Uetze in der Region Hannover. Der Mann war in Norditalien im Kurzurlaub. Nach seiner Rückkehr war er der erste Niedersachse, bei dem das Corona-Virus festgestellt wurde. Das war am Abend des 29. Februar. Seither haben sich die Ereignisse überschlagen. Erst der Lockdown Mitte März mit Kontaktbeschränkungen, der Schließung von Kitas und Schulen, dann die Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr, Proteste für Lockerungen. Egal welche Position Menschen dazu beziehen, das Coronavirus beeinflusst unseren Alltag.

Die Infektionszahlen

Niedersachsen steht mit 19.137 nachgewiesenen Corona-Infektionen und 670 Toten (Stand: Mittwoch um 8.30 Uhr) im Vergleich mit anderen Bundesländern relativ gut da. Schnellte die Zahl der registrierten Erkrankten bis Ende März mit zum Teil dreistelligen Zuwachsraten pro Tag rapide in die Höhe, steigen sie seither auf relativ niedrigem Niveau – seit Anfang August geht die Tendenz allerdings wieder nach oben. Niedersachsen hat das vergleichsweise moderate Infektionsgeschehen stets als Grund für weitere Lockerungen angeführt. Zuletzt wurde die Landesregierung mit Blick auf die geplanten weiteren Lockerungen zum 1. Oktober aber angesichts der steigenden Infektionszahlen wieder deutlich vorsichtiger.

  • Wie geht es der Wirtschaft?

    Die Pandemie hat viele Unternehmen in Niedersachsen hart getroffen, vor allem Dienstleister wie Friseure, Gastronomen und Veranstalter – aber auch die Autoindustrie und somit natürlich auch Volkswagen. VW musste zwischenzeitlich, als die Bänder still standen, einen Verlust von zwei Milliarden Euro verzeichnen – pro Woche.

    Das zeigt sich auch in der Exportbilanz Niedersachsens im ersten Halbjahr: Der Wert der Warenausfuhren brach laut dem Landesamt für Statistik im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent auf 37,1 Milliarden Euro ein.

    Niedersachsen brachte als eines der ersten Bundesländer in der Corona-Pandemie bereits im März ein eigenes Soforthilfe-Programm für Soloselbstständige und kleine Unternehmen auf den Weg. 150.000 Anträge genehmigte die landeseigene NBank. Anfangs stockte es bei der Bearbeitung der Anträge allerdings, die Server brachen zusammen. Am Ende zeigte sich, dass Niedersachsen von den 860 Millionen Euro, die der Bund genehmigte, nur 620 Millionen Euro ausschüttete. 240 Millionen kamen gar nicht erst an.

    Die wirtschaftlichen Aussichten sind noch ziemlich trübe. Das Gros der Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie etwa erwartet keine Belebung der Konjunktur vor der Jahresmitte 2021.

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    Arbeitsmarkt in der Krise

    Im August waren bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern in Niedersachsen 276.410 Menschen arbeitslos gemeldet. Dies sind 23,4 Prozent mehr als im August des Vorjahres. Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,3 Prozent.

    Auffällig ist die deutlich gestiegene Arbeitslosenzahl bei den unter 25-Jährigen. Sie liegt nun bei 35.244 Personen. Das ist ein Plus von 28,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Anstieg ist vor allem zurückzuführen auf Arbeitslosmeldungen von Schulabgängern und von Auszubildenden, die nach ihren Prüfungen nicht übernommen wurden.

    Es gibt aber auch einen Lichtblick: „Der Arbeitsmarkt stabilisiert sich nach dem Corona-Schock. Im August meldeten die Unternehmen knapp 14.000 freie Stellen.“ Das sagte Dirk Strangfeld, operativer Geschäftsführer der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit laut einer Mitteilung.

    Andererseits: Seit März haben 82.037 Unternehmen in Niedersachsen für bis zu 1.167.259 Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt. Diese Dimension sprengt alles Dagewesene. Bereits Anfang April sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) im Interview unserer Zeitung, dass es bis dato 42.000 Anfragen auf Kurzarbeit gegeben habe. Althusmann bezifferte die Zahl als das Zehnfache im Vergleich zur Finanzkrise 2008/2009. Jetzt liegen wir aber schon wieder bei der doppelten Anzahl im Vergleich zum April. Althusmann vermutete schon vor knapp sechs Monaten eine Insolvenzwelle, die auf Niedersachsen zurollt.

