„Die Beschränkungen müssen aufgehoben werden“

Hannover.  Stefan Homburg, Professor für Öffentliche Finanzen in Hannover, kritisiert im Interview den harten Kurs der Bundesregierung in der Corona-Krise.

Der Unmut gegen die Beschränkungen in der Corona-Krise wächst. In Hannover demonstrierten am Wochenende Betreiber von Fitnessstudios aus ganz Niedersachsen. Sie fordern, dass sie ihre Geschäfte trotz der Corona-Krise wieder öffnen dürfen.

Der Unmut gegen die Beschränkungen in der Corona-Krise wächst. In Hannover demonstrierten am Wochenende Betreiber von Fitnessstudios aus ganz Niedersachsen. Sie fordern, dass sie ihre Geschäfte trotz der Corona-Krise wieder öffnen dürfen.

Foto: Foto: Peter Steffen / dpa

Der Lockdown war weder nötig noch wirksam. Das behauptet Stefan Homburg. Der 59-Jährige ist Professor für Öffentliche Finanzen und Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz-Universität Hannover.

Durch die jüngsten Lockerungen der Corona-Regeln ist die Reproduktionszahl zunächst wieder gestiegen. Widerlegt das nicht Ihre These?

Nein. Ich halte diese Reproduktionszahl nicht für entscheidend. Vielmehr hat die Bundesregierung erklärt, ihr Handeln von dieser Zahl abhängig zu machen. Sie lag und liegt unter 1 (Anmerkung der Redaktion: Bei oder unter 1 sollte der Lockdown aufgehoben werden). Die Regierung will den Lockdown trotzdem fortsetzen. Auf diesen Widerspruch habe ich hingewiesen.

Warum sind Sie sich so sicher?

Die Reproduktionszahl kann man nicht direkt messen. Man kann sie nur durch ein mathematisches Verfahren konstruieren. Ich halte es für viel sinnvoller, die konkreten Fallzahlen, also die Kurve der gemeldeten Fälle, anzuschauen. Da sieht man eine typische Glockenkurve. Die Zahlen sind zunächst gestiegen, und seit langem fallen sie wieder. Deshalb ist diese Infektionswelle, wie es bei jeder Welle von Atemwegserkrankungen ist, auf dem Rückzug. Vor diesem Hintergrund zu erklären, wir befänden uns erst am Anfang einer Pandemie, ist so unsachlich, dass einem die Worte fehlen.

Auch der Virologe Christian Drosten warnt vor einer zweiten Welle.

Dazu muss ich folgendes sagen: Herr Drosten hat sich schon bei der Schweinegrippe geirrt. Damals erklärte er den Menschen, es werde sehr schlimm werden. Es gab ein riesiges öffentliches Aufsehen, die Politik wurde im Grunde erpresst, Impfstoffe für zig Millionen Euro zu kaufen, die nicht geeignet waren und auch nicht abgerufen wurden. Nun erzählt Herr Drosten den Menschen, wie schlimm Corona werden würde. Alle wissen, dass keine Welle gekommen ist. Auch da lag er falsch. Im April erklärte er, es käme wohl in China eine zweite Welle, auch das ist nicht eingetreten.

Nicht wenige werfen Ihnen vor, bei Ihrer Theorie ein paar Fakten übersehen zu haben, etwa die Maßnahmen vor dem Lockdown, wie die Schließung von Bars, Clubs und verschiedener Geschäfte. Waren diese Maßnahmen falsch?

Das ergibt sich aus dieser Grafik nicht (Anmerkung: Entwicklung der Infektionen, vom Robert-Koch-Insitut anhand der Reproduktionszahl erstellt. Sie zeigt die R-Zahl bereits vor dem Lockdown unter 1). Ich finde die Kritik an meiner These nur vollkommen widersprüchlich. Warum ergreift man härteste Maßnahmen, wenn angeblich bereits deren Ankündigung und die Warnung der Bevölkerung zu Verhaltensänderungen geführt und die Ausbreitung des Virus verlangsamt hat?

Könnten Sie denn mit irgendeiner Anti-Corona-Regel leben?

Aufgrund der sich herausgestellten Ähnlichkeit von Corona und Influenza und der im März rückläufigen Fallzahlen in Südkorea hätte ich den Lockdown nicht verhängt. Man muss aber fair sein: Die Politik war unsicher. Darum wären leichte Maßnahmen, wie etwa eine Warnung der Bevölkerung, richtig gewesen. Genau so haben es Staaten wir Südkorea, Taiwan und unser europäischer Nachbar Schweden gemacht. Dort sehen wir im Nachhinein, dass sich die Verbreitung des Coronavirus sehr ähnlich entwickelt hat, wie bei uns.

In Schweden ist die Sterberate im April aber drastisch gestiegen.

Die Sterblichkeit ist in Schweden etwas höher als in Deutschland. Doch in Belgien liegt die Zahl noch höher, trotz Lockdown. Das ist aber nicht die relevante Frage. Relevant ist: Das RKI, Herr Drosten und das Bundesinnenministerium haben an einem Masterplan gearbeitet, demzufolge wir ohne Maßnahmen 1,2 Millionen Tote haben werden. Damit sind viele Politiker, die sich mit der Materie nicht auskennen, so erschreckt worden, dass die dem gesamten Paket zugestimmt haben.

Wie könnte der Weg aus dem Lockdown aussehen?

Durch den Meinungsumschwung, der gerade stattfindet, ist eine Situation erreicht, in der kein Bürgermeister oder Ministerpräsident mehr sagen kann, er hätte nichts gewusst. Es besteht die Notwendigkeit, die Beschränkungen aufzuheben. Jeder Bürgermeister, der Verantwortung trägt, der zahlreiche der Beschränkungen selbst verhängt hat, sollte sich fragen, ob er all das weiter rechtfertigen kann.

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

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