Brüssel. Das Verbrenner-Aus zu beschließen reicht nicht, der Umstieg auf E-Autos braucht mehr politische Unterstützung. Und bessere Angebote.

Es ist nicht lange her, da hat die deutsche Politik im Schulterschluss mit der Industrie großartige Ziele für den Umstieg aufs Elektroauto verkündet: Deutschland als führende Auto-Nation sollte natürlich auch der globale „Leitmarkt für Elektromobilität“ werden. Schon 2020 hätten eine Million E-Autos auf unseren Straßen unterwegs sein sollen. Schnee von gestern: Leitmarkt für Elektromobilität ist inzwischen China. Und die Marke von einer Million Stromern wurde um Jahre verfehlt.

Alles spricht dafür, dass das politische Ziel von 15 Millionen E-Autos im Jahr 2030 ebenfalls nicht erreicht wird: Deren Absatz steigt nicht, er ist in diesem Jahr massiv eingebrochen. Um die zögernde Kundschaft buhlen gleichzeitig nun auch chinesische Wettbewerber, die zum Angriff auf Europa ansetzen. Ein toxisches Gemisch für Industrie und Politik, dessen Gefährlichkeit unterschätzt wird, weil die Autohersteller aktuell noch gut an Verbrennern verdienen. Nicht mehr lange.

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Wie brisant die Entwicklung der Elektromobilität für die heimische Autobranche einerseits und die Klimapolitik andererseits ist, unterstreicht jetzt ein neuer Bericht des Europäischen Rechnungshofs: Wenn nicht gehandelt wird, führt Europas Umstieg aufs E-Auto ins Debakel. Entweder haben Verbraucher und Hersteller den Schaden – oder der Klimaschutz scheitert. Viele Verbraucher wären ja bereit, auf E-Autos umzusteigen, wenn nur die Bedingungen stimmten. Aber sie fürchten zu Recht hohe Preise und geringe Reichweiten.

Zu wenige günstige und kleinere Modelle im Angebot

Der große strategische Fehler der Autobauer ist es, bislang zu wenig kleinere, günstige Modelle im Angebot zu haben. Es wird dauern, bis das korrigiert ist – zur Freude der chinesischen Wettbewerber. Die profitieren auch davon, dass die europäische Industrie trotz öffentlicher Förderung die Erwartungen bei der wettbewerbsfähigen Batterieherstellung nicht eingelöst hat.

EU-Korrespondent Christian Kerl
EU-Korrespondent Christian Kerl © FMG | FMG

Eines der größten Probleme für die Akzeptanz der E-Autos aber bleibt die fehlende Versorgung mit Ladesäulen, mit öffentlichen wie privaten. Das ist auch ein Versäumnis der Politik, die das Aufbautempo jetzt dringend beschleunigen muss, nicht nur finanziell. Stattdessen hat die Bundesregierung durch einen Zick-Zack-Kurs potenzielle Käufer verunsichert: Die Kaufprämie für E-Autos wurde über Nacht gestrichen, ein Förderprogramm für private Ladepunkte gleich mit.

Parallel diskutiert ein Teil der Politik, ob nicht das für 2035 festgelegte Aus für Verbrennerautos rückgängig gemacht werden sollte. Es spricht nichts gegen Technologieoffenheit, aber diese Debatte führt in die Irre: Die Klimaziele sind nach Lage der Dinge nur mit Elektromobilität zu erreichen, E-Fuels taugen allenfalls als Nischenlösung. Schluss mit den Ablenkungsmanövern: Deutschland und Europa müssen den Kampf jetzt aufnehmen.

Politik muss bei Ausbau von Ladesäulen Tempo machen

Der Absatzeinbruch bei den E-Autos muss als Weckruf verstanden, als Startpunkt einer neuen Offensive. Die Industrie muss ihre Modellpalette erweitern um kleinere, günstigere Elektro-Fahrzeuge. Die Bundesregierung muss wieder einen klaren Kurs verfolgen und ein neues Förderkonzept entwickeln. Und sie muss dafür sorgen, dass der Ausbau der Ladepunkte schneller vorankommt.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es steht die Zukunft der wichtigsten Industrie Deutschlands auf dem Spiel. Die heimischen Autobauer gehören zu den besten der Welt, sie haben noch immer das Potenzial, die Konkurrenz abzuhängen. Aber sie müssen jetzt mehr Tempo machen bei der Elektromobilität, statt sich weiter auf dem trügerischen Geschäftserfolg mit Verbrenner-Autos auszuruhen.