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    Gewaltige Schulden

    Damit die wirtschaftlichen Folgen und die Folgen für den Arbeitsmarkt möglichst im Zaum bleiben, hat die Landesregierung ein noch nie dagewesenes Hilfspaket geschnürt. Es sind sogar zwei Hilfspakete: Ende März waren es 4,4 Milliarden Euro, im Juli kamen noch einmal 8,4 Milliarden Euro hinzu. Zur Einordnung: Ursprünglich sollte der Jahreshaushalt insgesamt 34,7 Milliarden Euro umfassen.

    An markigen Worten sparte die Regierung bei der Vorstellung des Nachschlags nicht. „Die Krise ist eine Jahrhundertaufgabe“, sagte Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU). Und Wirtschaftsminister Althusmann brachte das Ziel des Pakets in Anspielung auf das Konjunkturprogramm des Bundes auf den Punkt: „Wenn Sie so wollen, folgt dem Wumms des Bundes jetzt der Rumms aus Niedersachsen.“

    Fast die Hälfte der 8,4 Milliarden Euro wird benötigt, um Steuerausfälle zu kompensieren. Die andere Hälfte wird auf vier Säulen verteilt: Wirtschaft, Gesundheit, Kommunen sowie gesellschaftliche Bereiche wie Sport und Kultur.

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    Kritische Momente für die Ministerin

    Kaum ein Politiker in Niedersachsen spielte in der Corona-Krise eine so zentrale Rolle wie Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) – eine Braunschweigerin. Niedersachsen sei verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen. Unsere ‎Krankenhäuser waren zu keiner Zeit überlastet, lautet ihr Fazit nach einem guten halben Jahr Corona. „Wir haben hier zum Glück keine Zustände wie in Norditalien oder Spanien erleben müssen, wo Ärztinnen und Ärzte gezwungen waren zu entscheiden, ob Patientinnen und Patienten an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden können oder nicht“, sagte sie unserer Zeitung. Die Krisenbewältigung habe bis heute dennoch ihren Preis, vieles müsse dem Gesundheitsschutz untergeordnet werden.

    Ihr schwierigster Moment? Die Erlasse für Besuchsverbote in den Heimen oder die Schließung von Kitas, Schulen und Spielplätzen seien ihr sehr schwer gefallen, sagte Reimann. „Insbesondere der Umgang mit der Situation für die Menschen in unseren Alten- und Pflegeheimen hat mich wirklich sehr umgetrieben und treibt mich bis heute um. Wir stehen da einfach vor einem großen moralischen Dilemma: Für diese Menschen stellt das Virus die mit Abstand größte Gefahr dar.“ Gleichzeitig bräuchten gerade alte Menschen soziale Kontakte, um nicht zu vereinsamen. Die zwischenzeitlichen Besuchsverbote seien aber richtig gewesen.

    Ein Fehler sorgte für Aufsehen

    Anfang April sorgte ein überstürzt verfasster Erlass der Landesregierung für Verwirrung. In der damals neuen Corona-Verordnung, die vorsah, dass unter anderem Baumärkte wieder öffnen dürfen, schockte die Regierung mit einem Zusatz: „Kontakte innerhalb der eigenen Wohnung und auf dem eigenen Grundstück sind auf die Angehörigen des eigenen Hausstandes beschränkt.“ Das hätte de facto fast eine Ausgangssperre bedeutet. Die Landesregierung ruderte schnell wieder zurück. Gesundheitsministerin Reimann bat gleichzeitig aber noch einmal eindringlich darum, so wenig wie möglich Kontakt zu haben.

    Für die Opposition im Landtag war das Verordnungs-Hickhack ein unzumutbarer Vorgang. Grünen-Fraktionschef-Chefin Julia Willie Hamburg sagte damals: „Auch wenn bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus Eile geboten ist, dürfen solche Fehler nicht passieren.“ FDP-Fraktionschef Stefan Birkner: „Ein leichtfertiger Umgang der Landesregierung mit unseren Bürgerrechten.“

    Ministerin Reimann sagt heute dazu: „Sicher haben wir in der Rückschau auch Fehler gemacht, alles andere wäre angesichts dieser beispiellosen Situation auch übermenschlich. Wir wollten seinerzeit sehr weitgehende Kontaktbeschränkungen vorschreiben, eine Ausgangssperre war in Niedersachsen aber kein Thema. Dennoch war das verfassungsrechtlich zweifelhaft und ein Schritt zu weit. Wenn es allerdings am Ende dieser Pandemie mit vielen tausend Toten weltweit in der Rückschau auf Niedersachsen der größte Fehler bleibt, dass wir eine von vielen, vielen Verordnungen zurückziehen mussten, dann kann ich ruhig schlafen.“

