Gesundheitsämter wappnen sich für mögliche zweite Welle

Braunschweig.  Experten warnen: Den Ämtern fehlen Leute. In der Braunschweiger Behörde ist etwas Ruhe eingekehrt – ein Besuch in bewegten Zeiten.

Mareike Müller (links) und Amelie Zahn machen ein duales Studium bei der Stadtverwaltung in Braunschweig. Derzeit verfolgen die beiden Stadtinspektor-Anwärterinnen – getrennt von einer Glasscheibe – im Braunschweiger Gesundheitsamt die Corona-Infektionsketten nach.

Mareike Müller (links) und Amelie Zahn machen ein duales Studium bei der Stadtverwaltung in Braunschweig. Derzeit verfolgen die beiden Stadtinspektor-Anwärterinnen – getrennt von einer Glasscheibe – im Braunschweiger Gesundheitsamt die Corona-Infektionsketten nach.

Foto: Andre Dolle

So leicht kann die beiden nichts mehr aus der Ruhe bringen: Mareike Müller verstärkte das Braunschweiger Gesundheitsamt Mitte März, Amelie Zahn ein paar Tage später – mitten in der bisherigen Corona-Hochphase in Braunschweig war das. 99 Neuinfektionen zählte das Gesundheitsamt Ende März innerhalb einer Woche für ganz Braunschweig.

Müller und Zahn wurden gleich hineingeworfen ins Team. Eine gute Stunde lang wurden die beiden Stadtinspektor-Anwärterinnen geschult, dann setzten sie sich wie die anderen Mitarbeiter, die Infektionsketten nachverfolgen sollen, gleich ans Telefon. Learning by doing nennt man das.

Am Donnerstagnachmittag wirken Müller und Zahn ziemlich entspannt. Es gibt keine weitere Neuinfektion. Däumchen drehen ist dennoch nicht angesagt. 3000 Kontaktpersonen hatten die 323 Corona-Patienten in Braunschweig. Die mussten alle ermittelt, abtelefoniert und dann in Quarantäne geschickt werden. Jetzt, da wieder mehr Ruhe eingekehrt ist, kümmern sich Müller, Zahn und die anderen 33 Mitarbeiter in der Kontaktverfolgung des Braunschweiger Gesundheitsamts unter anderem darum, Arbeitgebern Verdienstausfälle zu erstatten. Darauf haben Unternehmen und auch Selbständige Anspruch, wenn Mitarbeiter oder sie selbst in Quarantäne mussten.

Experte: Personal im Infektionsschutz verdoppeln

Obwohl die Situation wieder deutlich erträglicher ist, fordert ein Ärzteverband eindringlich, die Gesundheitsämter in Niedersachsen endlich personell aufzurüsten. In den vergangenen Jahren seien Stellen massiv abgebaut worden, sagt Gerhard Wermes, Vorsitzender des Landesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, unserer Zeitung. Das sei schon ohne Corona problematisch. Nun aber falle den Ämtern ihre Personalpolitik auf die Füße.

Lücken würden mit Mitarbeitern anderer Behörden gefüllt, die oft nicht über medizinisches Fachwissen verfügen. Wermes entwirft drei Szenarien: 1. Den erneuten kompletten Shutdown: „Dann geht aber die Wirtschaft komplett in die Knie. Das kann keiner wollen.“ 2. Das komplette Gegenteil: gar keine Kontakt-Reduzierungen der Bürger mehr. „Dann explodieren die Infektions-Zahlen, dann bekommen wir Verhältnisse wie in Italien im März“, sagt Wermes. 3. Deutschland stärkt die Gesundheitsämter, die für eine lückenlose Nachverfolgung von Kontakten Infizierter sorgen. Punkt 3 ist Wermes’ klarer Favorit.

„Starke Gesundheitsämter sind der Schlüssel“

„Wir brauchen gerade jetzt starke Gesundheitsämter in Niedersachsen, um diese Pandemie zu beherrschen. Das ist der Schlüssel“, sagt er. Es sei schwer, pauschal eine Mitarbeiter-Zahl zu nennen, da die Regionen in Niedersachsen unterschiedlich stark von der Pandemie betroffen seien. „Es gibt aber Gesundheitsämter, deren Personal im Bereich Infektionsschutz verdoppelt werden müsste.“

Der Verbands-Vorsitzende ist selbst Leitender Amtsarzt in Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Er lobt zwar die Arbeit all der Mitarbeiter, die wie im Braunschweiger Gesundheitsamt kurzfristig eingesprungen sind. Mittel- und langfristig brauche es aber mehr Experten in den Ämtern. Denn Wermes vermutet: „Diese Pandemie wird uns noch viele Monate, wenn nicht gar Jahre beschäftigen.“

In Braunschweig hat die Stadt das Gesundheitsamt um 38 Mitarbeiter auf knapp 150 Kollegen und Kolleginnen aufgestockt. Der Großteil der Neuen sind Anwärter für die Beamtenlaufbahn, also junge Mitarbeiter in der Ausbildung oder im dualen Studium. Fünf städtische Mitarbeiter wurden aus anderen Fachbereichen abgezogen, zwei sind eigentlich Mitarbeiter im Klinikum Braunschweig, zwei weitere sind sogenannte Containment-Scouts vom Bund – also echte Experten in der Nachverfolgung der Kontakte von Virus-Erkrankten.

