Ostermarsch und Friedens-Demo

Braunschweig bittet: Die Waffen nieder! Aber wie macht man das?

| Lesedauer: 7 Minuten
Friedensbündnis und Friedenszentrum riefen am Samstag zum Ostermarsch in der Braunschweiger Innenstadt.

Friedensbündnis und Friedenszentrum riefen am Samstag zum Ostermarsch in der Braunschweiger Innenstadt.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

Braunschweig.  Friedenszentrum, Friedensbündnis und DGB in Braunschweig mit Botschaften des Friedens. Aber der brutale Krieg in der Ukraine geht weiter.

Deutlich mehr Teilnehmer am Ostermarsch für den Frieden als in den vergangenen Jahren – aber auch weniger Gewissheit. Dieser Karsamstag ist überschattet von den brutalen Kriegsereignissen in der Ukraine – und das Ringen um den Umgang damit zieht sich durch jeden Zug, jede Kundgebung und jede Friedensdemonstration an diesem Tag.

Es ist zwischen Trotz und Wut, Beharren auf vertrauten Positionen und Bereitschaft zum Umdenken eine Atmosphäre der Fragen, nicht der Antworten.

Letztlich läuft es – bei allem Zwist, bei allen erregten, bohrenden, verzweifelten Gesprächen und Diskussionen an diesem Tag, die sich über Stunden hinziehen – auf die Formel hinaus, die Friedensbündnis und Friedenszentrum Braunschweig über ihren diesjährigen Ostermarsch vom Kohlmarkt aus durch die Innenstadt gestellt haben: „Die Waffen nieder!“

„Es gibt Streit über den Weg, den Krieg zu beenden“

Bloß wie? Die Botschaft ist ja doppeldeutig. Einerseits, und darüber gibt es keinen Zweifel, auch nicht bei der anschließenden separaten Kundgebung des DGB auf dem Platz der deutschen Einheit, soll der Aggressor Russland, der einen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun brach, die Waffen niederlegen. Andererseits gilt nach wie vor der Satz der deutschen Friedensbewegung: „Frieden schaffen ohne Waffen.“

Ob das in der Ukraine gerade zusammengeht, zusammenpasst, darüber reden sie sich, wir uns und überhaupt alle gerade die Köpfe heiß.

Auch die Friedensbewegung ist zwar nicht in ihren Grundüberzeugungen, aber in ihrer Selbstgewissheit erschüttert. „Russland hat die Ukraine brutal überfallen, das Völkerrecht gebrochen – es ist Krieg in Europa, eine neue Qualität der Gewaltanwendung!“, sagt Elke Almut Dieter auf dem Kohlmarkt. Ja, und jeder spürt es: „Es gibt Streit über den Weg, den Krieg zu beenden.“

Aber, keine Frage, dieser Protest hier richtet sich „gegen alle Kriegstreiber in der Welt“. Und stets wenn die Lieferung von Waffen an die Ukraine abgelehnt oder das 100-Milliarden-Paket für die Bundeswehr heftig kritisiert wird, meldet sich an diesem Tag auch eine kleine Gruppe lautstark zu Wort, zu der auch ukrainische Flüchtlinge und ihre polnischen und deutschen Betreuer gehören: „Waffen für die Ukraine“ und „Die Ukraine muss siegen“, steht auf ihren handgemalten Plakaten.

Mitunter wird es erregt, aber es eskaliert nicht. Dann wieder hat es etwas Rührendes, wenn auf dem Magni-Kirchplatz jetzt alle gemeinsam die Friedenshymne „We shall overcome“ singen – begleitet vom Pfarrer Henning Böger auf der Gitarre.

Es rührt an, wenn Susanne Schmedt und Jutta Mroß von der Lehrer-Gewerkschaft GEW im blau-gelben Kostüm und mit Friedenssymbolen durch die Stadt ziehen. „Wir brauchen jetzt Mediatoren, Streitschlichter auf einer höheren internationalen Ebene“, sagen sie. Und eine Bildung, die auf Friedensarbeit mit Kindern und Jugendlichen setzt, darauf, „dass es etwas anderes gibt als Gewalt“.

Dagegen kann man ernsthaft nichts einwenden, nur, dass Diana (15) aus Kiew und Kira (15) aus Irpin, die gerade in Polen zur Schule gehen und über Ostern in Braunschweig zu Besuch sind, jetzt aktuell Opfer von Gewalt sind. Ihre ganze Schulklasse in Polen besteht aus Kindern von Kriegsflüchtlingen.

