Anja Silja singt mit 80 in Hamburger Staatsoper Schönberg

Hamburg.  Hamburgs Staatsoper holt exzellente Singdarstellerinnen für Schönbergs „Pierrot lunaire“, lässt aber nebenher einen Film laufen, der ablenkt.

Die 80-jährige Sopranistin Anja Silja spricht Texte des „Pierrot Lunaire“ an der Staatsoper Hamburg.

Die 80-jährige Sopranistin Anja Silja spricht Texte des „Pierrot Lunaire“ an der Staatsoper Hamburg.

Foto: Markus Scholz / dpa

In Albert Girauds symbolistischem Gedichtzyklus „Pierrot lunaire“ von 1884 reißen Mondlicht, Rosen, bleiche Blüten, Madonna, Dirne und Wäscherin einen zwischen Albtraum, Tod und Liebesverlangen changierenden Horizont auf. Das Werk speist sich aus dem blutigen Kaspertheater des Grand Guignol ebenso wie aus dem parfümierten Ästhetizismus des nahen Fin de Siècle. Durch Arnold Schönbergs atonale Vertonung ist es dem Surrealismus zugewachsen.

An der Staatsoper Hamburg übernehmen drei Sängerinnen unterschiedlichen Alters die Sprechrolle in Schönbergs „Pierrot lunaire“. Auf einer Treppe aus dem Orchestergraben ragen sie halb ins Bühnenbild, als meldeten sich die Stimmen Pierrots aus der Versunkenheit. Und das wäre auch völlig hinreichend als Installation gewesen, denn die Sängerinnen mit den streng zurückgekämmten Haaren, dem funkelnden Halsgeschmeide und dem schwarzen ärmellosen Kleid changieren so wunderbar zwischen Mondpriesterin und todeskündender Rhapsodin. Durch die Altersspanne bekommt das etwas von Nornen oder Parzen, die aus dem Untergrund Weltweisheiten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft raunen.

Dunkle Sprechstimme, Tonsprünge und exzellente Diktion

Und wenn man eine Anja Silja dabei hat, dann ist schon die Art der Textartikulation so spannend, dass man ihr dabei auch zusehen will. Die 80-Jährige, die einst ihre Karriere am Staatstheater Braunschweig begann, bringt immerhin jahrzehntelange Erfahrung aus Wagner-Partien, moderner Musik und der Regiearbeit von Wieland Wagner mit und weiß, wie man durch Worte einer Figur Präsenz gibt.

Die von Schönberg ausdrücklich nicht zum Singen, sondern Sprechen gedachte Notation der Stimme erfordert meist eine dunkel gefärbte Sprechlinie mit gelegentlich exaltierten Tonsprüngen nach oben. Anja Silja hat dafür die nötige Klangfülle, aber eben auch Diktion und wirkt noch mit weggesteckten Händen ausdrucksvoll. Nicole Chevalier und Marie-Dominique Ryckmans sind ebenfalls exzellent.

Animé-Figuren unterliegen im Autogewimmel

Die Altersdifferenzierung hätte man noch stärker nutzen können, aber der junge Luis August Krawen, der hier für die Regie verantwortlich zeichnete, war daran offenbar gar nicht interessiert. Stattdessen hat er einen Film produziert, der in Konkurrenz mit den Sängerinnen steht. Eine weniger gute Idee, nach den Monaten des Lockdowns mit ihrem ewigen Streaming, nun nicht auf die Live-Kräfte zu setzen, sondern bühnenbreit wiederum einen Film einzuspielen.

Krawen suggeriert darin eine Handlung mit Animé-Figuren. Der maskenhafte Pierrot erlebt dabei Naturräume wie Wald und Eisberge (mit Abbrüchen) in Konfrontation mit urbanen Science-Fiction-Welten aus Rolltreppen, Autogewimmel und Flugzeugen für die im Liedtext erwähnten „schwarzen Riesenfalter“. Die albtraumatischen Bedrohungen aus dem Text werden da doch etwas schlicht als Technik, Verstädterung und Naturzerstörung übersetzt. Nachdem das Auto an die Decke gekracht ist, fahren die Figuren mit dem Fährmann auf Böcklins Toteninsel zu, Pierrots Heimkehr im Lied ist also als Tod gedeutet, das passt schon eher. Insgesamt engt der Film die poetischen Textbilder zu sehr ein.

Kerstin Avemo spielt Poulencs „Menschliche Stimme“ wie Rocklady

Die Musiker unter Nicolas André wechseln nach den eher kargen Tönen Schönbergs vom Graben auf die Hinterbühne, wo sie nun das Show-Orchester für Francis Poulencs „Menschliche Stimme“ bilden. Tatsächlich benutzt die fabelhafte Kerstin Avemo das Telefon, an dem sie mit ihrem Ex spricht, zuweilen wie ein Mikro.

Gleich zu Beginn hat sie einen Hund erschossen, er mag ein Geschenk jenes Mannes gewesen sein, von dem sie loszukommen sucht. Intendant Georges Delnon als Regisseur arrangiert das wie eine One-Woman-Show, bei der sie sich auch mal die Leine umlegt unter den masochistisch ertragenen Demütigungen des noch immer zu sehr Geliebten.

Am Ende steht sie selbstbewusst am Mikro im Scheinwerfer licht: Diese Frau ist stark und inszeniert ihre Trennung wie Rocklady Madonna. So gelingt ein modernes Live-Minidram.

Wieder 23., 24. Oktober, 17., 21. November. Karten: (040) 356868.

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