Braunschweigs Staatsorchester gibt Abschied und Aufbruch Klang

Braunschweig.  Das Staatsorchester Braunschweig spielt in der Stadthalle einen nostalgischen Schreker und einen vorwärtsgewandten Beethoven.

Das Staatsorchester Braunschweig in der Stadthalle. So üppig war es diesmal coronabedingt nicht besetzt.

Das Staatsorchester Braunschweig in der Stadthalle. So üppig war es diesmal coronabedingt nicht besetzt.

Foto: Peter Sierigk

So düster und verzweifelt Beethoven auch oft war, seinen unerschütterlichen Humanismus verstand er immer wieder in beglückende Musik zubringen. Mochten in der 5. Sinfonie Schicksalsschläge donnern, das 4. Klavierkonzert ist ein einziger Sonnenaufgang.

Die einleitenden solistischen Töne am Klavier sind ein erstes zartes Regen, das von den Streichern ebenso zaghaft aufgenommen wird, bevor mit den Bläsern die Bewegung an Fahrt aufnimmt und in vollem Klang der Tag anbricht. Srba Dinic hätte das Staatsorchester an diesem Morgen in Braunschweigs Stadthalle sogar noch stärker strahlen lassen dürfen. Hier bricht auch die Hoffnung auf ein menschenfreundlicheres Zeitalter durch.

Optimistischer Tagesanbruch bei Beethoven

Gut passt Martina Filjaks sehr klare Auffassung des Klavierparts dazu mit ihren hellen schnellen Läufen, kurzer Pranke und freundlichem Klingeln, dem das Orchester leise nachfragt. Auch die Kadenz ist ein virtuoses Streben zum Licht, ein revolutionäres Anrennen mehr denn gefühlsweilendes Ringen, aufgelöst dann in zarter Befriedung, in die sich das Orchester wieder eingesellt.

Aber die neue Zeit ist noch nicht gesichert. Die dunklen Streicher des Andante sollen Orpheus’ Hölle sein, sie sind jedenfalls die Kräfte der Beharrung, die auch den Klavierpart als Stimme des rettenden Sängers bedrücken. Einsam buchstabiert Filjak die Töne, betont langsam entwickelt sie ihre träumerische Melodie von der neuen Achtsamkeit, mündend in weiche, traurige Akkorde, die das Orchester düster hinterfängt. Wunderbar filigran spinnt Dinic mit den Musikern diese gespenstische Spannung aus.

Aber Beethoven duldet keine Rückwärtsgewandtheit, unternehmungslustig springt das Klavier los, Pauken und Trompeten markieren den festlichen Aufbruch, mit beglückenden Gefühlen beginnen Tag und neue Zeit.

Schwelgerische Abendstimmung bei Schreker

Vorangegangen war Franz Schrekers Kammersinfonie von 1916, ein strausshaft weilendes Klangbild, dem der optimistische Impetus gänzlich fehlt. Ein wunderschönes Endzeitstück, wogendes Abschiednehmen, in dem chromatische Sehnsucht, tänzerische Nostalgie und endgültiges Veratmen einander ablösen. Dinic als Klangmaler ist da in seinem Element, zaubert aus den Detailstrukturen der kleinen Orchesterbesetzung mit Perkussion ein üppiges Tableau. Da hätten wir gern noch im Kontrast Schönbergs Kammersinfonie gehört. Aber auch Beethovens Morgentau war nach dieser schwelgerischen Abendstimmung ein Befreiungsschlag.

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