„Abschied von der TU kommt auch für mich früher als erwartet“

Braunschweig.  Interview: TU-Präsidentin Anke Kaysser-Pyzalla spricht über ihren Wechsel an die Spitze des DLR und den Umgang mit dem Coronavirus an der TU.

TU-Präsidentin Prof. Anke Kaysser-Pyzalla.

TU-Präsidentin Prof. Anke Kaysser-Pyzalla.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger ZeitunG

Jetzt ist es offiziell: Nachdem bereits im Februar bekannt wurde, dass Anke Kaysser-Pyzalla, Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig (TU), an die Bundesspitze des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wechseln soll, wurde sie nun am Mittwochvormittag vom DLR-Senat einstimmig zur Vorstandsvorsitzenden gewählt. Wie das Bundeswirtschaftsministerium, dem das DLR untersteht, mitteilte, wird sie das neue Amt am 1. Oktober antreten. Im Interview mit unserer Zeitung spricht sie über ihren Wechsel, den Umgang mit der Corona-Pandemie an der TU – und über die notwendigen Eigenschaften für ihre Nachfolge.

Frau Kaysser-Pyzalla, haben Sie im derzeitigen Corona-Ausnahmezustand überhaupt Gelegenheit, sich über Ihre Wahl an die DLR-Spitze zu freuen?

Doch, ich freue mich schon. Zum einen darüber, dass meine Wahl einstimmig erfolgt ist, zum anderen auf die wahnsinnig spannende Aufgabe in einem Forschungszentrum mit so faszinierenden Themen. Auf der anderen Seite haben wir jetzt angesichts des Coronavirus tatsächlich eine Menge Entscheidungen zu treffen. Deshalb gilt mein Augenmerk in diesen Tagen ganz der TU Braunschweig, unseren Studierenden, unseren Mitarbeitenden und der Frage, wie wir diese Krise bewältigen. Trotzdem werde ich heute abend zusammen mit meinem Mann mit einem Glas Sekt auf die zukünftige Aufgabe anstoßen.

Wegen des Coronavirus hat die TU einen Krisenstab eingerichtet. Was ist Ihre Leitlinie beim Management der Corona-Krise?

Ganz klar: Wir orientieren uns an den Leitlinien und täglich aktuellen Lageeinschätzungen des Robert-Koch-Instituts sowie an den Vorgaben der Behörden. Die amtlichen Maßnahmen umzusetzen, hat für uns oberste Priorität. Außerdem haben wir an der TU einen eigenen Pandemieplan. Der regelt, wie wir in dieser komplexen Situation unsere Entscheidungen treffen. Dazu gehört, dass wir Experten wie unseren Betriebsarzt oder den Sicherheitsbeauftragten einbinden, die Empfehlungen abgeben. Im Anschluss an den Krisenstab tritt jetzt täglich das TU-Präsidium per Videokonferenz zusammen und fasst dann die abschließenden Beschlüsse. Dieser Weg dauert mitunter eine gewisse Zeit. Leider ist unsere Flexibilität an dieser Stelle begrenzt.

Erst am Montag, nach teils scharfer Kritik von Studenten, hat die TU beschlossen, die Prüfungen auszusetzen. Haben Sie das Bedürfnis der Studierenden, sich zu schützen, unterschätzt?

Nein, wir haben, wie gesagt, nach den Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts und den Vorgaben der Behörden gehandelt. Die vorgegebenen Abstände zwischen den Tischen der zu Prüfenden haben wir zum Beispiel korrekt eingehalten. Neben dem Schutzbedürfnis gibt es ja auch das Interesse der Studierenden, ihr Studium zügig abzuschließen. Unsere Fürsorge gilt den Studierenden in jeder Hinsicht. Den Gesundheitsschutz haben wir zu jedem Zeitpunkt als gegeben gesehen. Außerdem konnten die Studierenden ohne Angabe von Gründen von den Prüfungen zurücktreten. Daher kann ich die scharfe Kritik, offen gestanden, wenig nachvollziehen. Aber in dieser Ausnahmesituation reagieren alle Menschen unterschiedlich. Dafür habe ich natürlich Verständnis.

Warum haben Sie die Prüfungen am Montag dann absagt?

Das war das Ergebnis einer Abwägung, nicht der Kritik aus der Studierendenschaft. Angesichts der Verschärfung der pandemischen Lage und der angeordneten Gegenmaßnahmen haben wir uns Montag

Mittag dazu entschlossen. In diesen Tagen ist es ja immer wieder so, dass wir unsere Entscheidungen aktualisieren müssen. Heute ist die Lage eine ganz andere als vor vier Tagen.

In der gegenwärtigen Krise fahren alle „auf Sicht“. Haben Sie trotzdem schon etwas aus ihr gelernt?

Das Allerwichtigste ist, dass der körperliche Abstand, den wir jetzt zueinander einnehmen müssen, kein mentaler oder emotionaler wird. Auch wenn wir eine Zeit lang räumlich voneinander getrennt arbeiten, oder sich einige TU-Mitarbeitende sogar freiwillig in Quarantäne begeben haben, was ich ausdrücklich begrüße: Wir dürfen uns in dieser Situation nicht von den Bedürfnissen oder Gefühlen anderer distanzieren. Das ist ganz essenziell.

