Bürgermeisterin von Ehra-Lessien mag nicht mehr

Ehra-Lessien  Jenny Reissig war die „Merkel von Ehra-Lessien“. Sie setzte sich für Flüchtlinge ein, zieht sich nach der Wahlniederlage jedoch zurück.

Ein Leser, der sich „Ulrich Vo“ nennt, schreibt auf den Facebook-Seiten unserer Zeitung

Hut ab vor dieser Frau. Es macht Mut, dass es Menschen gibt , die auch dann zu ihrer Meinung stehen, wenn es unbequem wird.

Zu dem Thema recherchierte Geraldine Oetken

„Wenn ich das stille Hausmütterchen gespielt hätte, wäre ich bestimmt nicht mehr so glücklich verheiratet .“
Jenny Reissig, Bürgermeisterin von Ehra-Lessien

Die Bürgermeisterin sammelt sich kurz. Die Noch-Bürgermeisterin, muss man sagen. Denn bei der Kommunalwahl von Ehra-Lessien verlor sie mit der SPD die Mehrheit im Rat. Sie, Jenny Reissig, 15 Jahre Bürgermeisterin der Gemeinde Ehra-Lessien. Freiwillig lehnte sie nun ihr Mandat ab, verabschiedet sich grundsätzlich aus der Kommunalpolitik. „Wenn die Zeit für irgendwas vorbei ist, dann mache ich einen Strich drunter. Das habe ich immer so gemacht“, sagt Reissig bestimmt.

Ehra-Lessien, das mag nicht jeder kennen. Vorbei am VW-Werk und dann zwei Dörfer weiter. 20 Minuten von Wolfsburg entfernt, reihen sich die Backstein-Fassaden Ehra-Lessiens am Knick der B 248 aneinander. Die 1600-Seelen-Gemeinde besteht aus zwei Dörfern. Das etwas größere, ältere Ehra im Westen und das kleine, jüngere Lessien im Osten. Dazwischen ein Kilometer Acker, Felder und eine Tierarztpraxis. Einen Menschen-Arzt gibt es nur noch aushilfsweise. Wer hier lebt, arbeitet in der Regel im Werk, auf der Teststrecke nördlich vom Dorf. Früher womöglich auch in der Kaserne. 2013 wurde die geschlossen.

Vor einem Jahr sagte Merkel „Wir schaffen das“, und die Grenzen blieben für Flüchtlinge offen. Die Bürgermeisterin hat es sich nicht ausgesucht, aber das Land hat die alte Kaserne als neue Flüchtlingsunterkunft auserkoren. In die Baracken hinter den letzten Vorgärten mit Deutschlandfähnchen von Lessien zogen nun Flüchtlinge ein.

Ein Wochenende hatte die Gemeinde, um sich vorzubereiten. Die Busse kamen, im November trafen zwischenzeitlich 800 Flüchtlinge auf 400 Einwohner im Lessiener Dorf. Damit hat sich alles verändert. Das Dorf sollte nun selbst ein zweites beherbergen.

Zwischen Lessien und dem Niemandsland liegt die Kaserne. 22 000 Hektar mit Nadelbäumen, mit flachen, orangefarbenen Hütten, dazwischen ordentliche, rechteckige Rasenflächen. Obwohl dahinter die Autos von VW testweise um Kurven rasen, ist es am Besuchstag im Nieselregen erstaunlich ruhig. Vorne steht der Wachdienst, eine Abbiegung dahinter die Feuerwehr.

Als die Flüchtlinge kommen sollten, bat die Bürgermeisterin ihr Dorf um Unterstützung. In jeden Briefkasten warf sie einen Hilfeaufruf. Und drei Tage später standen 180 Helfer vor den Kasernentoren bereit, um anzupacken, einige von außerhalb. Im Dorf aber waren nicht alle begeistert.

Reissig setzte das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin um, im Kleinen, in ihrem Dorf. Zeitungen und Fernsehen berichteten überregional über das „Dorf der Wunder“ auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs. Sie bekam von unserer Zeitung den „Gemeinsam-Preis“ für ihr ehrenamtliches Engagement. Auch der eingangs zitierte Leser honoriert den Mut von Jenny Reissig. Sie macht auf ihn den Eindruck einer Frau, die zu ihren Prinzipien steht. Auch bei Gegenwind.