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    Die Corona-Skeptiker

    Nach Monaten der Einschränkung machen immer mehr Gegner der Corona-Regeln ihrem Unmut freien Lauf. Zwei Wochen nach der großen Demo gegen Corona-Maßnahmen in Berlin war Hannover Mitte September Schauplatz weiterer Proteste. 1100 Menschen beklagten angeblich unangemessene Eingriffe in die Grundrechte und staatliche Willkür. Viele Demonstranten hielten sich nicht an die Maskenpflicht, so dass die Polizei die Demonstration mehrmals unterbrach.

    Eine Rednerin sprach von einer „Fake-Pandemie“. „Sie nehmen uns unsere Menschenrechte ab“, sagte sie mit Blick auf die Bundes- und Landesregierung. Steuergelder würden verprasst, weil etwa teure Beatmungsgeräte ins Ausland verschenkt würden, die in Deutschland keine Verwendung fänden. Auf T-Shirts standen Sprüche wie „Corona ist ein Raubzug“ oder „Gegen Impfpflicht, Maulkorb, Staatsgewalt, Lügenpresse, Volksverräter“.

    Was sagen die Ärzte?

    Wie Gesundheitsministerin Reimann erklärt auch die Ärztekammer, dass Niedersachsen bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist. Laut Thomas Spieker, Pressesprecher der Ärztekammer Niedersachsen, hat die Krise aber auch eindrucksvoll Schwächen des Gesundheitssystems aufgezeigt. „Es fehlte an Schutzkleidung, an Desinfektionsmitteln und zum Teil sogar an Medikamenten. Der bisweilen katastrophale Mangel an Schutzkleidung hat Ärztinnen und Ärzte immer wieder dazu genötigt, sich selbst und ihre Mitarbeitenden einem Infektionsrisiko auszusetzen“, sagte er auf Anfrage.

    Der Lockdown von Kitas, Schulen, Geschäften, Restaurants und vielen anderen Einrichtungen habe dazu geführt, dass die Betreuung von Intensivpatienten zu allen Zeiten gewährleistet gewesen sei. Kliniken sei es äußerst schnell gelungen, ausreichend Versorgungskapazitäten für Covid-19-Patienten aufzubauen. Spieker: „Andererseits haben vulnerable Gruppen wie Kinder, Menschen in Alten- und Pflegeheimen sowie chronisch Erkrankte sehr unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie gelitten.“

    Eine der zentralen Lehren der Corona-Pandemie sei die wesentliche Bedeutung des öffentlichen Gesundheitsdienstes für den Schutz der Bevölkerung. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Gesundheitsämter technisch und personell zwingend besser ausgestattet werden müssen“, forderte Spieker. Er forderte außerdem eine Bewertung der Auswirkungen der Pandemie. Es müssten Schlussfolgerungen gezogen werden für den Umgang mit künftigen Situationen dieser Art.

    Wolfsburger Schreckensmeldungen

    In Deutschland starben viele Heim-Bewohner am Corona-Virus. Ganz besonders betroffen war das Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg. Dort hatte es etwa 50 Todesfälle gegeben. Zwischenzeitlich litten 111 Bewohner sowie 43 Mitarbeiter an einer Corona-Infektion. Wolfsburg hatte deshalb in Niedersachsen in Relation zur Einwohnerzahl die höchsten Infektionszahlen. Die Stadt führte in unserer Region als erste die Maskenpflicht ein, sperrte auch Parks als erste. Vor November ist nicht mit dem Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig zu rechnen. Es steht im Raum, dass im Heim Fehler gemacht wurden.

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    Forschung made in Braunschweig

    Erfreulich ist hingegen die Arbeit von renommierten Forschern aus unserer Region. Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung aus Braunschweig galt und gilt als einer der ersten Ansprechpartner, wenn die Politik Einschätzungen braucht. Die Professoren Melanie Brinkmann, Gérard Krause und Michael Meyer-Hermann sind zudem Stammgäste in TV-Talkshows.

    Das hoch spezialisierte Braunschweiger Biotech-Unternehmen Yumab forscht indes an einem Corona-Medikament auf Basis von Antikörpern. Das Land Niedersachsen und wohlhabende Braunschweiger Bürger beteiligen sich mit Millionen-Beträgen. Eventuell kommt der Durchbruch gegen das Virus also aus unserer Region.

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