Infizierte hatten bis zu 200 Kontakte

Tobias Lenz leitet die Gruppe von 35 Mitarbeitern, die die Kontakte der Braunschweiger Corona-Fälle aufspüren. Das ist wie eine Detektiv-Arbeit. Vor allem sitzen die Kollegen viel am Telefon, versuchen die Leute zu erreichen, die sich mit Infizierten getroffen haben. „Es gab klare Vorgaben vom Robert-Koch-Institut“, sagt Lenz. „Bei der Einarbeitung der Neuen haben wir uns daran gehalten.“ Die meisten der jungen Kollegen seien durch ihre Vorausbildung schon fit. „In den Zimmern sitzen immer alte Hasen mit jüngeren Kollegen zusammen.“ Man tausche sich aus.

Die Braunschweiger haben sich außerdem etwas einfallen lassen: Jeden Tag versammeln sich die Containment-Mitarbeiter etwa eine halbe Stunde lang im kleinen Park hinter dem Gesundheitsamt. Natürlich in gebotenem Abstand und mit Maske. Dann besprechen sie Einzelfälle, bei denen es Probleme in der Nachverfolgung der Kontakte gab oder noch gibt.

Am Anfang der Pandemie, als das öffentliche Leben in Braunschweig noch nicht heruntergefahren wurde, hatten Infizierte bis zu 200 Kontakte. „Da kamen wir an die Grenzen unserer Belastbarkeit“, sagt Rainer Schubert, Gesundheitsplaner im Sozialreferat der Stadt Braunschweig. Jetzt sind es nur bis zu sieben Kontakte. „Es lässt sich super gut zurückverfolgen“, sagt Lenz.

„Es ist also zum Glück ruhiger geworden“, erklärt Martin Klockgether, der kommissarische Leiter des Braunschweiger Gesundheitsamts. Die Mitarbeiter bauen Überstunden ab, nehmen zum Teil auch wieder Urlaub.

Braunschweig will ein Corona-Ampelwarnsystem

Ab Mitte März bis etwa Mitte April, in der Hochphase, arbeiteten die Containment-Kollegen 60 Stunden in der Woche. Auch am Wochenende war das Amt besetzt. Das war der Zeitpunkt, als binnen sieben Tagen 99 Neuinfizierte hinzukamen. Rechnet man diesen Wert auf die Einwohner Braunschweigs um, gab es in besagter Woche 39,6 Fälle auf 100.000 Menschen. Selbst diese schwierige Phase war also immer noch unter der kritischen Grenze von 50 Neuinfizierten in sieben Tagen auf 100.000 Einwohnern. Das ist die Grenze, die der Bund und die Länder Ende April festgelegt haben. Dann werden die Lockerungen der vergangenen Wochen in Braunschweig oder anderswo wieder zurückgenommen.

Diese Grenze halten die Experten aus dem Gesundheitsamt Braunschweig für zu hoch. Sie wollen dem Rat der Stadt ein Ampelsystem vorschlagen. Der Höchstwert soll deutlich unter 50 liegen. Wie hoch, das wird derzeit in der Verwaltung diskutiert. „Nach bisheriger Maßgabe wäre die rote Zahl für Braunschweig 125 Neuinfektionen in einer Woche. Die will keiner erreichen“, sagt Schubert.

Er ist eine Art Mittelsmann zwischen dem Corona-Krisenstab der Stadt Braunschweig und dem Gesundheitsamt. „Jeden Morgen rufe ich als erstes Herrn Lenz, unseren Leiter Infektionsschutz, an“, sagt Schubert. Dann sprechen die beiden über die neuesten Infektionszahlen, mögliche Krisenherde und nächste Schritte.

In diesen Wochen und Monaten kommt es also auf die Gesundheitsämter an. Die Lockerungen, die es im öffentlichen Leben in Niedersachsen aufgrund zurückgehender Corona-Fälle gegeben hat und verstärkt geben soll, sind ausdrücklich erwünscht. Doch dazu müssen die Ämter die Kontakte von Neuinfizierten aufspüren können – und wollen.

Kritiker dieses Notfall-Mechanismus warnen, lokale Behörden könnten bei den Zahlen tricksen, um neuerlichen Beschränkungen für ihre Städte und Landkreise zu entgehen. Fast schon empört reagieren die Experten aus dem Braunschweiger Gesundheitsamt auf diesen Vorwurf. „Wir würden nie auf die Idee kommen, zu tricksen“, sagt Behörden-Chef Klockgether. Und Lenz, der den Infektionsschutz leitet, sagt: „Dann müssten wir die Meldungen über neue Infizierte ja in den Reißwolf stecken.“ Die Ein- und Weitergabe von neuen Infektionsfällen würde automatisch erfolgen. Ein Tricksen sei da gar nicht möglich.

130.000 Euro pro Gesundheitsamt

Dass es nun wieder etwas ruhiger ist, empfindet Lenz natürlich als angenehm. „Es wäre aber verrückt, die Leute jetzt wieder nach Hause zu schicken.“ Keiner wisse, was noch passiert. Und es gäbe auch so viel zu tun. Das gelte für sämtliche Mitarbeiter des Gesundheitsamts. Jeder sei irgendwie mit Corona beschäftigt. Auch die Gynäkologin half beim Containment schon aus. Veranstalter, selbst Solarien und Eintracht Braunschweig haben Fragen bei den eigenen Hygiene-Konzepten.

Von den Hilfen vom Bund haben sie natürlich auch in Braunschweig schon etwas mitbekommen. 50 Millionen Euro sollen die 375 Gesundheitsämter erhalten. Das wären umgerechnet etwa auch 130.000 Euro für das Amt in Braunschweig. Und 105 mobile Containment-Teams sollen im Fall der Fälle die Ämter vor Ort unterstützen. Amtsleiter Klockgether sagt dazu nur nüchtern: „Wir haben in den vergangenen Monaten schon viel aus Berlin und Hannover gehört.“

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