Plötzlich steht man am Abgrund: Krebs!

Braunschweig  Unsere Spendenaktion „Goldenes Herz“ unterstützt Krebs-Patienten. Heute stellen wir den Verein „Krebsnachsorge“ aus Braunschweig vor.

Geschäftsführer Jürgen Siegmund (55) arbeitet schon seit 23 Jahren beim Verein „Krebsnachsorge“ in Braunschweig. Genau wie die Sozialpädagoginnen Nora Lieder (links) und Anita Kruse hat er sich zum Psycho-Onkologen weitergebildet.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Geschäftsführer Jürgen Siegmund (55) arbeitet schon seit 23 Jahren beim Verein „Krebsnachsorge“ in Braunschweig. Genau wie die Sozialpädagoginnen Nora Lieder (links) und Anita Kruse hat er sich zum Psycho-Onkologen weitergebildet. Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Die Haare sprießen wieder. Sandra S. trägt trotzdem noch eine rosa Mütze, unter der sie die grauen Stoppeln versteckt. Vor einem Jahr, da waren ihre Haare noch nicht grau. Doch dann kam die Diagnose: Brustkrebs.

Eine Woche, nachdem sie einen Knubbel in ihrer Brust bemerkt hatte, wurde die 47-Jährige bereits operiert. Chemotherapie und Bestrahlung folgten. „Ich habe meine Tochter gefragt, ob es ihr lieber wäre, wenn ich eine Perücke tragen würde“, erzählt sie. „Ach Mama, was sind schon Haare?“, habe die 14-Jährige geantwortet. Recht hatte sie: Es ging schließlich um so viel mehr.

Plötzlich am Abgrund zu stehen, das macht die Menschen fertig. Da ist die Angst vor körperlichen Leiden und die Angst vor dem Tod. Viele treibt aber auch die Sorge um Angehörige um, die Scheu, über die Krankheit zu sprechen und auch Probleme finanzieller Natur: Wenn das Einkommen über viele Monate einbricht, kommt mancher an seine Existenzgrenze.

Der Verein „Krebsnachsorge“ am Hagenmarkt in Braunschweig steht den betroffenen Menschen in dieser schwierigen Zeit zur Seite. „Wir schauen, wie wir das Chaos im Leben wieder ordnen können, das der Krebs verursacht hat“, sagt Jürgen Siegmund, Diplompädagoge und Leiter der Beratungsstelle. Er und die Sozialpädagoginnen Nora Lieder und Anita Kruse informieren über sozialrechtliche Fragen, über Kuren und Erwerbsunfähigkeit, bieten Gruppengespräche an und begleitende Angebote wie Yoga, Wanderungen oder Kreativ-Workshops. Ein offenes Ohr haben sie auch für die Angehörigen.

Schon im Klinikum sucht der Verein den ersten Kontakt mit den Krebspatienten. Auch Sandra S. erfährt kurz nach ihrer Operation von dem Angebot. „Mir war es wichtig, so schnell wie möglich Kontakt zu anderen Betroffenen zu bekommen“, sagt sie. Den hat sie gefunden: zu anderen Frauen, mit denen sie sich austauschen kann, mit denen sie in den vergangenen Monaten oft geweint, aber auch viel gelacht hat. „Die ersten Treffen waren auch erschütternd, wenn man etwa erfährt, dass eine Frau kurz vor der Diagnose ein Baby bekommen hat“, erzählt sie. Doch die Begegnungen haben ihr geholfen, mit der Erkrankung besser umzugehen. „Man entwickelt eine gewisse Hornhaut“, findet Jürgen Siegmund.

Mit rund 120 000 Euro unterstützt die Stadt den Verein pro Jahr. Rund 100 000 Euro braucht es im Jahr an Spenden, damit das kostenlose Angebot aufrechterhalten werden kann. Der Verein hatte sich in den 80er-Jahren aus der Tuberkulose-Hilfe entwickelt.

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