Leitartikel

Wölfe in Schafspelzen

„Tagtäglich wächst das Selbstbewusstsein der neuen Rechten. Dass es dazu nicht nur harte Rechtsextreme braucht, zeigt der Diskurs in den Medien.“

Ein Mann schreibt in meine lokale Facebook-Gruppe, in der Nachbarn einander helfen. Er strahlt in die Kamera. Auf der Terrasse hält er sich wohl auf, neben ihm steht ein Tisch mit Saucen. Vermutlich wird gegrillt. Nett wirkt er. Ganz nebenbei hält er eine Reichskriegsflagge in den Händen.

Tagtäglich wächst das Selbstbewusstsein der neuen Rechten. Dass es dazu nicht nur harte Rechtsextreme braucht, zeigt der tägliche Diskurs in den Medien. Dieter Nuhr beschwerte sich zur besten Sendezeit über das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ von Alice Hasters. Das Buch sei selbst rassistisch, weil es weißen Menschen Rassismus unterstelle. Ist ja klar, so Nuhr, dass das Buch in den USA so gut ankomme. Entlarvend für Nuhr: Alice Hasters ist eine Deutsche mit schwarzer Haut. Das Buch ist im Ausland nie erschienen, er geht wegen ihres Aussehens und Namens auf dem Buchcover nur davon aus. Hätte er es gelesen, wüsste er zudem, dass sie das Thema differenzierter analysiert, als er es ihr unterstellt. Auch Wolfgang Kubicki reiht sich in die Nuhr-Logik ein: „Der Korridor des Sagbaren wird immer schmaler“, schreibt er im Buch „MeinungsUNfreiheit“. Ich sage: Der Korridor des Tolerierten wird schmaler. Ja, polemische Aussagen fallen unter die Meinungsfreiheit. Man muss aber auch aushalten, dass dagegengehalten wird.

Ist es „sagbar“, dass die Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen hat? Ja, das ist es. Die Institution war Teil des mörderischen Systems. Wenn es nach einigen Politikern in Bergen geht, ist das nicht mehr sagbar, auch wenn es wissenschaftlich belegt ist. Der Mann mit der Reichskriegsflagge auf Facebook lacht sich ins Fäustchen.

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