Dianas Eltern sind noch in der Ukraine, die Mutter wollte den Vater nicht zurücklassen. Ihre Großeltern im Donbass sind ausgebombt, durch einen Korridor geflüchtet und in Kiew untergekommen. Kira kommt aus dem vom Krieg heimgesuchten und verwüsteten Irpin, die Mutter ist in Polen, der Vater räumt gerade Trümmer zusammen, birgt Opfer aus Erde und Schutt.

Meinungsverschiedenheiten bleiben – und keiner weiß, was der nächste Tag oder die nächste Woche noch bringen werden

„Die Ukraine braucht jetzt Waffen. Sie kann den Krieg gewinnen“, sagt die polnisch-stämmige Ingenieurin Ewa, die mit ihrem Mann Thilo die beiden Mädchen betreut. Umstehende schütteln den Kopf, wieder beginnt so eine Diskussion.

„Mehr Waffen haben noch nie mehr Frieden gebracht.“ – „Und wer hilft den Menschen, die gerade umgebracht werden?“

So dreht es sich im Kreis, immer und immer wieder. Aber die Dinge sind auch im Fluss. Man grübelt, manche Gewissheit gerät ins Wanken, man ringt mit sich. „Müssen Waffen geliefert werden – und welche?“, fragt Gewerkschaftssekretär Eberhard Buschbohm von Verdi auf dem Platz der deutschen Einheit. Und gibt selbst eine erste Antwort: „Diesen Fragen werden wir uns jetzt stellen müssen als Gewerkschaften.“

Denn so einfach ist es nicht. Dieter Daunert, Mitglied der Ärzteorganisation IPPNW zur Verhütung eines Atomkrieges, sieht die große Gefahr, „dass der lokal begrenzte Konflikt in der Ukraine sich auf Mitteleuropa und im schlimmsten Fall auf einen weltweiten kriegerischen Konflikt ausweiten könnte“. Das könnte dann mit dem Einsatz von Atomwaffen enden.

Sterben für Kiew? Für Ewa und die anderen, zunehmend verbittert und ungnädig, ist es eher so: Dort sterben sie ja schon für uns.

Man wird nicht mehr zusammenkommen, die Meinungsverschiedenheiten werden bleiben bei diesem Ostermarsch 2022 an einem Tag, an dem du nicht wissen kannst, welche Grausamkeiten und Wendungen der nächste Tag oder die nächste Woche noch bringen werden.

„Die freiheitliche Demokratie ist nicht perfekt, aber ihre Alternativen sind erschreckend“

Eine der eindrucksvollsten Reden in so einer Atmosphäre der Zerrissenheit, die nicht nur durch Gruppen geht, sondern auch durch Individuen, hält Cristina Antonelli vom „Haus der Kulturen“ auf dem Schlossplatz. Sie macht den russischen Präsidenten Putin ohne Umschweife für Völkermord verantwortlich, ein Mann, der Panzer und Raketen sprechen lasse, um die Ineffizienz des eigenen Systems und letztlich den eigenen Untergang zu verhindern. Und sie fragt, „welche Lösungen wir dem entgegensetzen, um dieses schreckliche Kriegsverbrechen zu stoppen“.

Die freiheitliche Demokratie möge vielleicht nicht perfekt sein, so Cristina Antionelli, aber die Alternativen zu ihr seien ziemlich erschreckend.

Deshalb dürften sich freiheitliche Gesellschaften nicht vom humanitären Pfad und der Friedenspolitik verabschieden. Es gebe jedoch auch strukturelle Gewalt, gegen die man sich aktiv einsetzen müsse. Dabei gehe es auch um Frieden, um Entfaltungsmöglichkeiten für alle Menschen egal welcher Herkunft, ohne Diskriminierung und ungleiche Verteilung von Einkommen, Bildungschancen und Lebenserwartung.

Selten gehst du so zweifelnd, aufgewühlt nach Hause.

Die Stadt indessen in österlicher post-pandemischer Vorfreude auf Rausgeh’n, Bummeln, Cappucino. Eintracht gewinnt 1:0 im Stadion. Frieden in der heilen Welt in einer Stadt, die am Tag des Ostermarsches 2022 in der City brummt, Luft schöpft und in die Sonne blinzelt. Noch hallen die Worte des DGB-Stadtverbandsvorsitzenden Malte Stahlhut vorm Rathaus nach: „Dieser verdammte Krieg muss beendet werden!“

Ja, irgendwie.

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