Alte Rohre, aufgeblähte Firmen: Trinkwasser immer teurer

Braunschweig.  Die Kartellbehörde forderte 2009 vier Anbieter in unserer Region auf, die Preise zu senken. Dieses Mal werden es wohl mehr sein.

Die Trinkwasserpreise in unserer Region sind vergleichsweise hoch.

Die Trinkwasserpreise in unserer Region sind vergleichsweise hoch.

Foto: Oliver Berg / dpa

Kann man den Wasseranbieter eigentlich genauso wechseln wie den Stromanbieter?

Das fragt Sonja Sprengel auf unseren Facebookseiten.

Die Antwort recherchierte Andre Dolle.

Die Anbieter auf dem Strom- und auch auf dem Gasmarkt müssen sich in Deutschland einem Wettbewerb stellen. Hier gibt es ihn meistens, den König Kunde. Denn wer will, kann den Anbieter wechseln. Beim Trinkwasser und auch bei der Fernwärme ist das nicht so. Alleine in Niedersachsen gibt es 170 Trinkwasser-Anbieter mit mehr als 200 – zum Teil unübersichtlichen – Tarifgebieten.

Denn anders als beim Strom gibt es keine überregionalen Trassen: Jeder der vielen kleinen lokalen Anbieter hat seine eigenen Leitungen. „Es sind Monopole“, sagte Annette Schütz, Sprecherin des Landeswirtschaftsministeriums, unserer Zeitung. „Deshalb schauen wir beim Trinkwasser genauer hin. Wir wollen die Bürger vor ungerecht hohen Preisen Schützen.“ „Wir“, das sind in diesem Fall die Wettbewerbshüter der Landeskartellbehörde. Diese sind dem Wirtschaftsministerium unterstellt. „Der Handlungsdruck ist beim Strom und beim Gas nicht so hoch. Im Zweifelsfall wechseln die Kunden einfach den Anbieter“, sagte Schütz.

Nach gut zehn Jahren haben die Wettbewerbshüter mal wieder genauer hingeschaut. Und wie damals stellten sie fest, dass die Wasserpreise in Niedersachsen sehr unterschiedlich sind. Acht Anbieter verpflichteten sich damals auf Nachdruck der Kartellbehörde, die Wasserpreise um mindestens zehn Prozent zu senken.

28 Anbieter aus unserer Region liegen über dem Medianwert

Vier der acht Anbieter kamen aus unserer Region: die E.ON Avacon Vertrieb GmbH mit ihrem Tarifgebiet in Helmstedt, die WEVG Salzgitter GmbH & Co. KG, die WAGV Vienenburg mbH sowie die Braunschweiger Versorgungs-AG & Co. KG (heute BS Energy).

Allzu viel scheinen die Versorger aus unserer Region nicht dazugelernt zu haben. Schon wieder haben viele der besonders teuren Anbieter (siehe Grafik) ihre Heimat zwischen Harz und Heide. 28 Wasserversorger aus unserer Region liegen – zum Teil sehr, sehr deutlich – über dem Medianwert von 165 Euro für 80 Kubikmeter Trinkwasser. Das entspricht dem Verbrauch eines Zweipersonen-Haushalts. Nur fünf Anbieter zwischen Harz und Heide liegen unter dem Medianwert.

Bewusst erhöht das Wirtschaftsministerium mit der Veröffentlichung des Berichts den Druck auf die Versorger. „Denn die Gründe für zu hohe Wasserpreise sind zum Teil hausgemacht“, sagte Schütz. Ziemlich unverblümt erklärte die Sprecherin: „Die Anbieter haben zum Teil alte Rohre mit hohem Wasserverlust beim Transport.“

Ein weiterer Grund liege in der Struktur der Unternehmen. In früheren Jahren war die Trinkwasserversorgung Aufgabe der Kommunen. Die Städte und Gemeinden haben sich nach und nach davon getrennt. An ihre Stelle traten Wasserverbände. Diese arbeiten zwar in der Regel nicht gewinnorientiert. Schütz legte aber nahe, dass der ein oder andere Verband „zu aufgebläht ist“. Hier und da ist offensichtlich der ein oder andere Versorgungsposten zu viel geschaffen worden. Das hebt die Preise für die Verbraucher. Diese können ja eh nicht wechseln, denkt man sich wohl hier und da in den Unternehmen.

Schütz kündigte an, dass zehn bis 15 Anbieter sich der Kartellbehörde werden erklären müssen. Etwa die Hälfte dürften wiederum aus unserer Region kommen.

Sie müssen plausibel darlegen, warum die Preise in ihrem Tarifgebiet höher sind als anderswo. Denn es kann durchaus gute Gründe dafür geben. Wasserversorger müssen in weniger dicht besiedelten Städten und Gemeinden mehr Aufwand betreiben. Das gilt auch für eine eher ungünstige topografische Lage wie im Harz. Alleine daran kann es aber nicht liegen. Das zeigt der Wasserbeschaffungsverband Weddingen. Dieser versorgt den Goslarer Ortsteil trotz nicht gerade optimaler landschaftlicher Bedingungen vergleichsweise sehr günstig mit Wasser. In unserer Region ist kein Anbieter günstiger.

Zur vollen Wahrheit gehört auch, dass die Kartellbehörde nicht auf jeden Anbieter Druck ausüben kann. Die Wettbewerbshüter sind nur für die privatrechtlichen Anbieter zuständig (in der Grafik blau). Bei den anderen ist dies die Kommunalaufsicht (orange). Zumeist sind dies die jeweiligen Landkreise.

Wasserpreise stiegen seit 2009 um 19 Prozent

Die Verbraucherzentrale Niedersachsen und auch die Verbraucherzentrale Bundesverband waren auf Anfrage übrigens nicht in der Lage, eine Einschätzung zu den Wasserpreisen abzugeben. Diese steigen nämlich seit dem Jahr 2009 stark an. Im Schnitt zahlen die Niedersachsen 2,12 Euro je Kubikmeter Trinkwasser. Das sind 19 Prozent mehr als noch 2009. Die allgemeinen Verbraucherpreise haben sich seitdem mit 14 Prozent weniger stark erhöht.

Die Grünen-Bundestagsfraktion hat sich bereits vor gut zwei Jahren mit den Trinkwasserpreisen befasst. Sie hatte Zahlen des Statistischen Bundesamtes ausgewertet und kam zum Ergebnis, dass die Trinkwasserpreise seit 2014 immer schneller steigen. Nach Angaben der Grünen schwanken die Preise für Trinkwasser zwischen den Bundesländern um bis zu 42 Prozent. In Norddeutschland ist das Trinkwasser tendenziell günstiger als im Süden.

Die Grünen führen den Preisanstieg vor allem auf die zunehmende Verunreinigung des Wassers mit Nitraten, Pestiziden und Medikamenten zurück. Brunnen müssten häufiger aufgegeben werden, die Aufbereitung werde teurer.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erklärte damals, dass die Versorger mehr in die Infrastruktur investiert hätten. Alleine für das Jahr 2018 waren 2,7 Milliarden vorgesehen.

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