Alarm aus Kliniken: Zu wenig Schutzkleidung gegen Corona

Braunschweig.  So hängen beispielsweise 500.000 Mundschutze des Klinikums Braunschweig beim Zoll in Österreich fest. Das Klinikum erwartet 2,5 Millionen Masken.

Das Klinikum Braunschweig hat 2,5 Millionen Mundschutze bestellt. 500.000 davon hängen beim Zoll in Österreich fest.

Das Klinikum Braunschweig hat 2,5 Millionen Mundschutze bestellt. 500.000 davon hängen beim Zoll in Österreich fest.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt, und in vielen Krankenhäusern zwischen Harz und Heide wird das Schutzmaterial wie Masken und Kittel langsam knapp. Dr. Bernadett Erdmann, Chefärztin der Zentralen Notfallaufnahme im Klinikum Wolfsburg, erklärte am Sonntag in der TV-Sendung „Anne Will“ bereits, wie die Situation vielerorts ist. Es fehle in den Krankenhäusern an Personal, Schutzkleidung werde nicht mehr geliefert – weil es Verzögerungen durch den Zoll gebe oder die Produktion im Ausland mit der Nachfrage nicht mithalten könne. „Wir haben noch Reserven für eine Woche“, so Erdmann. Dem Gesundheitssystem drohe der Kollaps.

Die Aussagen der Medizinerin aus Wolfsburg deckt sich mit dem, was unsere Zeitung erfuhr. So hat das Gesundheitsministerium in Niedersachsen zum Beispiel zwar Schutzkleidung bestellt. Diese kommt aber noch nicht an. Auf Anfrage erklärte Sprecherin Stefanie Geisler, dass es sich um einen „laufenden Prozess“ handele. Mehr konnte sie am Montag noch nicht sagen.

Lieferschwierigkeiten beim Braunschweiger Klinikum

Das Klinikum Braunschweig hat sogar schon Lieferengpässe bei einfachen Masken. Denn die sogenannten FFP2-Masken, die Ärzte und Pfleger tragen müssen, damit sie sich im Krankenhaus nicht mit dem Virus anstecken, sind derzeit noch heißer begehrt. Demnach steckt laut Klinik-Sprecherin Thu Trang Tran eine Lieferung der einfachen Masken in Österreich beim dortigen Zoll fest. Und zwar schon seit einer Woche.

Es handelt sich um 500.000 Masken, die das Klinikum für die gesamte Region kaufen wollte. Sie sollen in Krankenhäusern, Altenheimen und Arztpraxen zwischen Harz und Heide zum Einsatz kommen.

Insgesamt hat das Klinikum Braunschweig 2,5 Millionen solcher Masken bestellt, zum Beispiel bei einem Hersteller in China. Wann diese ankommen? „Eine erste Charge erwarten wir Wochenende“, so Tran.

Das Klinikum stellt nun Desinfektionsmittel selber her. Die Produktion beginnt am Donnerstag. Pro Tag will das Klinikum 2.000 Flaschen herstellen. Diese sollen an die Apotheken zwischen Harz und Heide ausgeliefert werden, die wiederum Krankenhäuser, Altenheime und Arztpraxen bedienen.

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Auch bei den Hausärzten in Niedersachsen steigt die Verärgerung wegen fehlender Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Das geht aus einem Brief von Matthias Berndt hervor, den der Landeschef des Hausärzteverbandes an alle Mitglieder geschickt hat. Der Brief liegt unserer Zeitung vor. Als „Hilfe zur Selbsthilfe“ verschickte der Verband eine Nähanleitung für einen Behelf-Nasen-Mund-Schutz.

Die Anleitung der Hausärzte sei allerdings weder geprüft noch zertifiziert und stelle lediglich ein Hilfsmittel dar, hieß es. „Wir denken, in diesen besonderen Zeiten müssen wir zu ungewöhnlichen Mitteln greifen“, schreibt Berndt weiter – auch wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zehn Millionen Masken in Aussicht gestellt habe, die bereits „unter Polizeischutz“ auf dem Weg zu den Ärzten sein sollten.

Deutschlands Intensiv- und Notfallmediziner schlagen ebenfalls Alarm: Atemschutzmasken, mehrlagiger OP-Mundschutz, Untersuchungshandschuhe oder laminierte Schutzkittel würden auf dem Markt mittlerweile zu vielfach überteuerten Preisen angeboten, beklagte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin am Montag per Mitteilung. Präsident Uwe Janssens forderte darin deshalb ein schnelles Eingreifen der Politik. Die Nachschubprobleme aus Asien führten in ganz Europa zu Problemen. Mitarbeiter würden jetzt schon so geschult, damit das Material häufiger verwendet werden könne.

Unseriöse Angebote von Privatanbietern

Mediziner aus unserer Region berichten, dass sie aktuell pro Tag rund zehn Angebote von Privatanbietern bekommen, die dringend benötigte Schutzausrüstung nach eigenem Bekunden direkt liefern könnten. Die Angebote seien allerdings überwiegend unseriös, die Preise würden in eine phantasievolle Höhe getrieben. So manche Klinik oder Arztpraxis kauft aber dennoch – notgedrungen. Normalerweise kostet eine sogenannte FFP2-Maske mit Atemschutzfilter je nach Ausführung 11 bis 60 Cent. Die aufgerufenen Preise liegen um ein Vielfaches höher.

Außerhalb unserer Region und Niedersachsens nimmt der Erfindungsreichtum daher ebenfalls zu. Die Stadt Leipzig sucht bereits Firmen, die in der Corona-Krise zusätzliche Schutzkleidung nähen können. Die Stadt plant, einen oder mehrere Aufträge an Unternehmen zu vergeben. Interessenten sollten sich jetzt melden. „Wer es leisten kann, uns zu helfen, für den ist das eine vernünftige Geschäftsgrundlage“, sagte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) laut Deutscher Presse-Agentur.

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