Berlin. Die FDP will sich beim Verbrenner-Aus ein Hintertürchen offen lassen: E-Fuels sollen sie retten. Was der Kraftstoff wirklich taugt.

Ab 2035 soll Schluss sein mit dem Verbrennungsmotor. Darauf hatten sich die EU-Kommission, die 27 Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament verständigt. Was noch fehlt, ist die Unterschrift der Mitglieder. Eigentlich eine Formsache. Doch nun könnte ausgerechnet der nächste Streit in der Ampel-Koalition dazu führen, dass der EU-weite Abschied vom Verbrennungsmotor kippt.

Zunächst war Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) vorgeprescht und hatte mit einem Veto gedroht, sollten synthetische Kraftstoffe, die sogenannten E-Fuels, nicht als Kompromissvorschlag Einzug halten in die Pläne der EU. Dann hatte Bundesfinanzminister und FDP-Chef Christian Lindner gegenüber unserer Redaktion nachgelegt: „Es ist unser Ziel, dass in Deutschland auch nach 2035 noch Neuwagen mit Verbrennungsmotoren zugelassen werden.“

Ausgerechnet die Grünen, Dauerstreitpartner der FDP in der Koalition, zeigen sich uneins. Während Bundesumweltministerin Steffi Lemke auf die Durchsetzung des verhandelten vollständigen Abschieds vom Verbrennungsmotor drängt, gibt sich Sven Giegold, Staatssekretär von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, offen für eine Lösung mit E-Fuels.

Fest steht: Einigt sich die Bundesregierung bis zur Abstimmung nicht auf eine gemeinsame Linie, müsste sie sich enthalten – und könnte damit das Vorgehen blockieren. Polen hatte schon bei einer ersten Abstimmung im Rat gegen die aktuelle Lösung gestimmt, auch Italiens neue Rechts-Regierung ist dagegen. Eine ursprünglich für den 7. März geplante Abstimmung des EU-Rats wurde verschoben.

Aber: Was taugen E-Fuels überhaupt? Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Kraftstoff.

Was bedeutet E-Fuels überhaupt?

Das „E“ steht für die Elektrizität, die für die Produktion von künstlichem Benzin, Diesel oder Kerosin benötigt wird. „Fuels“ sind Kraftstoffe.

Wie werden sie hergestellt?

Mit Hilfe von Strom wird aus Wasser und Kohlendioxid, dem Klimagas CO2, ein synthetischer Kraftstoff erzeugt. Der Strom wird für ein Elektrolyseverfahren benötigt, das Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Das CO2 wiederum wird zum Beispiel aus der normalen Umgebungsluft gewonnen, wo es im Übermaß vorhanden ist. Mittels Syntheseverfahren wird aus Wasserstoff und CO2 ein Brennstoff. Dies kann sowohl Benzin als auch Diesel oder Kerosin sein.

Warum sind E-Fuels ein Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel?

Der Autoverkehr setzt noch viel zu viel CO2 frei. Daran wird auch der Einzug der Elektromobilität nur langsam etwas ändern. Denn weltweit sind noch geschätzt eine Milliarde Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs, die erst nach und nach durch Elektroautos ersetzt werden können. E-Fuels sind im Hinblick auf den Klimaschutz saubere Kraftstoffe. Der benötigte Strom stammt aus erneuerbaren Energien, etwa Wind- oder Sonnenkraft. Der Sprit wird im Motor zwar auch verbrannt. Doch dabei wird nur das CO2 ausgestoßen, das der Luft für die Produktion auch entnommen worden ist. Auf diese Weise sind sie klimaneutral.

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Wie effizient wird die Energie genutzt?

Da der Strom nur über Umwege für den Antrieb von Fahrzeugen genutzt wird, geht ein großer Teil der Energie verloren. Der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) geht von einem Wirkungsgrad zwischen zehn und 15 Prozent aus. Bei reiner Elektromobilität liegt die Effizienz dagegen bei 80 Prozent und mehr. Eine Windkraftanlage mit einer Leitung von drei Megawatt kann laut VDE 1600 Fahrzeuge mit Elektromotor versorgen, aber nur 250 Fahrzeuge mit E-Fuels.

