Influencer: Trecker, Buch oder Mode – Hauptsache online

Wolfsburg/Braunschweig.  Die Instagram-Profis sind ein zentraler Bestandteil der heutigen Internet-Welt – und auch in unserer Region zum Teil sehr erfolgreich.

Vom Dorf: Annika Hantelmann aus Hemkenrode im Landkreis Wolfenbüttel präsentiert ihren rund 114.000 Instagram-Followern regelmäßig Bilder und Stories, die ihren landwirtschaftlichen Alltag zeigen.

Vom Dorf: Annika Hantelmann aus Hemkenrode im Landkreis Wolfenbüttel präsentiert ihren rund 114.000 Instagram-Followern regelmäßig Bilder und Stories, die ihren landwirtschaftlichen Alltag zeigen.

Foto: Privat

99 rosa Luftballons samt gleichfarbigem Plüsch-Flamingo und ebenso kolorierten Wänden, goldene Bälle in einer Badewanne, dazu riesige Bonbons, die kameratauglich in die Höhe geworfen werden können – dies sind einige der Möglichkeiten, die das „Wonderland Wolfsburg“ in der dortigen City-Galerie bietet. Anfang Februar wurde im Herzen der VW-Stadt dieses erste Instagram-Museum Deutschlands eröffnet. Rund 70 internetaffine junge Menschen, auch als Influencer bekannt, waren dabei. Ein schickes Lächeln mit entsprechender Pose hier, ein Selfie für die eigene Online-Präsenz dort – „gerade Instagram ist ein riesiger Markt, den man ernst nehmen muss“, sagt auch City-Galerie-Manager Marvin Schaber.

Die seit 2010 existierende Social-Media-Plattform ist zudem ein Markt, der sich für diejenigen, die ihn zu nutzen wissen, durchaus lohnen kann: Model Stefanie Giesinger etwa, 2014 Gewinnerin bei „Germany’s next Topmodel“, hat aktuell 3,8 Millionen Follower auf Instagram, wo sie – gut dotiert – für Mode-Labels wirbt.

Instagram auf dem Trecker oder mit dem Buch in der Hand

Ist Influencertum aber tatsächlich nur teure Klamotten, Glanz und Glamour? Auf einem Maisfeld in Niedersachsen macht es nicht den Anschein: Annika Hantelmann ist in robust-legerer Outdoor-Bekleidung unterwegs, und dies zu Trecker. Die 25-Jährige aus Hemkenrode im Landkreis Wolfenbüttel hat 2013 während eines Auslandsaufenthaltes in Kanada damit begonnen, auf Facebook regelmäßig Fotos von der Farmarbeit hochzuladen: „Damit meine Freunde wissen, was ich so treibe.“ Die Sache sei jedoch schnell „größer geworden“: Heute folgen 114.000 Menschen Hantelmanns Instagram-Profil „annifotografie“ – fast genauso viele, wie der Kreis Wolfenbüttel Einwohner zählt.

„Anni“, wie sie häufig genannt wird, stellt dort in der Regel einmal pro Tag ein neues Foto oder eine kleine Story ein, die sie zumeist bei der landwirtschaftlichen Arbeit zeigen – sei es auf dem heimatlichen Familienhof oder bei einem der verschiedenen Engagements, die sie mittlerweile erhält. „Jobangebote und Kooperationen mit Agrar-Firmen sind natürlich ein positiver Nebeneffekt meiner Online-Arbeit“, sagt Hantelmann. Als auf (finanziellen) Erfolg ausgelegte Influencerin wolle sie sich jedoch nicht sehen, tue sich gar mit dem Begriff als solchem schwer: „Ich berichte denjenigen, die es interessiert, einfach aus meinem Leben.“ Gerne beantwortet sie auf Instagram auch landwirtschaftliche Fragen oder äußert Ansichten und Kritik zu agrarpolitischen Entscheidungen wie etwa der Düngemittelverordnung.

Eine ganz ähnliche Philosophie vertritt Laura Klingenberg. Die 23-Jährige, in der Nähe von Braunschweig heimisch und derzeit für ein halbes Jahr in Neuseeland, stellt auf ihrem Instagram-Account „zeilenverliebt“ regelmäßig Bücher vor, die ihr gefallen – Lieblingsgenres: Thriller, Young Adult und Dystopien. Ein kommerzielles Ziel verfolge sie dabei nicht: „Ich lese bereits mein ganzes Leben lang – online möchte ich mich dann einfach mit Gleichgesinnten über meine große Leidenschaft austauschen.“

Ihre Instagram-Präsenz bezeichnet Klingenberg als „netten Zeitvertreib“. Als „Influencerin“ will sie sich dabei nicht bezeichnen. „So lange es möglich ist, möchte ich als ,Bookstagrammerin‘ unterwegs sein“ – und dies, das sei ihr wichtig, in persönlich-nahbarer Interaktion mit ihren nunmehr über 37.000 Instagram-Followern. „Einige kenne ich inzwischen persönlich und bin teilweise sogar mit ihnen befreundet“, erzählt Klingenberg: „Ehrlichkeit und Authentizität sind für mich elementar.“

Ostfalia-Professor: Influencer als strittiges Massenphänomen

So heil und unbeschwert sieht Harald Rau, Professor am Institut für Medienmanagement der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter, die Influencer-Welt in ihrer Gesamtheit nicht. „Durch die sozialmedial geförderte Kommunikation ist das Influencertum zu einem Massenphänomen geworden“, erklärt er. Rau könne in diesem „modernen Trendsetting“ mit teils „ins Unermessliche gestiegener Reichweite“ aber nur einen bedingten Mehrwert ausmachen. Influencer sehe er aufgrund der (bezahlten) „Schleichwerbung“ für gewisse Produkte oder Lebenseinstellungen, die viele von ihnen betrieben, in der Breite kritisch. „Die Follower folgen diesen vorgegebenen Trends dann häufig, ohne gewisse Dinge vorher zu hinterfragen.“ Welchen genauen finanziellen Nutzen sie aus dieser Entwicklung ziehen, wollen die von unserer Zeitung befragten Influencer jedoch nicht verraten.

