Corona ist auch für die Helfer eine Gefahr

Braunschweig.  Obwohl die Fallzahlen in Deutschland insgesamt zurückgehen, haben sich allein am Mittwoch 150 weitere Ärzte und Pfleger angesteckt.

Ein Chefarzt steht mit Mundschutz in einer Klinik in München, in der unter anderem positiv getestete Corona-Patienten versorgt werden. Mehr als 11.000 Ärzte und Pfleger haben sich in Deutschland bereits infiziert. Die Dunkelziffer ist hoch.

Ein Chefarzt steht mit Mundschutz in einer Klinik in München, in der unter anderem positiv getestete Corona-Patienten versorgt werden. Mehr als 11.000 Ärzte und Pfleger haben sich in Deutschland bereits infiziert. Die Dunkelziffer ist hoch.

Foto: Peter Kneffel / dpa

In vielen Politiker-Reden und Medienberichten werden Ärzte, ihr medizinisches Personal sowie auch die Pflegekräfte im ambulanten und stationären Bereich derzeit oft für ihren Einsatz gelobt. Eine einmalige Corona-Sonderzulage in Höhe von 1500 Euro für Pflegekräfte hat der Bundestag auf den Weg gebracht.

Wie gefährlich die Arbeit der Helfer angesichts der Corona-Pandemie tatsächlich ist, zeigt diese Zahl, die das Robert-Koch-Institut (RKI) am Donnerstag veröffentlicht hat: Demnach waren dem RKI bis zum Mittwoch exakt 11.369 gemeldete Fälle von erkrankten Ärzten und ihrem medizinischen Personal bekannt. Und das sind nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern und Arztpraxen. Die Altenpfleger in den Seniorenheimen werden gar nicht erst gesondert erfasst – die Pfleger im ambulanten Bereich überhaupt nicht.

Alleine zwischen Dienstag und Mittwoch haben sich 152 Ärzte und Pfleger in den Krankenhäusern und Praxen mit dem Corona-Virus angesteckt. Insgesamt gab es in Deutschland zeitgleich 798 Neuinfizierte. Jeder fünfte Neuinfizierte ist also ein Arzt, eine Ärztin, eine Krankenschwester oder ein Pfleger. 73 Prozent des infizierten medizinischen Personals ist übrigens weiblich. Das Durchschnittsalter beträgt laut RKI 41 Jahre.

Unter dem medizinischen Personal kam es auch zu sehr schweren Krankheitsverläufen. 17 Helfer starben. Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, überrascht es nicht, dass so viele Ärzte und Pfleger an Covid-19 erkrankt sind. Dass aber ihre Zahl gleich so hoch sei, erstaune ihn schon.

Mangel an Schutzkleidung

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen hatte schon zu Beginn der Corona-Krise auf den Mangel an Schutzmasken und Schutzkleidung in den Praxen hingewiesen. „Der eklatante Mangel an Schutzausrüstung hat sich gerade in den ersten Wochen der Pandemie für die Ärzte und die Teams in den Praxen schmerzlich bemerkbar gemacht“, sagte Haffke. Das habe sich auch in der Schließung von 40 Arztpraxen in Niedersachsen niedergeschlagen. „Bei den 5800 Hausärzten in Niedersachsen liegt die Hauptlast“, so Haffke.

Die Gefahr einer Ansteckung von Helfern ist natürlich auch dem Landesgesundheitsministerium bewusst. „Je direkter der Patientenkontakt, desto größer ist die Gefährdung“, sagte Sprecher Oliver Grimm auf Anfrage. Das Ministerium und auch das Landesgesundheitsamt würden sehr „risikobasiert“ vorgehen. Es sei „absolute Priorität“, die Helfer in den Fokus zu nehmen. Deshalb habe sich das Gesundheitsministerium in Niedersachsen gemeinsam mit dem Innenministerium dem Thema Beschaffung gewidmet. Obwohl, so Grimm: „Pflegeeinrichtungen sind grundsätzlich selber dafür verantwortlich, für ausreichend Schutzmasken zu sorgen.“ Das Land half aus. Nach Wochen des Engpasses würden Kliniken und Heime selber wieder gut über ihre Vertriebswege für Nachschub sorgen können.