Wo können sie eingesetzt werden und wo werden sie schon eingesetzt?

Grundsätzlich können alle Verbrennungsmotoren auch mit E-Fuels umgehen. Die synthetischen Kraftstoffe können auch herkömmlichem Benzin oder Diesel beigemischt werden. Selbst die Boliden aus der Formel 1 wollen E-Fuels nutzen, um weniger umweltschädliche Autorennen zu ermöglichen. Aus heutiger Sicht ist der Einsatz von E-Fuels in größerem Stil vor allem bei zwei Anwendungen interessant: Einerseits könnten sie zu einem klimafreundlichen Luftverkehr beitragen, denn für Flugzeuge kommen rein elektrische Antriebe vorerst nicht in Frage. Das Gewicht der dafür benötigten Batterien ist zu hoch. Auch in der Schifffahrt werden E-Fuels zum Hoffnungsträger, weil damit die schweren Schiffsdiesel klimaneutral angetrieben werden können.

Warum gibt es Streit um E-Fuels?

Hinter dem Streit stehen zwei grundsätzlich verschiedene Positionen. Auf der einen Seite stehen die Anhänger der reinen Elektromobilität. Sie wollen keine Konkurrenz zwischen beiden Antrieben. Bei Neuzulassungen sollen Verbrenner möglichst bis 2035 aus dem Verkehr gezogen werden. Als Argumente dienen etwa der hohe Energiebedarf für die Produktion von künstlichem Benzin oder Diesel. Außerdem stoßen die Motoren beim Verbrennen weiterhin andere Schadstoffe wie Stickoxide oder Rußpartikel aus. Die Befürworter der E-Fuels, etwa aus der Automobilindustrie, verweisen auf die hohe Zahl der noch in Verkehr befindlichen Verbrenner und wollen eine technologieoffene Fortentwicklung der Antriebstechnik.

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Was kosten synthetische Kraftstoffe?

Heute würden Autofahrer an Zapfsäulen mit E-Fuels wohl kopfschüttelnd vorbeifahren. Für einen Liter des synthetischen Benzins müssten sie fünf bis sechs Euro hinlegen. Der Grund: Aktuell wird der Sprit nur in geringen Mengen hergestellt und ist auch deshalb sehr teuer. Die Industrie ist jedoch überzeugt davon, dass E-Fuels bei einer Massenproduktion sehr viel billiger werden könnten. Ein Preis unterhalb der Marke von zwei Euro wird für möglich erachtet. Die Wirtschaftsinitiative E-Fuels Alliance ist diesbezüglich noch optimistischer. Sie rechnet 2025 mit einer Preisspanne zwischen 1,66 Euro und 1,99, zehn Jahre später nur noch mit Preisen zwischen 91 Cent und 1,61 Euro pro Liter.

Wie viel Kraftstoff verbrauchen Autos heute und wie viel E-Fuels könnten produziert werden?

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit zeigt sich in dieser Frage eine beträchtliche Diskrepanz. Allein die Autoflotte der privaten Haushalte in Deutschland verbraucht rund 35 Milliarden Liter Benzin oder Diesel im Jahr. Von auch nur annähernd hohen Produktionszahlen sind die Hersteller von E-Fuels weit entfernt. Das Pilotprojekt von Porsche in Chile soll 130.000 Liter Kunstsprit erzeugen.

Die Pläne sehen für die Zukunft eine Produktion von 55 Millionen Litern vor. Auch anderswo werden in Bezug auf die Menge nur kleine Brötchen gebacken. Es wären also noch beträchtliche Investitionen in die Massenproduktion von synthetischen Kraftstoffen nötig, damit sie einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Denn bisher gibt es keine industrielle Massenproduktion von Kunstsprit. Das könnte Sie auch interessieren: Lindner gegen EU-Autopläne: Nein zum Verbrenner-Aus betont