IHK drückt beim Sommerfest in Wolfsburg aufs Gaspedal

Wolfsburg.  Mit rund 850 Gästen feierte die IHK Lüneburg-Wolfsburg in der VW-Arena ihr Sommerfest. Das Credo des Abends: Deutschland muss schneller werden.

Von links: Der Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg, Michael Zeinert, Ministerpräsident Stephan Weil, IHK-Präsident Andreas Kirschenmann und DIHK-Chef Martin Wansleben im VfL-Stadion.

Von links: Der Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg, Michael Zeinert, Ministerpräsident Stephan Weil, IHK-Präsident Andreas Kirschenmann und DIHK-Chef Martin Wansleben im VfL-Stadion.

Foto: Darius Simka / regios24

Kinder, die ganz neu sind im Fußballverein, laufen meist stürmisch dem Ball hinterher – genau dieses Tempo bräuchte die deutsche Wirtschaft in diesen Tagen in den Augen von Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Doch warum werden diese Kinder ausgebremst, obwohl sie diese Geschwindigkeit auch später beibehalten sollten?

Wansleben hat den Eindruck, dass Deutschland zurzeit nicht immer im Spiel ist, wie er am Donnerstag beim Sommerfest der IHK Lüneburg-Wolfsburg im Stadion des VfL Wolfsburg feststellte. Vielmehr werde Deutschland aus dem Spiel gedrängt. Der DIHK-Chef warnte davor, sich als Antwort in den eigenen Strafraum zu stellen – sich also in die Abwehr zurückzuziehen, Hauptsache, der Gegner schießt kein Tor.

Silicon Valley als Vorbild

Das Motto des Abends mit rund 850 Gästen war die Geschwindigkeit. „Deutschland muss schneller werden“, stellte der Präsident der IHK Lüneburg-Wolfsburg, Andreas Kirschenmann, gleich zu Beginn fest. Nur wie? Wie so oft diente das Silicon Valley als Vorbild. Die Amerikaner seien dort so schnell, weil sie drei Dinge konsequent verfolgten, befand Wansleben. Erstens: konsequentes Innovationsmanagement. „Das fängt mindestens in der Kita an“, sagte der DIHK-Chef. „Das ist nämlich eine Frage der Neugierde.“ Nicht nur später die Schule, sondern auch die Unternehmen müssten die Menschen so ansprechen, dass sie Spaß haben, „aufs Feld zu laufen“. Bei Älteren zähle dann Weiterbildung.

Zweitens Orientierung: Laut Wansleben müssen wir uns zunächst klar werden, wo wir hinwollen. Deutschland sei es gewohnt, auf dem Siegertreppchen zu stehen – doch plötzlich seien Player aufgetaucht, mit denen keiner gerechnet habe. Die einzige Antwort auf das Tempo der Wirtschaft anderer Länder dürfe nicht immer nur sein, dass Deutschland eine Demokratie ist. „Tempo ist für die Wirtschaft irgendwann eine Frage der Legitimation“, warnte Wansleben.

Ministerpräsident Weil fordert Bürokratie-Abbau

Der dritte Schlüssel aus dem Silicon Valley: Befähigung. Das sei nicht nur eine Frage der Bildung – DIHK-Chef Wansleben schloss hier den Kreis: Die jüngeren Generationen sollten seiner Meinung nach nicht wie früher manchmal gebremst werden, sondern im Gegenteil animiert, schneller zu sein als ihre Vorgänger.

Schneller werden muss laut IHK-Präsident Kirschenmann – neben dem Breitbandausbau – auch der Mobilfunk. Jeder sollte mit dem LTE-Standard telefonieren können. Von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) forderte er außerdem einen weiteren Bürokratie-Abbau.

Weil offenbarte, als Jurist habe er ein entspanntes Verhältnis zu Regeln. Doch je älter er werde, desto mehr müsse er Kirschenmann zustimmen. „Wir sind zu perfektionistisch, wir sind zu misstrauisch, und wir sind zu langsam“, stellte der Regierungschef fest. Auf Bundesebene wolle Niedersachsen Vorschläge machen, das zu ändern – um schneller zu werden. Die Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und der übrigen Gesellschaft stimmten dem Ministerpräsidenten mit Applaus zu. Laut Weil sollten künftig zum Beispiel unterschiedliche Planungsphasen gleichzeitig laufen und etwa die Bürger früher beteiligt. „Wir müssen öfter mal durchentscheiden.“

In Kirschenmanns Augen handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Thema. „Wenn jeder Einzelne mehr Verantwortung übernimmt, können wir schneller werden“, sagte der IHK-Präsident. „Wir brauchen ein neues Verständnis von Gemeinwohl.“

Beschleunigung soll nachhaltig sein

Nach Meinung der Kammer soll die Beschleunigung aber auch mit Nachhaltigkeit zusammengehen, die Teil der neuen Strategie der IHK Lüneburg-Wolfsburg ist. Beim CO2-Ausstoß sieht Kirschenmann allerdings in erster Linie die Außenpolitik gefragt. Deutschlands Anteil an den globalen Emissionen betrage nur 1,8 Prozent. „Der Hebel ist richtig klein.“ Die großen Emittenten müssten dazu gebracht werden, weniger auszustoßen.

Was die Wirtschaft in Deutschland beitragen kann, berichteten Thomas Ulbrich, Vorstand der Marke VW für Elektromobilität, und Nele Kammlott, Geschäftsführerin des Lüneburger Dienstleisters Kaneo, dessen Geschäftsmodell „grüne“ IT-Lösungen sind. „Die Digitalisierung ist gesetzt“, stellte Kammlott klar. „Wir müssen eine nachhaltige IT-Infrastruktur schaffen, die weniger Ressourcen verbraucht.“ Ihr Unternehmen schaffe es, Stromverbrauch, Server und Lizenzen teils zu halbieren.

Ulbrich stellte Volkswagens Pläne zur Elektromobilität vor. Um deren Tempo zu erhöhen, bekräftigte der VW-Vorstand die Forderung, Gesetze entsprechend zu ändern, etwa das Baurecht – damit die Autonation Deutschland dorthin komme, wo sie hingehöre: nach vorn. Dass das Ganze keine Zukunftsmusik mehr ist, zeigte Ulbrichs Vorhersage, dass VW wahrscheinlich 2022/23 das letzte Mal eine neue Verbrenner-Plattform starten werde.

Kammlott hatte in Zeiten von „Fridays for Future“ und Flug-Scham auch eine Botschaft, die schon jetzt auf mehr Tempo hoffen lässt: „Umbrüche sind der Nährboden für Innovation.“

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