Der erfolgreiche Braunschweiger Hirnforscher Martin Korte erklärt, wie richtiges Brainstorming funktioniert.

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Gesichter auf Kacheln an Bildschirmen im Homeoffice war lange Zeit die einzige menschliche Interaktion, die viele von uns zu Gesicht bekamen. Doch nun werden Besprechungen wieder in realen Gruppen in realen Büros am Arbeitsplatz oder auf Konferenzen durchgeführt. Wenn es hierbei kreative Probleme zu lösen gibt, kommt natürlich das Gehirn ins Spiel, manchmal sogar namensgebend in Form des „Brainstormings“. Allerdings beschwört das Wort bei vielen eine Vision der Meeting-Hölle herauf. Klanglich ist es, als würde jemand sagen: „Schmeißt doch mal den Gehirnwellen-Grill an“. Es ist, als wenn man den Satz „Lasst uns ein Brainstorming-Meeting machen, das ist immer eine gute Idee“ hört und sich fragt: „Wie konnte dann diese Besprechung hier geplant werden?....“ Dennoch gibt es Brainstorming, und zwar aus guten Gründen und es ist als ‚real Live-Event‘ vielleicht ja besser als wieder mal der verzweifelte Versuch herauszufinden, wo der Mauszeiger der anderen auf einem digitalen Whiteboard geblieben ist.

Vor allem aber ist die Idee, reflektierend und mit einem kreativen Ansatz über komplexe Arbeitsabläufe und Produktprobleme nachzudenken wichtig, denn der normale Arbeitsalltag lässt in all seiner Routine und dringendem Tagesgeschäft den Mitarbeitern nur wenig Zeit dafür. Eine Gruppe von Menschen zusammenzubringen, ist eine Gelegenheit, unterschiedliche Standpunkte schnell und unkompliziert auszutauschen. Neue Ideen auf effiziente Weise zu produzieren, zu filtern und auszuwählen ist ein verlockendes Unterfangen.

Verschiedene Ideen in verschiedenen Phasen

Warum aber ist das Brainstorming dann oft so mühsam? Ein Problem besteht wohl darin, dass beim Brainstorming ein Gleichgewicht zwischen einer Reihe konkurrierender Erfordernisse gefunden werden muss. Ein Spannungsverhältnis besteht zwischen Kreativität und Machbarkeit. Ein Brainstorming soll eine Befreiung sein, eine Chance, unkonventionelle Fragen zu stellen (zum Beispiel „Wäre es nicht toll, wenn Menschen Fledermausohren hätten?“). Aber es soll auch Vorschläge hervorbringen, die tatsächlich in die Realität umgesetzt werden können, was eine eher pragmatische Denkweise erfordert (wie: „Wovon reden Sie? Wir arbeiten bei einer Reisekostenabteilung.“).

Untersuchungen aus dem Jahr 2017 haben ergeben, dass in verschiedenen Phasen eines Brainstormings unterschiedliche Arten von Ideen entstehen. Die praktikabelsten Vorschläge wurden zu Beginn der Brainstorming-Sitzungen generiert, vermutlich, weil sie auch nahe liegender waren, und die originellsten Ideen kamen meist eher später. Bei beiden Arten von Vorschlägen besteht die Gefahr, dass die Teilnehmer mit einem „Was soll das?“ reagieren: In kleinen, inkrementellen Schritten in Zeitlupe vorankommen ist wenig aufregend, aber oft führen wilde Pläne eben zu nichts Produktivem.

Spannung zwischen Hierarchieebenen

Eine zweite Spannung besteht zwischen verschiedenen Hierarchieebenen. Brainstorming ist von Natur aus ein Insider-Thema. Jemand muss die Sitzung organisieren, und diese Person ist oft der Manager eines Teams. Wenn die Entscheidungsträger nicht anwesend sind, wird der Verdacht aufkommen, dass Zeit verschwendet wird. Wenn sie anwesend sind, setzen sich Hierarchien leicht durch: Gute Ideen können mit einem Stirnrunzeln des Chefs verwelken, schlechte mit einem Nicken überleben. Ein verwandtes Problem ist die Anwesenheit von Außenstehenden. Die Versuchung ist natürlich groß, immer wieder dieselben leitenden Mitarbeiter eines Unternehmens für die Entwicklung von Ideen heranzuziehen: Das sind diejenigen, die die Dinge in die Hand nehmen und die Strategie des Unternehmens verstehen. Zahlreiche Untersuchungen legen jedoch nahe, dass Außenstehende eine neue und wichtige Perspektive einbringen. Das können Leute aus verwandten Branchen sein: In einem Experiment hierzu wurden Zimmerleute, Dachdecker und Rollerblader gefragt, wie man die Sicherheitsausrüstung in all ihren Bereichen verbessern könnte, und die meisten neuen Ideen kamen von Leuten, die nicht in dem betreffenden Bereich tätig waren. Es könnten aber auch Mitarbeiter des mittleren Managements oder der ersten Reihe sein, die direkten Kontakt zu den Kunden haben, die neue Ideen beisteuern.