Mitte August dieses Jahres werden Sie an die DLR-Spitze wechseln. Bleiben Sie bis dahin TU-Präsidentin?

Ja. Bis Ende des Sommersemesters will ich mich mit voller Kraft für die TU einsetzen.

Mit dem DLR sitzen Sie künftig an der Spitze einer riesigen, bundesweiten Forschungseinrichtung. Wie schwer fiel Ihre Entscheidung, Ihre Aufgabe in Braunschweig nach nur drei Jahren zu beenden?

Auch für mich geht damit die Zeit an der TU früher als erwartet zu Ende. Mir gefällt es hier gut. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, habe Menschen um mich, mit denen ich super gerne zusammenarbeite. Ich finde die Kultur an der TU toll. Daher finde ich es natürlich schade, zu gehen. Gleichzeitig ist das DLR eine faszinierende Organisation mit spannenden Themen – wie Mobilität und Nachhaltigkeit. Das DLR habe ich ja schon während meiner Zeit in Braunschweig gut kennengelernt. Ich denke, dass das meine zukünftige Arbeit dort maßgeblich beeinflussen wird.

Was bedeutet das konkret?

Ich weiß, was Universitäten zu den DLR-Themen beizutragen haben und wo beide – DLR und Unis – einander ergänzen. Außerdem habe ich verstanden, wo die Kulturen von Universitäten und Institutionen wie dem DLR einander ähneln, aber auch, wo sie sich unterscheiden. Mit diesem Wissen kann man das Beste aus beiden Seiten herausholen.

In Ihrer Amtszeit haben Sie viele Veränderungen an der TU angeschoben – insbesondere im Zuge der Bewerbung als Exzellenzuni. Können Sie diese jetzt noch mit voller Kraft weitertreiben?

Auf jeden Fall. Viele meiner Kollegen im Präsidium und im Senat sind an mich herangetreten und haben mir gesagt, was sie noch alles von mir erwarten. Das ist nicht wenig.

Was steht als nächstes an?

Wir sind in ganz vielen Bereichen unterwegs. Wer sind etwa gerade dabei, Berufungsverfahren so umzugestalten, dass sie schneller sind. Wir sind der Meinung, dass wir dadurch erfolgreicher und attraktiver werden. Außerdem wollen wir einige unserer Prozesse über Fakultäten hinweg vereinheitlichen. Wir wollen im Bereich Nachhaltigkeit noch mehr bewegen und haben hierzu eine Arbeitsgruppe gebildet. Auch wollen wir Studienbewerbern künftig schneller signalisieren, ob sie zugelassen sind. Hierfür lohnt es sich, sich weiter zu engagieren. Und ich freue mich, dass wir das zusammen tragen – in den Fakultäten, mit dem AStA. All das sind ja nicht bloß Ideen des Präsidiums, das haben wir uns gemeinsam vorgenommen.

Derzeit diskutiert die TU darüber, ob sie die Rechtsform einer Stiftung annehmen soll. Welchen Standpunkt vertreten Sie?

Ich glaube, dass man die Risiken und Chancen gründlich abwägen muss. Schlussendlich muss die Universität als Organisation darüber entscheiden. Denn die Konsequenzen beträfen ja ebenfalls die gesamte Organisation. Ich glaube, diese Diskussion braucht noch eine gewisse Zeit, so dass ich nicht sicher bin, ob wir bis zum Sommersemester, wie geplant, ein Ergebnis haben werden. Durch das Coronavirus wird sich der Prozess zusätzlich verzögern.

Die TU wird sich ja jetzt zügig auf die Suche nach Ihre Nachfolge begeben. Welche Eigenschaften braucht man aus Ihrer Erfahrung für dieses Amt?

Man braucht viel Freude daran, eine Organisation zu entwickeln. An der TU findet man ein super Umfeld vor – mit tollen Kolleginnen und Kollegen, mit tollen Studierenden, mit Menschen jeder Art. Die TU ist wichtig in der Region. Man engagiert sich füreinander. Und wenn man all das zu schätzen weiß – das tue ich – ist es einfach ein Traumjob. Ich denke, das wird auch für meinen Nachfolger oder Nachfolgerin so sein.

Die entscheidende Qualifikation ist, Leute zusammen zu bringen?

Ja. Es ist ein Amt, in dem man gemeinsam mit anderen eine Menge gestalten kann. Man sieht jeden Tag viele verschiedene Menschen. Mir macht das einen Riesenspaß. Schon in den wenigen Tagen seit der Coronakrise merke ich, dass mir etwas fehlt. Dass wir jetzt alle auf Sicherheitsabstand gehen müssen und ich weniger Leute persönlich treffe, nimmt dem Amt schon ein bisschen von seinem Charme. (lacht) Aber auch das wird sicher wieder besser. Auch im Kommunizieren über digitale Medien lernen wir in diesen Tagen ja ständig hinzu.

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