Aus der Kaserne ist der letzte Flüchtling bereits am 7. Juli ausgezogen. Der Bund wollte die Geflüchteten lieber mehr in einzelnen Wohnungen bringen. Nur zwei Hausmeister und der Wachdienst halten noch die Stellung. Falls wieder ein großer Zustrom kommt. Jetzt leben nur noch 45 Flüchtlinge in Wohnungen im Dorf. Mit ihrem neuen Förderverein kümmert sich Jenny Reissig auch um die.

Das Wahlergebnis als Strafe für Merkels „Wir schaffen das“?

Haben die Bürger die Ehranerin Jenny Reissig nun bei den Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag für ihr Engagement abgestraft? In Ehra-Lessien standen nur zwei Parteien zur Wahl, SPD und CDU. Zwei Drittel der Lessiener haben gegen ihre SPD gestimmt und für die Christdemokraten. Und auch, wenn die Hälfte der Ehraner noch zur ihr gehalten haben, verlor sie auch hier fünf Prozent der Stimmen. Jetzt sitzen im Rat fünf Sozialdemokraten sechs CDU-Räten gegenüber.

Jenny Reissig wird künftig nicht mehr dabei sein. Sie sitzt nun auf ihrer Terrasse knapp eine Woche nach der Wahl, weil aus ihrem „geht nicht gibt’s nicht“ ein schneller, freiwilliger Rückzug wurde. „Ich wollte nicht als Bürgermeisterin die Politik derer machen, die mich nicht gewählt haben“, sagt Reissig zu ihrem Entschluss. Sie zieht ihren roten Schal zurecht und sagt, sie gehe ohne Groll.

Ihr Nachfolger wird Jörg Böse sein, von der CDU und aus Lessien. Ihren Nachfolger nennt die Noch-Bürgermeisterin freundlich „den Jörg“. Zumindest die parteilichen Fronten scheinen im Dorf nicht verhärtet zu sein. Und auch Böse sagt unserer Zeitung, dass er die Politik Reissigs weiterführen wolle. Folglich strebt er keinen kompletten Kurswechsel an. Auch im Wahlkampf habe er laut Reissig nicht dafür geworben. „Eigentlich gab es gar keinen Wahlkampf“, sagt sie. Dennoch entschied sich die Mehrheit der Wähler für die CDU. Und dafür sieht die scheidende Bürgermeisterin drei Gründe.

Als erstes war da der Ausbau der A 39. Die sollte genau zwischen die beiden Dörfer gelegt werden über die Felder und Äcker. „Die Autobahn war gar nicht meine Idee, das kam vom Land. Aber als Bürgermeisterin muss ich das dann umsetzen und kann nicht einfach dagegen sein“, sagt Reissig. Das hat sie 2011 schon viele Stimmen gekostet, doch die Mehrheit im Rat behielt sie.

Als zweiten Grund nennt sie den in den Medien viel besprochenen Rechtsruck in der Gesellschaft, gerade bei der Jugend. „Die jungen Menschen kennen keine Krisen mehr“, sagt sie. Anders als ihre Generation, sagt die 62-Jährige, die es gekannt habe, dass in ihrem Wolfsburger Zuhause nur einmal in der Woche Fleisch auf dem Tisch stehen könne. Und das habe sie geprägt. Wenn nun Fremde kämen, die Hilfe bräuchten, „hat die Jugend mehr Angst und will nicht abgeben, weil sie nie teilen lernen musste“.

