Vom Wandel überrollt – der Abstieg des VW-Champions Golf

Wolfsburg.  Man kann auch scheitern, wenn man zu viel des Guten will. So ergeht es VW, weil man die Software des Golf 8 nicht beherrscht.

Die Luft wird dünn in der Golf-Produktion. Die Aufträge fehlen.

Die Luft wird dünn in der Golf-Produktion. Die Aufträge fehlen.

Foto: Julian Stratenschulte/picture alliance

Acht Jahre sind eine lange Zeit für ein Auto. Für ein Volkswagen-Modell insbesondere hat sich in dieser Periode so ziemlich alles verändert. Vergleicht man die Premieren und die anschließenden Markteinführungen von Golf 7 und Golf 8, dann fallen enorme und bedenkliche Unterschiede auf. Und dieses Fazit gilt nicht nur für das Auto, sondern auch für den gesamten Konzern und die Kernmarke.

2012 mit dem Golf 7 war die Welt noch in Ordnung

2012 war die Welt für Volkswagen noch in Ordnung. Der damalige Konzernlenker Martin Winterkorn trieb die Entwicklung zum weltweiten Absatzchampion energisch und erfolgreich voran. Zusammen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech wappnete Winterkorn die breit aufgestellte Automobilschmiede für den Konkurrenzkampf mit – nein, nicht mit Tesla. Sondern mit dem südkoreanischen Emporkömmling Hyundai. Bei dem „schepperte“ bekanntlich nichts, wie der VW-Vorstandsvorsitzende bei einem Messebesuch festgestellt hatte. Kriterien für internationale Klasse waren damals die Qualität der Autos und die Rendite über den massenhaften Absatz.

Der Golf 7 wurde am 4. September in der Neuen Nationalgalerie in Berlin vorgestellt 700 handverlesene Gäste waren dabei, als Winterkorn persönlich das silbermetallic lackierte Premierenmodell auf die Bühne fuhr. Das Auto war auf dem neuen Modularen Querbaukasten konfektioniert worden und überzeugte die Fachwelt durch Gewichts-, Verbrauchs- und Emissionsreduzierungen. „Vom Start weg entwickelte sich der mit zahlreichen Assistenzsystemen und modernster Motorentechnik – etwa Start-Stopp-System und Rekuperationsmodus – ausgestattete Volkswagen auch dank seines souveränen Designs zum Publikumsliebling“, heißt es in der offiziellen Volkswagen-Chronik. „Auf diesen Moment habe ich mich seit Monaten gefreut“, wurde Winterkorn anlässlich der Premiere in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert.

Abgasbetrug – Immenser Schaden für das Volkswagen-Image

Es hätte wie im Wirtschaftsmärchen noch lange so weitergehen können. Doch dann kam der September 2015, in dem der Abgasbetrug aufflog und die Reputation der Wolfsburger sich über Nacht in Nichts auflöste. Noch zu Jahresbeginn hatte auch Winterkorn in einer Grundsatzrede erkannt, dass „Daten das neue Erdöl“ der Zukunft sein würden. Doch seine Zeit war bald abgelaufen.

Heute ist alles anders. Von Hyundai spricht Volkswagen-Chef Herbert Diess nie. Sein größter Konkurrent ist Tesla, der einst belächelte und heute gefürchtete Hersteller von Elektroautos. Diesel- und Benzinmotoren? Wirken trotz aller Lippenbekenntnisse wie Auslaufmodelle und bringen nur dann etwas, wenn sie als teure SUV an die Kunden gehen. Neue Marken fürs Portfolio? Diess verschwendet keinen Gedanken daran, sondern beteiligt sich an Start ups und Mobilitätsdienstleistern und schmiedet Bündnisse für Volkswagens eigenen Weg in die E-Mobilität. Die Zukunft liegt für den Ex-BMW-Mann in der Softwareentwicklung, im autonomen Fahren und der Nutzbarmachung der Kundendaten.

Golf steht im Schatten des neuen E-Autos

Und der Golf? Dessen Niedergang begann im letzten Drittel des Lebenszyklus der siebten Modellgeneration. Externe und interne Konkurrenz setzte dem Kompaktmodell mächtig zu. 2017 war das letzte Jahr, in dem es richtig rund lief für den Dauerbrenner. Knapp eine Million weltweit verkaufter Autos sicherten ihm Platz 1 in der Markenhierarchie. Doch diese Ausnahmestellung bröckelte in den nächsten beiden Jahren und bei Volkswagen sehnte nahezu jeder die Wachablösung durch den Golf 8 im Spätsommer 2019 herbei. Dessen Premiere stand dann allerdings im Schatten der Präsentation des neuen VW-Elektroautos ID.3.

Und nach der Weltpremiere im Oktober in Wolfsburg gibt es dann auch gar keine positiven Meldungen mehr über den neuen Golf. Die Übergabe des Staffelstabes misslang gründlich, um ein Bild aus der Leichtathletik zu bemühen. Das Auto leidet dabei eher an einem Zuviel als Zuwenig. Vor allem die Beherrschung der Software-Synchronisierung überfordert die Wolfsburger komplett.

Ein Rückruf wäre der GAU für Volkswagen

Dass nun möglicherweise alle ausgelieferten Fahrzeuge wegen Problemen beim Notfallsignal zurück in die Werkstätten müssen, ist so etwas wie der größte anzunehmende Unfall für einen stolzen Autobauer. Es ist müßig zu fragen, wie der zu Wutausbrüchen neigende Winterkorn auf dieses Desaster reagiert hätte. Und zu allem Überfluss sorgt VW mit einer missglückten Werbung für noch mehr Probleme.

Für Herbert Diess ist die Technikpanne auf jeden Fall eine offene Flanke, die letztendlich er verantworten muss. Und der Golf? Der braucht dringend positive Nachrichten. Sonst hat er in nur acht Jahren den Abstieg vom König zum Bettelmann hingelegt.

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