Klimaserie: Die Luftqualität in der Region hat sich verbessert

Braunschweig.  Eine erfreuliche Tendenz gebe es bei vielen Schadstoffen, meint der Experte. Gemessen werden die Immissionen.

Eine Mooswand an der Hans-Sommer-Straße in Braunschweig.

Eine Mooswand an der Hans-Sommer-Straße in Braunschweig.

Foto: Andreas Eberhard

Alle reden über Emissionen. Aber wenn es um die Luftqualität geht, zählen die Immissionen. Geht es bei ersteren um den Ausstoß von Schadstoffen, also das, was hinten rauskommt, so beschreiben die Immissionen den Eintrag – also das, was in der Luft landet. Hier zeigen die Messergebnisse eine sichtbare Verbesserung der Luftqualität in unserer Region.

Deutlich sei das etwa beim Feinstaub, erklärt Prof. Stephan Weber, Leiter der Arbeitsgruppe Klimatologie und Umweltmeteorologie am Institut für Geoökologie der TU Braunschweig. Wurde in Hannover 2003 noch an 130 Tagen im Jahr der kritische Wert von 50 Mikrogramm Feinstaubpartikeln pro Kubikmeter Luft überschritten, so lag 2018 Osnabrück vorn – allerdings mit nur noch 10 Überschreitungstagen. Der erlaubte Grenzwert liegt bei 35 Tagen im Jahr. Er wurde 2018 deutschlandweit nur an einem industrienahen Standort in Nordrhein-Westfalen überschritten.

Diese erfreuliche Tendenz sehe man bei den meisten Schadstoffen, sagt Weber. Die Luftverschmutzung mit Schwefeldioxid (SO2) ist dank veränderter Produktionsprozesse und durch Filteranlagen fast komplett aus der Luft verschwunden. „Der SO2-Wert ist in den letzten 20 bis 30 Jahren so unspektakulär geworden, dass wir mit unseren Messgeräten am Rande der Nachweisgrenze sind“, erklärt Dr. Andreas Hainsch vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim, das die Luftwerte in Niedersachsen durchgängig nach festen Regeln über­wacht.

Für den meisten Gesprächsstoff sorgt heute die Luftbelastung mit Stickstoffdioxid (NO2). Die Ursache: Laut Umweltbundesamt messen hier heute immer noch knapp 40 Prozent der deutschen Messstationen einen Jahresmittelwert, der über den erlaubten 40 Mi-krogramm pro Kubikmeter liegt. In Niedersachsen haben 2018 sechs der 16 verkehrsnahen Messstationen diesen Grenzwert gerissen – allerdings keine in unserer Region. Die höchste NO2-Belastung weist hier die Messstelle an der Bürgerstraße in Göttingen aus: 37 Mikrogramm pro Kubikmeter – knapp unter dem Grenzwert. Die Hauptursache dafür, dass die NO2-Werte nicht so stark zurückgehen wie die anderer Schadstoffe, sieht Weber in der gestiegenen Zahl der Dieselfahrzeuge in Deutschland.

„Über Grenzwerte kann man streiten“

Über Grenzwerte – nicht nur bei den Stickoxiden – könne man trefflich streiten, sagt Weber: „Ist überm Grenzwert alles schlecht und drunter alles gut?“ Diese Diskussion hält er für verfehlt. Einen allgemeingültigen medizinischen Grenzwert könne es ohnehin nicht geben. „Aber klar sein muss: Je weiter wir die Luftqualität verbessern, desto besser. Ich fasse mich an den Kopf, wenn wir darüber streiten, wo die Messstationen stehen. Die Standorte sind akribisch ausgewählt.“

Wie sich Luftschadstoffe regional und lokal verteilen, hängt von mehreren Faktoren ab. An erster Stelle nennt der Stadtklimatologe Weber die Faustregel: „Je weiter wir uns von den Schadstoff-Quellen entfernen, desto stärker nimmt die Belastung ab.“ Erst an zweiter Stelle komme das Wetter zum Tragen: „Höhere Windgeschwindigkeiten führen zur Verdünnung der Spurenstoffe.“ In Braunschweig etwa sei die Luftqualität auch deshalb vernünftig, weil die Stadt gut durchlüftet sei.

Verkehr produziert Schadstoffe

Auch zum Stadt-Land-Gefälle äußert er sich: „Da der Verkehr für die größten Schadstoff-Einträge sorgt, ist die Luftqualität vor allem ein städtisches Problem.“ Zwar emittierten etwa auch Tiermastanlagen Schadstoffe – vor allem Ammoniak, das sich in der Atmosphäre zu Partikeln wandele – mit verkehrsnahen Standorten sei die Belastung kaum vergleichbar.

Was hält Weber von den Mooswänden, die im Frühjahr 2019 an zwei Standorten in Braunschweig aufgestellt worden sind, um Ruß, CO2 und Feinstaub aus der Luft zu binden? Außerdem sollen sie, wie es auf der Stadt-Webseite heißt, den „Klimaschutz plakativ in den Fokus“ rücken. Weber, der das zu 80 Prozent vom Bund, zum Rest von der Stadt finanzierte Projekt wissenschaftlich begleitet, hält sich relativ bedeckt: Die Daten seien noch nicht ausgewertet. Dann sagt er aber doch diplomatisch: „Es sind wahrscheinlich sehr lokale Verbesserungen der Luft zu erwarten.“

Mit Blick auf den Klimawandel plädiert Weber dafür, die Luftqualität zunächst getrennt davon zu betrachten. Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft etwa habe mit der Luftqualität nichts zu tun. Das Treibhausgas sei kein Schadstoff. Es wirke sich zwar aufs Klima, aber nicht auf unsere Gesundheit aus. „Trotzdem gibt es Schnittmengen“, betont er: „Ruß etwa ist sowohl ein Schadstoff als auch treibhauswirksam. Deswegen schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn wir Luftqualität und Klima zusammendenken.“ Für die Lösung beider Fragen – Klima und Luftqualität – müsse man „emissionsseitig ansetzen“. Das bedeute, so Weber: „Fortschritte bei der Energie- und der Verkehrswende sind jetzt das Wichtigste.“

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