Im neuen Leben Rhythmus finden

Braunschweig.   Ein interkulturelles Musikprojekt des CJD fördert geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Region.

Die Gruppe mit den Betreuerinnen Almut Hesse und Douha Halwani sowie Zeus (4. von links) und Sheikmous (2. von links)

Die Gruppe mit den Betreuerinnen Almut Hesse und Douha Halwani sowie Zeus (4. von links) und Sheikmous (2. von links)

Foto: Tilia Möhring

2 Jahre und 9 Monate. 1 Jahr und 8 Monate. 2 Jahre und 1 Monat. Ohne auch nur einen Moment zu zögern und auf den Monat genau, beantworten die syrischen und kurdischen Kinder die Frage, wie lange sie schon in Deutschland sind. Die Kinder, die zur wöchentlichen Probestunde in einem der Veranstaltungsräume der Musischen Akademie versammelt sind, sind mit ihren Familien aus Damaskus, Aleppo und anderen Städten geflohen und leben nun in Braunschweig.

Um ihnen das Ankommen in der neuen Heimat zu erleichtern, Selbstvertrauen und Anerkennung zu geben, hat die Musiktherapeutin und Violinpädagogin Almut Hesse gemeinsam mit der hiesigen Niederlassung des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands (CJD) im Frühjahr ein interkulturelles Musikprojekt ins Leben gerufen. Kinder und Jugendliche aus Familien mit und ohne Migrationshintergrund, die auf soziale Unterstützung angewiesen sind, haben die kostenlose Möglichkeit, sich gemeinsam an unterschiedlichen Instrumenten auszuprobieren und neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden.

Am kommenden Mittwoch, 29. September, 18 Uhr, findet in der Musischen Akademie am Neustadtring 9 das Abschlusskonzert des ersten Projekthalbjahres statt. Dann werden die fünfzehn 6- bis 16-Jährigen Musiker des Projekts ein gut halbstündiges Programm präsentieren, das sie in den letzten Wochen, seit Beginn ihrer wöchentlichen Treffen Anfang April, gemeinsam erarbeitet haben.

Es besteht aus einigen selbstentwickelten Instrumentalstücken, freier Improvisation mit Tanz und, als großes Finale, ein Lied, das heißt wie ihre größte Hoffnung für die Zukunft: „Wir wollen Frieden überall“. Es entzieht sich der Vorstellbarkeit, was die Kinder in ihren Heimatstädten und auf dem Weg nach Deutschland erlebt haben mögen. Unmöglich, angesichts ihrer gesungenen Wünsche gegen den Kloß im Hals anzuschlucken.

Der junge Pianist Zeus (11) hat den anderen bei einem der Gruppentreffen eine Akkordfolge vorgespielt, die ihm zu Hause eingefallen war. Sheikhmous (12) ist damals mit dem Schlagzeug sofort eingestiegen. Die etwas melancholische, aber auch kraftvolle Melodie der beiden eröffnet und beschließt nun das Lied. Zeus verbringt jede freie Minute an seinem kleinen Keyboard, das er auf der Sofakante im elterlichen Wohnzimmer abstellt. Er sitzt dann im Schneidersitz davor und versenkt sich in die Tasten. Einmal sei ihm dabei eben besagte Akkordfolge eingefallen – genauer kann er das gar nicht beschreiben.

Obwohl alle perfekt Deutsch sprechen, fehlen ihnen sichtlich die Worte, um ihre Gefühle beim wöchentlichen Musizieren auszudrücken. „Wir konnten so viele verschiedene Instrumente ausprobieren, das hat einfach Spaß gemacht“, versuchen sie es und grinsen zufrieden – Gitarre, Tamburin und Trommeln von der eben beendeten Probe noch in den Händen.

Almut Hesse springt später ein: Alle Teilnehmer träten jetzt viel selbstbewusster und ausgeglichener auf als noch im Frühjahr. Auch als Gruppe seien sie in den vergangenen Monaten zusammengewachsen. „Jetzt hören sie einander bewusst zu, was anfangs sehr schwierig war, und agieren ganz selbstverständlich im Team.“ Schade sei bloß, dass die deutschen und russischen Kinder, die ebenfalls zum interkulturellen Musikkurs angemeldet waren, schon bald wieder abgesprungen sind.

Einen ähnlichen, aber kürzeren Ferienkurs hat es schon im Sommer 2017 gegeben, sofort war für Hesse klar, „dass es weitergehen muss.“ Schließlich konnte die Unterstützung des Mode-Unternehmens „New Yorker“, des Braunschweiger Hauses der Kulturen“, des Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen und privaten Spendern gewonnen werden und das Angebot tatsächlich in die zweite Runde gehen.

Vor ein paar Wochen haben die Kinder ihr „Friedenslied“ bereits einmal im „Haus der Kulturen“ aufgeführt. Aber nach der Generalprobe, eine Woche vor dem großen Konzert, sind sie natürlich trotzdem aufgeregt und hoffen, dass auch am nächsten Mittwoch wieder viele Zuhörer kommen werden. Keine Frage, weshalb man sich ihren Auftritt nicht entgehen lassen darf: „Weil jeder Musik mag und wir viele tolle Stücke aufführen!“

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