Der Online-Bereich, so Rau weiter, sei das aktuell am schnellsten wachsende Werbefeld. Den Hochschul-Professor bringt dieser Trend ins Grübeln, wie er bekennt – der Ostfalia-Professor baut daher auf den „gesunden Menschenverstand“, insbesondere auch bei jüngeren Internet-Nutzern, um nicht jeder angepriesenen Online-Versuchung unkritisch nachzugeben.

Das professionelle Werben um Online-Follower

Tatsächlich gibt es auch Influencer aus unserer Region, die sich auf Instagram durchaus im größeren Stil in Szene zu setzen wissen. Eine davon ist Christine Evers. Sie hat auf ihrem Kanal „Vogue up like this“ mit 33.000 vergleichsweise „wenig“ Follower – dies tut aber ihrer Professionalität keinen Abbruch. Sie zeigt sich auf Reise- und vor allem Modefotos aus aller Welt, etwa in Bangkok oder auf Ibiza. Derzeit lebt die gebürtige Wolfsburgerin in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, wo sie – zumeist öffentlichkeitswirksam gekleidet – an ausgewählten Orten Fotoshootings macht, deren Ergebnisse sie mit ihren Instagram-Fans teilt. „Die Koreaner legen sehr viel Wert auf Ästhetik, daher fällt es mir leicht, geeignete Foto-Szenerien zu finden.“

Als typische Influencer sieht Evers Personen, die unter anderem wegen ihrer Präsenz in den Sozialen Medien als Werbe- und Vermarktungsträger infrage kommen. „Das finde ich super spannend und hole mir selbst auch sehr viel Inspiration bei anderen“, erklärt die 31-Jährige, die seit ihrem 18. Lebensjahr modelt und zudem Mode- wie auch Reisebeiträge schreibt. Als wichtige Punkte ihres Influencer-Arbeitsalltags nennt sie die Ideengestaltung für ihre Instagram-Präsenz sowie die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern.

Hinter dem „Glamour-Faktor“ steckt häufig sehr viel Arbeit

„Instagram mache ich so lange, wie es mir Spaß bereitet und meine Zeit es zulässt“, so Evers, die ein Marketing-Studium absolviert hat und hauptberuflich in diesem Bereich arbeitet. Auch wenn das Influencer-Dasein für sie also eher ein Nebenerwerb sei, sollten Außenstehende ihrer Ansicht nach den zeitlich-organisatorischen Aufwand bedenken, der hinter dem äußerlichen „Glamour-Faktor“ ihrer Online-Aktivitäten stehe: „Man ist dabei Model, Stylist, Fotograf und Regisseur in einem.“

Diesen Standpunkt teilt auch die Braunschweigerin Nathalie Moré. „Influencer zu sein bedeutet viel Arbeit – man muss immer neue Ideen haben und Trends im Auge behalten“, sagt die 31-Jährige, die auf Instagram unter „nathalie.more“ – mit dem Motto „Fashion, Passion, Love“ – regelmäßig neue Fotos aus den Bereichen Mode, Beauty und Lifestyle präsentiert.

Posten tue sie normalerweise fünf Mal pro Woche, so die selbstständig arbeitende Moré, dazu kämen neben Foto-Events stets wiederkehrende Aufgaben wie Mails und Steuerliches: „Feierabend oder Urlaub gibt es für mich aktuell so gut wie gar nicht.“ Lohn der Arbeit sind die inzwischen über 38.000 Instagram-Follower, die die gelernte Kauffrau für Marketingkommunikation mit ihren Bildern und Beiträgen „inspirieren möchte“, wie sie sagt.

Ob nun also Landwirtschaft, Literatur oder Mode – auch die Influencer aus unserer Region freuen sich darüber, positive Rückmeldungen aus ihrer Community zu bekommen, und sehen dies als wichtigen Aspekt ihres Online-Daseins an. Natürlich gebe es auch immer mal wieder negative oder neidvolle Stimmen, so der Tenor – teils werde man in seiner Rolle auch nicht ernst genommen und als eine Art „Internet-Spinner“ abgetan.

Influencertum auch als bewusste Wendung im Leben

„Leute, die so argumentieren, haben keine Ahnung von der heutigen Marketingwelt“, sagen Johannes Richter und Vivian Velle dazu. Die beiden, 29 und 26 Jahre alt, sind seit Anfang 2018 unter „jovi_travel“ als Influencer-Paar in der Welt unterwegs. Auch hinter ihren Fotos steckt viel Arbeit – die beiden empfinden dies jedoch als persönliche Freiheit.

Irgendwann im Laufe des Jahres 2017, erzählt das hessisch-hamburgische Paar, waren sie mit ihren Berufen in Deutschland nicht mehr zufrieden. Die Frage, die sie sich gegenseitig stellten: „Was würdest du tun, wenn du deinem Leben einen komplett neuen Dreh verpassen könntest?“ Aktuell sind sie in Tulum, Südost-Mexiko.

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