Braunschweig. Auch viele andere Menschen in Braunschweig zeigen sich solidarisch. Die Griechische Gemeinde ruft ebenfalls zu Spenden auf.

Das unfassbare Ausmaß des schweren Erdbebens in der Türkei und Syrien wird immer deutlicher. Die türkische Gemeinde Braunschweigs bittet um Unterstützung in einer Zeit des unfassbaren Leids, aber auch der kleinen Wunder.

So ein kleines Wunder, wie es Hikmet Atasoy erlebte. Geboren einst in Hatay im Süden der Türkei. Tagelang war er in Sorge um seine beiden Schwestern, die Enkel und Urenkel. „Sie sind alle wohlauf“, sagt der Braunschweiger jetzt. „Was für ein Glück! Aber sie sind obdachlos.“ Im September erst sei er in Hatay gewesen. „Eine wunderschöne Stadt mit Moscheen, Kirchen und Synagogen. Einträchtig lebte man miteinander. Das Erdbeben ließ kaum etwas übrig.“

Atasoy gehörte zu denen, die den Opfern sofort mit Sachspenden halfen. Drei große Lieferwagen und Privatwagen brachten die Spenden nach Lehrte, von wo aus der Weitertransport ins Katastrophengebiet erfolgte. Mittlerweile zweifelt Atasoy daran, dass Sachspenden der richtige Weg der Hilfe sind: „Überwiegend hat es sich um Gebrauchtes gehandelt. Wird man die Hilfe-Konvois überhaupt in die Türkei lassen?“

Anil Kulaksiz, Schülersprecher am Martino-Katharineum in Braunschweig, hat die Spendenaktion initiiert. 
Anil Kulaksiz, Schülersprecher am Martino-Katharineum in Braunschweig, hat die Spendenaktion initiiert.  © Braunschweiger Zeitung | Bernward Comes

Braunschweiger Schüler organisieren Spendenaktion

Auch die Schülervertretung des Gymnasiums Martino-Katharineum organisiert zurzeit eine Spendenaktion und setzt dabei auf Sachspenden. Folgende Gegenstände würden benötigt: Verbandsmaterial, Hygieneartikel, Isomatten/Schlafsäcke, Zelte, Decken, Winterkleidung (alle Größen), Taschenlampen, Batterien, Babyartikel. Die Abgabe ist von Montag bis Freitag jeweils von 9.20 bis 9.40 und von 11.15 bis 11.35 am Martino-Katharineum in der Breiten Straße 3 möglich – außerdem Mittwoch und Freitag jeweils von 13.10 bis 14.30 Uhr.

Schülersprecher Anil Kulaksiz hat das Ganze angeschoben. „Ich hatte schon in der Nacht von meinen Verwandten in der Türkei von dem Erdbeben erfahren“, sagt er. Daraufhin habe er sich sofort mit der Schulleitung und der Schülervertretung zusammengesetzt und die Aktion geplant. Die Unterstützung durch Lehrkräfte, Eltern und Schüler sei riesig.

Johanna Rauschenfels, Schülersprecherin am Martino-Katharineum.
Johanna Rauschenfels, Schülersprecherin am Martino-Katharineum. © Braunschweiger Zeitung | Bernward Comes

Die Sachspenden werden ihm zufolge in der Schule gesammelt und nach cirka einer Woche per LKW in ein Großlager im Umkreis Braunschweig/Salzgitter/Hannover gebracht. Anschließend würden alle Spenden per Spedition in die Krisenregionen gebracht – direkt zu dortigen Hilfsorganisationen. So sei gewährleistet, dass die Hilfe wirklich schnell ankomme, sagt Anil Kulaksiz und betont, der Niedersächsische Integrationsrat sei in die Aktion involviert.

Das MK-Team ist auch im Austausch mit anderen Schulen. So gebe es bereits ähnliche Spendenaktionen an der Raabeschule und an der IGS Franzsches Feld, berichtet er. Die dort gesammelten Spenden kommen dann auch ins Lager des Martino-Katharineum im Keller der Schule und werden von dort aus weitergeleitet.

„Hilfe-Konvois stauen sich vor den großen Städten“

Ishak Demirbag vom Haus der Kulturen ruft mittlerweile dazu auf, Geld zu spenden. „Es sind 4500 Kilometer bis ins Erdbeben-Gebiet. Es kann Schwierigkeiten am Zoll geben. Zurzeit stauen sich auch die Hilfe-Konvois vor den großen Städten. Die Lastwagen kommen nicht durch, weil die Bergungsarbeiten noch laufen.“ Die Nachrichten aus der Türkei lassen ihm zufolge Schlimmstes befürchten: „Hochhäuser brachen wie Kartenhäuser zusammen. Die Zahl der Opfer wird wohl mehr als 100.000 betragen. Die Helfer haben bislang noch nicht die Dörfer erreicht.“

Spenden könnten zum Beispiel an das Deutsche Rote Kreuz, an den Türkischen Halbmond, die staatliche Katastrophenschutzbehörde AFAD der Türkei oder den Hilfeverein AHBAP türkischer Künstler gehen, rät er. Düster meint Demirbag: „Aus dem schweren Erdbeben 1999, das fast 20.000 Opfer forderte, wurden keine Lehren gezogen.“

Braunschweiger Rast-Orchester hilft Verwandten

6000 Euro hat mittlerweile Fahriye Oguz gesammelt und überwiesen. Sie gehört zum Rast-Orchester, das sonntags in der Brunsviga probt. „Wir wussten bereits Stunden nach dem Beben, wie verheerend das Ausmaß ist.“ Orchester-Mitglieder, aber auch Sportler und Mitglieder vom ehemaligen Türkischen SV hätten gespendet.

