„Satirefreiheit gilt auch bei #metoo-Kampagne“

Braunschweig  Werden die Opfer sexueller Belästigung durch den satirischen Beitrag „5 gute Tipps für Männer“ verhöhnt?

Leserin Marion Lenz, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig, schreibt zur Satirerubrik „5 gute Tipps für Männer“ im Wochenend-Magazin vom 4. November:

Satire überzeichnet, ja, das soll sie auch. Aber Opfer verhöhnen?

Für mich wurde in der Satire zu sexuellen Übergriffen eine Grenze überschritten. Sexuelle Belästigungen wurden schon immer abgetan, mit dem Zusatz: „Stell’ dich nicht so an“, und: „Das ist doch normal“. Dies führte dazu, dass die Opfer schwiegen und sich schämten. Jetzt endlich trauen sich Frauen und auch Männer, darüber zu sprechen. Ich meine hier die Kampagne #metoo – und schon wird es wieder lächerlich gemacht. Durch die Beispiele, die im Text gewählt wurden, wird suggeriert: Alles nur Frauen, die sich wie immer anstellen. Vielleicht sollte dies witzig sein, es ist aber nur billiges Stammtisch-Niveau.

Ich erwarte von einer Tageszeitung, dass sie auch kritisch über Kampagnen berichtet. Hier jedoch fühlen sich Opfer von sexuellen Übergriffen in meinen Augen zu recht verhöhnt.

Der verantwortliche Redakteur Martin Jasper nimmt zur Beschwerde Stellung:

Empörung über Satire gehört zur Satire, seit es Satire gibt. Denn Satire, die in irgendeiner Weise korrekt oder ausgewogen ist, ist keine.

Mir ging es um ein kleines Gegengewicht zu den in allen Medien, auch unserer Zeitung (sehr zurecht sehr ausführlich) angeprangerten und von mir ja in keiner Weise bezweifelten männlichen Übergriffen auf Frauen. Gleichwohl treibt die Debatte seltsame Blüten: Ein Nobelpreisträger wird von seiner Universität entlassen, weil er in einem Vortrag einen harmlosen selbstironischen Scherz über Frauen in Laboren gemacht hat. Eine juristisch beschlagene Bekannte, deren Mann Lehrer ist, schimpft ihn aus, weil er eine Schülerin in seinem Auto nach Hause gefahren hat: „So etwas darfst du auf keinen Fall machen!“ In den USA steigt kaum noch ein Mann mit einer weiblichen Angestellten/Kollegin/Studentin in einen Aufzug, wenn kein Dritter dabei ist.

Es gibt nicht nur die Fälle Kachelmann und Lohfink, bei denen Gerichte zugunsten der Männer entschieden haben. Es gibt eine Reihe von Fällen, in denen falsche Anschuldigungen von Frauen das Leben von Männern ruiniert haben. Erst kürzlich war ein solcher Fall sogar zur besten Sendezeit Thema eines Fernsehfilms in der ARD. Es gibt Anzeichen für ein gesellschaftliches Klima, das dem verheerenden Satz: „Alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger“, näher kommt.

Meine ironisch überspitzen Tipps wollten nicht mehr als eine kleine Lanze für unbescholtene Männer brechen (es gibt solche), die sich in diesem Klima der zunehmenden Verkrampfung zwischen den Geschlechtern unwohl fühlen. Das alles rechtfertigt und verharmlost keine einzige sexistische Idiotie von Männern. Ich dachte, das verstehe sich zwischen zivilisierten Redakteuren und ebensolchen Lesern von selbst. Da es offenbar nicht so ist, tut’s mir leid.

Die Ombudsräte Joachim Hempel und David Mache schreiben:

Die Freiheit der Kunstform Satire leitet sich – wie die Pressefreiheit – aus Artikel 5 unseres Grundgesetzes ab. Dort heißt es unter anderem: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Erst im vergangenen Januar hat der Bundesgerichtshof die Satirefreiheit gestärkt: Kabarettisten müssten sich demnach bei einer zugespitzten Kritik nicht bis ins letzte Detail an Fakten halten. Entscheidend sei der Gesamteindruck, der beim Zuschauer der Kabarettsendung zurückbleibe.

Der renommierte Medienrechtler Udo Branahl definiert Satire als „öffentliche Kommentierung von Personen und Ereignissen in einer erkennbar unernsten, übertriebenen, grotesken, verzerrten oder verfremdeten Form“. Satire muss also als solche erkennbar sein. Die Rubrik „5 gute Gründe“ im Wochenendmagazin dieser Zeitung ist stets mit dem Zusatz „Vorsicht, Satire!“ versehen, also deutlich vom ernsthaft-nachrichtlichen Inhalt abgegrenzt. Der kritisierte Beitrag „5 gute Tipps für Männer“ ist im Sinne der medienrechtlichen Definition erkennbar übertrieben und unernst. Ratschläge wie: „Um Himmels willen: Gucken Sie weg!!!“, oder: „Vielleicht finden Sie noch ein barmherziges Kloster, das Sie aufnimmt“, sind so offensichtlich unernst gemeint, dass die weit überwiegende Mehrheit der Leser sie auch als Satire verstehen dürfte.

Ihre Grenzen findet Satire laut Branahl „erst dort, wo es sich um reine Schmähung oder Formalbeleidigung handelt beziehungsweise die Menschenwürde angetastet wird.“ Dies ist hier nicht der Fall. Auch Punkt 4 der Satire, in dem Gina-Lisa Lohfink und die Ex-Freundin Jörg Kachelmanns genannt werden, enthält keine Schmähkritik. Vielmehr wird der wahre Aussagekern – nämlich ihr Scheitern als vermeintliche Opfer sexueller Gewalt vor Gericht – in eine unernste Aussage eingekleidet: „Derlei Fehlurteile sind bloß Restbestände uralter patriarchalischer Rechtsbeugung.“

Gibt es nun Themen, die besser oder schlechter für Satire geeignet sind? Sicher kann ein Satiriker mit mehr Zustimmung rechnen, wenn er seinen Spott gegen Mächtige aus Politik oder gar – wie im Fall Böhmermann/Erdogan – gegen einen Despoten richtet, statt gegen eine Kampagne wie #metoo, deren Anliegen es ist, auf einen gesellschaftlichen Missstand hinzuweisen. Gleichwohl weist die Debatte um Sexismus inzwischen nicht nur in den USA hysterische Züge auf. Die Schriftstellerin Thea Dorn sprach kürzlich sogar von „moralischem Totalitarismus“. So gilt wohl auch in diesem Fall Tucholskys Antwort auf die Frage: Was darf Satire? „Alles.“

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