Corona: Gleiches Interesse von Wirtschaft und Gesundheitspolitik

Braunschweig.  Bei der Lockerung der Corona-Beschränkungen plädieren Ökonomen des Ifo-Instituts und Braunschweiger HZI-Forscher in einer Studie für Umsicht.

Die Autoren einer neuen Studie sehen eine gemeinsames Interesse von Gesundheit und Wirtschaft bei der Eindämmung der Corona-Pandemie.

Die Autoren einer neuen Studie sehen eine gemeinsames Interesse von Gesundheit und Wirtschaft bei der Eindämmung der Corona-Pandemie.

Foto: dpa

Wirtschaftliche Interessen auf der einen, gesundheitspolitische auf der anderen Seite? In der Debatte um das richtige Maß beim Lockern der Corona-Beschränkungen lassen die Autoren einer neuen Studie diesen Gegensatz so nicht gelten. Gemeinsam haben Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung gezeigt, welche gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen Lockerungen der Corona-Beschränkungen haben.

Sie plädieren dafür, den Kurs schrittweiser leichter Lockerungen „umsichtig“ fortzuführen. „Diese Strategie ist nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich vorzuziehen“, werden Ifo-Präsident Clemens Fuest und HZI-Forscher Michael Meyer-Hermann in einer gemeinsamen Mitteilung zitiert. Gleichzeitig warnen sie vor übereilten Schritten: „Wenn die Politik kurzfristig mehr Wirtschaftstätigkeit erlaubt, verlängert sich die Phase der Beschränkungen nach unseren Simulationsanalysen so sehr, dass die Gesamtkosten steigen.“

Empfehlung: Mehr Corona-Tests

Um angesichts der Lockerungen ein Anwachsen der Infektionen zu begrenzen, empfehlen die Autoren der Studie, die Politik solle die Kapazitäten für Corona-Tests deutlich ausweiten. Dies könne dazu beitragen, Infizierte früher zu erkennen und Ansteckungen zu verhindern. „Diese Maßnahmen sind unentbehrlich, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Kosten der Pandemie zu begrenzen“, heißt es in der Studie.

Ausgehend vom Stand 20. April, dem Ende der ursprünglichen, schärferen Corona-Regeln, haben die Autoren verschiedene Szenarien und ihre Konsequenzen durchgerechnet: Eine Beibehaltung des Shutdowns, dessen Verschärfung, ein Vorgehen mit schrittweisen leichten Lockerungen und ein Vorgehen mit weitergehenden Öffnungen. Bei einer Beibehaltung der Schließungen, wie sie bis zum 20. April galten, kommen die Autoren der Studie auf einen volkswirtschaftlichen Verlust von rund 333 Milliarden Euro – verteilt über die Jahre 2020 und 2021.

Experten empfehlen R-Zahl 0,75 als Richtwert

Für den Fall des von ihnen favorisierten Kurses beschränkter Lockerungen prognostiziert Meyer-Hermann eine Reproduktionszahl, kurz R-Wert, von 0,75. Diese würde bedeuten, dass vier Covid-19-Erkrankte im Schnitt nur noch drei weitere Personen anstecken. Gelinge es, die Ansteckungsrate auf diesem Stand einzupendeln, könnten die volkswirtschaftlichen Kosten um 26 Milliarden Euro verringert werden, so die Forscher. Gleichzeitige bleibe die Zahl bedrohlicher Corona-Verläufe beherrschbar. Eine weitergehende Öffnung – mit einem R-Wert von 1 – wäre demnach mit „erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten verbunden“. Am Mittwoch lag der R-Wert laut Robert Koch-Institut bei 0,81.

Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, würdigte die gemeinsame Studie von HZI und Ifo-Institut im Hörfunk des NDR als wegweisend: „Dass hier Forschungsdaten und Simulationsergebnisse aus diesen beiden Wissenschaftszweigen – Wirtschaft und Epidemiologie – zusammengeführt werden, ist etwas völlig Neues in Deutschland und weltweit. Das ist genau das, was wir in der jetzigen Situation brauchen.“

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