Ein Problem bleiben jedoch belastbare Zahlen der infizierten Mitarbeiter im Gesundheitsbereich. „Wir brauchen mehr Daten, um die Corona-Krise bewerten zu können“, sagte Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung. Mehrere Gesundheitsämter gaben in einer Umfrage des NDR aber an, aufgrund von Arbeitsbelastung die Berufe der Erkrankten nicht zu erfassen oder nicht melden zu können. Andere teilten mit, die Berufe generell nicht zu erfassen. RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher zeigt Verständnis dafür. „In den Zeiten der Krise müssen die Aufgaben innerhalb der Gesundheitsämter zugunsten der Maßnahmen des Infektionsschutzes priorisiert werden, die Dokumentation erfolgt vermutlich nachrangig“, sagte sie auf Anfrage.

Zentrales Melderegister fehlt in Deutschland

Bei 32 Prozent der Corona-Fälle in Deutschland fehlen Angaben zur Tätigkeit. Die Dunkelziffer bei den Ärzten und Krankenschwestern in den Kliniken und Praxen ist also noch viel höher als die gemeldeten knapp 11.400 Fälle.

Ein zentrales Melderegister für infiziertes medizinisches Personal existiert in Deutschland nicht. Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Wenn sich medizinisches Personal mit Covid-19 infiziert, muss dies laut Infektionsschutzgesetz dem örtlichen Gesundheitsamt gemeldet werden. Dies gilt beispielsweise für Mitarbeiter von Krankenhäusern, ärztlichen Praxen, Dialyseeinrichtungen, ambulanten Pflegediensten und Rettungsdiensten.

Andere Länder in Europa wie etwa Großbritannien, Spanien und Italien erfassen die Zahl der betroffenen Mediziner und Pflegekräfte anders als Deutschland zentral. Vertreter des Marburger Bundes und der Landesärztekammer forderten zuletzt, auch in Deutschland die Erfassung von Infizierten im Gesundheitsbereich ernster zu nehmen und belastbare Zahlen zu erheben.

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Niedersachsen ist eins von bundesweit fünf Ländern, dass das medizinische Fachpersonal mit Blick auf Corona gar nicht gesondert erfasst. Man sei aber „nicht im Blindflug unterwegs“, beteuerte Ministeriums-Sprecher Grimm. Das habe sich in niedersächsischen Kliniken gezeigt, in denen es vermehrt zu Covid-19-Infektionen von Mitarbeitern gekommen sei – so auch im Klinikum Wolfsburg. „Die Situation haben wir in Niedersachsen im Griff“, so Grimm.

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen wusste sich selbst zu helfen. Sie schuf auf die Schnelle 42 Testzentren im Land, zusätzlich 8 mobile Einheiten. „700 Mediziner sind dort im Einsatz“, so Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung. „Wir mussten handeln, sonst wäre die Versorgung von sämtlichen Patienten gefährdet gewesen. Und da rede ich nicht nur von den Corona-Patienten“, so Haffke. Man habe die Testzentren von Anfang an mit der nötigen Schutzkleidung ausgestattet. Haffke: „Bis heute habe ich keine Information darüber, dass sich dort Ärzte oder medizinisches Personal infiziert haben.“

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180 Altenpfleger sind derzeit in Niedersachsen infiziert

Corona-Patienten würden jetzt zunehmend in den Arztpraxen getestet, weil auch dort nun genügend Schutzmaterial vorhanden sei. Die Skepsis bleibt bei vielen Patienten offensichtlich aber groß. Insgesamt sei die Patientenzahl in den niedersächsischen Arztpraxen seit März um mindestens ein Drittel zurückgegangen, so Haffke.

Noch viel weniger als über Klinikbeschäftigte weiß man in Deutschland übrigens über die Anzahl bereits infizierter Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Auch diese Zahl wird nicht zentral erfasst – auch beim RKI nicht. Hier werden die Pfleger zusammen mit Mitarbeitern von Obdachlosenunterkünften, Asylunterkünften und Gefängnissen gezählt. Am Mittwoch gab es in diesem Bereich laut RKI 8.224 Infizierte. Der Großteil dürften Altenpflegerinnen und Altenpfleger sein. Aber wie gesagt: Genau weiß das niemand.

In diesem Punkt kann die Landesregierung in Niedersachsen punkten. Sie erfasst laut Sprecher Grimm zumindest die aktuell infizierten Pfleger. Es sind 180. Grund ist die Situation in Altenheimen wie in Wolfsburg oder Bramsche. Hier gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche Todesfälle.

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