Wenn Reissig redet, sprechen immer ihre Hände mit. Mal sind sie zur Faust geballt, mal klopfen sie symbolisch auf die eigene Schulter. Aber meist haut eine Handkante auf die andere Handfläche, um eine These zu unterstreichen. Dabei lehnt sich Reissig nach vorn, aus dem Gartenstuhl heraus und spricht über den dritten Grund, jetzt endlich: die Flüchtlingsunterkunft im Dorf. Reissig sagt, sie denke nicht lange nach, sie handele sofort. So schufen die vielen hundert Helfer, was gebraucht wurde, einen Kindergarten, eine Kantine. Sie sammelten Spenden, die ganze Häuser füllten. Ein Kiosk stand bereit, weil der nächste Supermarkt weit weg ist. Die anderen aus dem Dorf, die Angst hatten zu teilen, sollten die Flüchtlinge kennenlernen und sehen, dass die Sorgen meist unbegründet seien. Doch sie kamen nicht, sagt Reissig. „Das kann ich nicht ändern.“ Dort in Lessien, wo die Unterkunft stand, seien die Leute grundsätzlich etwas konservativer. „In Lessien haben bei der Kreiswahl 13 Prozent die AfD gewählt“, empört sich die Bürgermeisterin. Doch auch in Ehra haben 12 Prozent ihre Stimme der AfD gegeben.

Das „Wir“ der Helfer gegen das „Die“ der Gegner

Wenn Reissig spricht, gibt es oft ein „Die“ und ein „Wir“. „Die“ sind Bewohner, die gegen Flüchtlinge sind, oder das Land Niedersachsen, das Reissig zum Handeln zwingt. Das „Wir“ ist das Dorf mit denjenigen, die mithelfen. Bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit sei „die Vermittlung von Werten und Normen am wichtigsten. Wie wir hier ticken, müssen die kapieren“, sagt Reissig deutlich. 600 Freiwillige hat sie inzwischen mobilisieren können.

Seitdem die Unterkunft keine Flüchtlinge mehr beheimatet, kümmern sie sich in einer kleineren Zahl um die in der Region. Beim Ehrenamt gebe es verschiedene Arbeitstypen. Manche würden lieber im Hintergrund agieren, und das sei auch wichtig. Aber: „ich bin eine Frontfrau. Das ist meine Rolle“, sagt Reissig.

Vor der Flüchtlingswelle, erinnert sie sich, sei das ehrenamtliche Bürgermeisteramt für sie eine Art Halbtagsjob gewesen. „Dann aber habe ich mich den ganzen Tag um mein Dorf gekümmert“, sagt Reissig. Vor dem Amt hat sie bei einer Versicherung gearbeitet. Früher im Leben ist sie einmal Erzieherin gewesen. Ihr Mann Joachim habe ihr immer den Rücken freigehalten, der sei bei VW.

Anders als Bund und Länder spricht sich Reissig für Sammelunterkünfte statt einzelner Mietwohnung für Flüchtlinge aus. „Dort können die Leute nach ihrer Flucht zur Ruhe kommen“. Auch Integration falle in großen Unterkünften viel leichter. In den Wohnungen, die nun mitten im Dorf gemietet wurden, seien die Bewohner auf sich gestellt, ohne die Infrastruktur, die in der Lessiener Unterkunft gegeben war.

25 Jahre saß die Bürgermeisterin im Rat, 15 Jahre davon auf dem Chefsessel. Bei all dem Frust, der sich bei der langen Politik-Erfahrung auch angesammelt hat, will sie sich weiter ehrenamtlich engagieren, ohne politisches Mandat. „Eine Demokratie bringt nicht nur all die Rechte mit sich, sondern auch die Pflichten“, sagt Reissig. Und dazu gehöre, sich einzubringen. Schon ihre Mutter war Ratsfrau für die Sozialdemokraten in der Stadt Wolfsburg.

Für ihr Engagement wurde Reissig bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie freut sich darüber. Erwartet habe sie es nicht. Jetzt ist sie, die Frontfrau, wieder für den bundesweit ausgeschriebenen „Engagement-Preis“ nominiert. Wenn sie den Preis kriegt, will sie das Geld stiften und bittet alle Bekannten für sie auf der Internetseite abzustimmen. Vor der großen Frontfrau der Republik, der Merkel, hat Jenny Reissig Hochachtung. „Bei ihrer Entscheidung zur Flüchtlingspolitik stehe ich voll neben ihr. Da ist es mir egal, von welcher Partei sie ist“. Die erste Reihe im Dorf nun wieder zu verlassen, war Reissigs eigene Entscheidung. Wann Schluss ist, sollten nicht andere entscheiden. Das macht Jenny Reissig lieber selbst.

Dieser Text wurde mit dem ersten Platz bei der Verleihung des Eckensberger-Preises 2017 ausgezeichnet.

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