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Ein drittes Gleichgewicht, das es zu finden gilt, ist das zwischen verschiedenen Persönlichkeiten, Arbeitsformaten und unterschiedlichen Denkstilen. Eine neue Studie von Forschern der Columbia Business School und der Stanford Graduate School of Business zeigt, dass Brainstorming über Zoom die Kreativität einschränkt: Da sich der visuelle Fokus der Teilnehmer auf den Bildschirm vor ihnen verengt, scheint auch ihr kognitiver Spielraum begrenzter zu werden. Aber auch wenn persönliche Treffen besser sind, funktionieren sie nicht für alle gleich gut. Einigen Persönlichkeiten fällt es sofort leicht zu sagen, was sie denken, andere müssen erst dazu gebracht werden, ihre Meinung zu äußern.

Schon vorher über Schritte danach im Klaren sein

Diese Fallstricke des Brainstormings sind bekannt, und es gibt viele Ideen, um sie zu lösen. Das Problem ist, dass viele von ihnen das Gefühl haben, selbst das Produkt einer schlechten Brainstorming-Sitzung zu sein. Beim „Figure-Storming“ bekämpfen die Teilnehmer das Gruppendenken, indem sie vorgeben, eine berühmte Person zu sein („Wie würde die Königin das Cloud Computing verbessern?“). Beim „Step-Laddering“ treten die Teilnehmer aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen nach und nach in ein Brainstorming ein. Das Eis zu brechen, indem man sich gegenseitig einen Ball mit Wortassoziationen zuwirft, ist eine brillante Idee, wenn man eine Geburtstagsparty für Zehnjährige schmeißt….. Einige einfachere Regeln sind viel hilfreicher: Legen Sie die Parameter einer Brainstorming-Sitzung im Voraus fest. Versuchen Sie erstmal etwas Konkretes besser zu machen, anstatt gleich auf die Lösung aller Probleme zu zielen. Beziehen Sie sowohl Menschen ein, die Sie nicht kennen, als auch solche, die Sie kennen – gemischte Teams sind hier am erfolgreichsten.

Hilfreich ist auch der Einstieg im Stillen – zum Beispiel in dem die Teilnehmer ihre Ideen erstmal unverfälscht für sich aufschreiben. Das erhöht die Ideenvielfalt, verhindert gleich am Beginn die uns Menschen angeborene und konsensgetriebene Angleichung der Meinungen in einer Gruppe (‚groupthink‘); oder dass Extrovertierte bzw. gar Chefs weniger Gelegenheit haben, zu dominieren. Achtung vor den Ideen anderer Menschen ist das eine, Kritik an schlechten Ideen das andere und beides ist notwendig für ein erfolgreiches Brainstorming-Meeting. Ergebnisse werden besser, wenn man sich widerspricht, Ideen verwirft und auf der Basis von Kritik neue Ideen entwickelt – so wird keine Zeit damit vertan, sich in Sackgassen zu verlieren. Entscheidend dafür, dass jeder im Meeting ein dynamisches Selbstbild hat, sprich, sich durch Kritik an seinen/ihren Ideen nicht geringschätzt wird, sondern gleich weiterdenkt und eigene Ideen auch für neue Ideen in andere Richtungen zurückstellen kann.

Es ist auch hilfreich, gleich bei der Ansetzung einer Besprechung, ob Brainstorming oder Arbeitssitzung, sich über die nächsten Schritte nach der Sitzung schon vor dem Termin im Klaren zu sein. Der Reiz eines „Design-Sprints“, bei dem ein Team eine Woche lang Produktprototypen entwickelt und testet, liegt darin, dass der Faden zwischen Ideen und Ergebnissen in einem Ping-Pong-Verfahren straff gespannt bleibt. All dies würde das Brainstorming ein wenig anregender und weniger herzzerreißend ziellos machen.

Erfolgsautor Prof. Martin Korte („Jung im Kopf“) von der TU Braunschweig ist einer der bekanntesten deutschen Gehirnforscher. Er berät große Wissens-Shows im TV.