Auf das Lernverhalten des Rudels kommt es an

Hannover.  Niedersachsens Umweltministerium hofft, mit dem geplanten Abschuss eines Leitwolfs bei Nienburg das Risiko von Nutztierschäden zu verringern.

Ein Wolfsrudel in Deutschland: Reicht die Tötung des Leitwolfs, um problematisches Verhalten der Tiere in den Griff zu bekommen?

Ein Wolfsrudel in Deutschland: Reicht die Tötung des Leitwolfs, um problematisches Verhalten der Tiere in den Griff zu bekommen?

Foto: imago stock / imago/blickwinkel

Es ist völliger Schwachsinn, den Leitwolf abzuschießen. Er wird sofort durch einen Nachfolger ersetzt. Auch dieser wird für die Ernährung seines Rudels sorgen. Das Leugnen von Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung ist in Politikerkreisen sehr weit verbreitet.

Dies schreibt Jürgen Winter auf unseren Facebook-Seiten.

Zum Thema recherchierte Andreas Eberhard

Der Leitwolf ist tot, es lebe der Leitwolf: Unser Leser bezweifelt, dass sich durch die „Entnahme“ eines Alpharüden, wie dessen Abschuss im Bürokratiedeutsch heißt, das problematische Verhalten eines Rudels ändert. Hintergrund seiner Wortmeldung auf unseren Facebook-Seiten ist die Entscheidung des Niedersächsischen Umweltministeriums, den Wolf mit der Benennung GW717m töten zu lassen. Derzeit ruhe jedoch die Entscheidung zum Abschuss bis das Oldenburger Verwaltungsgericht einen Widerspruch des „Freundeskreises freilebender Wölfe“ geprüft habe, hieß es am Abend aus Hannover. Das Tier hat nach Angaben des Ministeriums in der Gegend um Nienburg an der Weser rund 40 Nutztiere gerissen, darunter sogar ein rund 200 Kilo schweres junges Pferd. „Wir haben festgestellt, dass dieser besondere Wolf offenbar erlernt hat, wolfsabweisende Weidezäune zu überwinden und selbst größere Nutztierarten zu reißen. Das ist ein unübliches Verhalten“, erklärt Lotta Cordes, Pressesprecherin des Umweltministeriums auf Nachfrage unserer Zeitung.

Das Ministerium in Hannover hofft, mit der „Entnahme“ des Wolfs werde sich das Risiko künftiger Nutztierschäden durch das „Rodewalder Rudel“, wie die Nienburger Gruppe genannt wird, deutlich verringern. Dem Vorwurf des Lesers, das Ministerium nehme die wissenschaftliche Forschung nicht zur Kenntnis, tritt Cordes entgegen. Zwar gebe es, kaum Forschungsarbeiten darüber, wie sich die „Entnahme“ bestimmter Wölfe auf das Verhalten des Rudels auswirke. Aussagekräftige Studien zum Thema mit Bezug auf Wölfe in Deutschland seien dem Ministerium nicht bekannt. Gestützt auf eine internationale Übersichtsstudie, die unserer Redaktion vorliegt, kommt das Ministerium aber zu dem Schluss: Je schneller der Jagdkünstler GW717m geschossen wird, desto höher die Chance, dass er seine außergewöhnlichen Jagdkenntnisse nicht an andere Tiere seines Rudels weitergibt.

Professor Ulrich Joger, Biologe und Direktor des Naturhistorischen Museums in Braunschweig, kann diesen Grundgedanken aus dem Umweltministerium nachvollziehen. „Wölfe lernen sehr schnell“, sagt er, „entscheidend ist: Hat der Rüde seine erlernten Fähigkeiten vielleicht schon an seine Nachkommen weitergegeben?“ Um diese Frage zu beurteilen, sei es notwendig, das Verhalten des Rudels genau unter die Lupe zu nehmen. Dank der in vielen Landkreisen eingesetzten Wolfsberater sei dies „durchaus vielfach der Fall“, so Joger.

Aber nicht nur auf das Lernverhalten des Wolfs-Nachwuchses kommt es laut Joger an: „Die Frage ist, ob das Weibchen des Leitwolfs dessen Verhalten vielleicht auch schon beherrscht. Vermutlich ist es immer dabei gewesen, wenn die Nutztiere gerissen wurden.“

Anders als landläufig angenommen werde, stehe nicht nur ein männlicher Leitwolf an der Spitze eines Rudels, sondern ein Pärchen. Und im Zweifelsfalle könne auch das Weibchen das außergewöhnliche Jagdverhalten an andere Tiere des Rudels, etwa den neuen Leitwolf, weitergeben.

Den Abschuss von GW717m hält auch Ulrich Joger für geboten – gerade weil er die Rückkehr des Wolfs in Niedersachsen grundsätzlich begrüßt. Zur Beruhigung der Nutztierhalter sei es sinnvoll, solche auffälligen Wölfe abzuschießen. „Es muss aber klar sein, dass das die Ausnahme bleibt“, betont der Biologe.

Die größte Herausforderung beim Artenschutz für den Wolf bestehe darin – da sind sich das Niedersächsische Umweltministerium und der Braunschweiger Professor einig – die Akzeptanz in der Bevölkerung auf dem Lande auf Dauer zu sichern.

„Und das bedeutet unter Umständen auch, einzelne Tiere mit problematischem Verhalten zu entnehmen“, sagt Pressesprecherin Cordes: „Um die Art Wolf zu schützen, ist es also manchmal auch notwendig, einzelne Tiere zu töten.“

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