„Verwandte von Orchester-Mitgliedern leben in der Nähe des Erdbeben-Gebiets“, sagt sie. „Per Paypal haben wir ihnen das Geld überwiesen, damit sie Überlebenswichtiges kaufen und verteilen.“ Lebensmittel, Decken und Gasflaschen, um Kochen zu können. „Auch Wasser. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen.“ Überall Notunterkünfte: „Zelte, Moscheen, Schulen, Hotels. Selbst in den Resten von Parkhäusern wird bei Frost übernachtet.“

Emin (links) und Abdullah Akin, die beiden Chefs der Bäckerei Akin in Braunschweig (Archivfoto).
Emin (links) und Abdullah Akin, die beiden Chefs der Bäckerei Akin in Braunschweig (Archivfoto). © Henning Thobaben

Braunschweiger Bäckerei Akin spendet mehr als 4000 Euro

Emin Akin hat mittlerweile 4500 Euro gesammelt: Tageseinnahmen seiner Bäckerei am Bruchtorwall und Spenden von Kunden. „Wir werden die Spenden streuen“, kündigt er an. „Ein Teil wird der Türkische Halbmond erhalten. Ein anderer Teil geht an die Türkisch-Kurdische Gemeinde Hannover. Vertreter werden am Wochenende im Erdbeben-Gebiet sein.“

Akin steht mit seinem Onkel in Verbindung, der zu den Rettungskräften in Adiyaman gehört: „Freitagmorgen berichtete er, dass sie drei Verschüttete lebend bergen konnten. Fünf Tage nach dem Beben. Ein Wunder!“ Akin berichtet aber auch von der Verzweiflung der Helfer: „Die schaffen das nicht. Die Aufgabe ist zu groß, weil die Katastrophe zu groß ist. Hilfe konzentriert sich zurzeit auf die Großstädte, weil man dort mehr Menschen retten kann. Auf den Dörfern ist noch niemand.“ Seine Befürchtung: „In zwei Wochen erlahmt die Spendenbereitschaft. Wer hilft dann den Erdbeben-Opfern?“

Georgios Tatsis ist Vorsitzender der Griechischen Gemeinde in Braunschweig.
Georgios Tatsis ist Vorsitzender der Griechischen Gemeinde in Braunschweig. © Bernward Comes

Griechische Gemeinde in Braunschweig ruft zu Spenden auf

Griechenlands Regierung hat trotz politischer Spannungen mit der Türkei zwei Flugzeuge mit Rettungskräften ins Katastrophengebiet geschickt. Braunschweigs griechische Gemeinde ruft ebenfalls zu Spenden auf. Vorsitzender Georgios Tatsis sagt: „Ich hatte 1978 das schwere Erdbeben in Thessaloniki erlebt. Das Beben in der Türkei war weit, weit schwerer – eine unfassbare Katastrophe.“ Tatsis meint: „Private Spender oder der türkische Staat sind überfordert.“ Große internationale Anstrengungen für den Wiederaufbau würden nun nötig werden. „Dennoch werden wir uns auf Flüchtlinge einstellen müssen.“

Verzweifelte Lage in Syrien

Das meint auch Sadiqu Al-Mousllie. Der Braunschweiger ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Niedersachsen und hat Wurzeln in Syrien. „Was in Syrien geschieht, ist mehr als eine Katastrophe.“ Er berichtet von Videos aus dem Katastrophengebiet: „Die sind so unerträglich, dass man sie sich nicht bis zum Ende anschauen will. Es gibt dort kaum Bergungsgeräte. Helfer und Angehörige können mit Verschütteten sprechen, aber sie nicht befreien. Es herrscht völlige Verzweiflung.“ Die Reste der Krankenhaus-Infrastruktur im Bürgerkriegsgebiet seien nun auch zerstört. Verletzte könnten nicht mit wirklicher Hilfe rechnen.

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„Einen Grenzübergang zur Türkei gibt es dort zwar“, berichtet Al-Mousllie. „Doch der ist nutzlos, weil die Verbindungsstraßen ins Erdbebengebiet zerstört sind. Die Opfer lassen sich nur über eine Luftbrücke versorgen.“ In Aleppo seien mittlerweile Hilfsgüter aus Algerien, Ägypten und den Emiraten eingetroffen. „Sie werden bislang nicht verteilt. Das Assad-Regime macht zur Bedingung, dass zuvor internationale Sanktionen gegen Syrien aufgehoben werden.“ Al-Mousllies Befürchtung ist: „Die Menschen im syrischen Erdbebengebiet werden keinerlei Hilfe erhalten.“ Viele von ihnen seien Bürgerkriegsflüchtlinge, „die nun auch noch das Wenige verloren haben, das sie noch hatten“.

So können Sie auch helfen – Beispiele

Caritas Flüchtlingshilfe Essen Konto: DE45 3606 0295 0000 1026 28, Bank im Bistum Essen, Stichwort: Erdbeben

aktion-deutschland-hilft.de (Johanniter, Malteser, ASB u. a.), Spendenkonto DE62 3702 0500 0000 1020 30

entwicklung-hilft.de (Brot für die Welt, Misereor, Oxfam u. a.), Konto DE29 100 20 5000 100 20 5000

aktionsbuendnis-katastrophenhilfe.de (DRK, Diakonie, Unicef u. a.), Konto DE65 100 400 600 100 400 600

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